Chrigels Traum vom Fliegen

Wenn Gleitschirmfliegen Chrigel Maurer loslegt, dann richtig. Dazu, immer besser zu werden, hat der Adelbodner seine ganz persönliche Methode. Wie diese funktioniert, erzählt er an Vorträgen und Weiterbildungen für Firmen.

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Er hat es wieder getan. Zum fünften Mal nacheinander: Christian «Chrigel» Maurer ist am Red Bull X-Alps, dem härtesten Gleitschirmrennen der Welt, einmal mehr als Erster im Ziel gelandet. Seine persönliche Mischung aus Begeisterung, Lockerheit und Ehrgeiz scheint unfehlbar: Seit Jahren fliegt der 35-Jährige an der Weltspitze, und nicht viele fliegen so elegant und präzis wie der «Eagle Chrigel», der Adler von Adelboden. Trotzdem ist Maurer völlig natürlich ge­blieben.

Und auf die Frage, wie er es so weit gebracht hat, sagt er: «Ich mache es halt einfach.» So, als könnten das alle, wenn sie es bloss anpacken würden. Bei ihm jedenfalls ging das: Einen Schritt nach dem anderen strebte er seinen Zielen entgegen.

Neue Blickwinkel

Schon als Erstklässler hatte er der Weltelite der Gleitschirmflieger zugeschaut und sich vorgestellt, wie er eines Tages am Himmel segeln würde. Nach der Schule überlegte er sich, mit welcher Ausbildung sich genug Geld zum Fliegen verdienen lässt, und absolvierte eine Maurerlehre. Auf die Frage, wie er zu Geld und gutem Material kommt, um seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, fand er ebenso flink eine Antwort: Er wurde Tandempilot und Testflieger für Schirmhersteller. Und nahm an Wettkämpfen teil. Mit 20 Jahren flog er bereits auf Rang sechs der Weltrangliste, und seither ist er fast immer vorne dabei: vierfacher Weltmeister, fünffacher Schweizer Meister, Akrobatikanlässe und Langstreckenwettkämpfe – Maurer schafft es immer wieder aufs Podest.

Sein Geheimnis? «Ich bin ein Träumer», sagt Chrigel Maurer und grinst, weil er selber merkt, dass das nicht sehr realistisch klingt. Aber er nickt: «Doch, ich stelle mir vor, wie der beste Fall aussähe, wie es wäre, wenn es perfekt laufen würde.» Seine Erfahrung zeigt, dass er mit dem Träumen Erfolg hat. Und mit viel innerer Motivation, Können und Risikobereitschaft. Er will sich selber immer wieder weiterbringen und übertreffen. Weil er «diese Challenge, immer weiterzukommen» aus Freude annehme, bleibe er unverkrampft, sagt er.

Das beeindruckt nicht nur seine Konkurrenten. Seit neun Jahren ist Maurer auch ein gefragter Referent. Für Interessierte, wie dieser Tage im Rahmen der Explora-Vorträge, aber auch in Firmen: Er erklärt Managern und ihren Teams, wie auch sie im Büro über das Alltägliche hinausschauen und für Projekte einen neuen Blickwinkel ausprobieren können. Der Meisterflieger kann ihnen so etwas vom Gefühl mitgeben, wie es ist, ganz oben zu fliegen, diesen Ausgleich zur Erde zu haben. «Ich glaube, es fasziniert viele, dass ich so konsequent das mache, was ich am ­besten kann.» Und das aus Leidenschaft.

«Es fasziniert die Leute, dass ich so konsequent das mache, was ich am besten kann.»Chrigel Maurer

Manchmal allerdings läuft es auch für Chrigel Maurer nicht wie geplant. Vor ein paar Jahren zog er sich bei einer einfachen Landung einen komplizierten Bruch am Fuss zu. Diesen Sommer, drei Monate nach dem grossen X-Alps-Triumph, landete er im Weltcup auf dem wenig ruhmvollen 51. Rang, «dem schlechtesten meiner Karriere». Niederlagen, die ihn wurmen.

Aber der Athlet kann nicht nur sich selber wieder aufrichten, sondern mit seinen Tipps auch Managern helfen: Wie man mit Stress und Frust umgehen kann, wie man Risiken einschätzt und sich immer wieder motiviert, dranzubleiben – dieses Wissen kommt auch Firmenteams zu nutzen. Chrigel Maurer selber überlegt oft noch während eines Flugs, der nicht optimal läuft, was er das nächste Mal verbessern kann. «Mich besser vorbereiten beispielsweise und nur noch starten, wenn ich genügend fokussiert bin.»

Neue Träume

Sein Rezept funktioniert. Aber das ganz grosse Geheimnis, sagt er, müsse jeder für sich finden: Die Leidenschaft und die derart bedingungslose Freude an einer Tätigkeit, dass der Ehrgeiz besser zu werden, von allein kommt. Schwingen, Bergsteigen oder Schlagzeugspielen – so richtig gepackt haben Maurer diese Hobbys nie. «Beim Fliegen hingegen hatte ich einfach Freude, so lange ich mich erinnern kann.»

Er hofft, dass auch seine beiden Söhne etwas finden, das sie vollauf begeistert. Im Moment finden sie Gleitschirmfliegen ganz cool, aber vielleicht packt sie eines Tages das Biken oder das Skifahren. «Ich möchte ihnen alles zeigen und ihnen helfen, ihre Begeisterung zu finden», sagt Maurer. Haben sie es gefunden, will er ihr Verständnis wecken, wie das Können entsteht, aber sie nicht zu fest drücken. Das ist Teil seines Geheimnisses: mehr Freude als Druck. Und was ist mit ihm, wird ihm nach fünf grandiosen ­X-Alps-Siegen nicht langweilig? Nachdenkliches Stirnrunzeln. «Es ist schon speziell, wenn man sich rangmässig nicht mehr toppen kann.»

Tatsächlich habe er inzwischen nicht mehr so klare Ziele und Träume, zu vieles habe er schon erreicht. Aber dann kommt ihm sofort in den Sinn: «Doch, das gibt mir für ein halbes Jahr ein Ziel, Begeisterung und einen Grund, mich weiterzuentwickeln.» Wichtig sei für ihn nicht mehr der Rang, sondern das Erlebnis. Und das Ziel, es immer noch besser zu machen, ohne verbissen zu werden. Das ist es, was Eindruck macht: Segelt Maurer durch die Lüfte, hat man das Gefühl, das geschehe absolut mühelos.

Das intensive Training dahinter vergisst man völlig. Und Maurer hat immer neue Ideen. Muss er eines Tages seinen Körper mehr schonen, will er stattdessen noch intensiver an der Präzision arbeiten. Er gerät schon wieder ins Träumen. «Vielleicht gibt es mal Zielspringen als olympische Disziplin – da wäre ich gerne dabei.»

Wundern würde das niemanden. Auch nicht, wenn er dann wieder den Sieg davontrüge.

Vorträge: Mittwoch, 19.30 Uhr, Burgsaal, Thun. Morgen, 19.30 Uhr, Aula Freies Gymnasium, Bern. Freitag, 19.30 Uhr, Burgsaal, Thun. www.explora.ch

Berner Zeitung

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