Bruchlandung in der Simme – Flugunfall in Zweisimmen geklärt

Zweisimmen

Der Unfall-Schlussbericht des Bundes zeigt auf, warum vor dreieinhalb Jahren ein Kleinflugzeug verunfallte. Demnach hatten Pilot und Fluglehrer die notwendige Höhe für eine Umkehrkurve falsch eingeschätzt.

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Es war der Nachmittag des 27. April 2015: Im Rahmen eines Jahresüberprüfungsflugs wollten ein Pilot und ein Fluglehrer trainieren, was im Falle einer Motorenpanne zu tun sei. Die beiden starteten vom Flugplatz Zweisimmen aus. Während dieses Flugs wollten sie ein Notfallszenario durchspielen – doch dann wurde aus der Simulation plötzlich Ernst.

Es kam an Bord zu einer Situation, die Pilot und Fluglehrer zuvor nicht explizit besprochen hatten. Der Pilot fragte nach, ab welcher Höhe im Fall einer Panne eine Umkehrkurve oder eine verkürzte Platzrunde nach dem Start noch möglich sei. Der Fluglehrer gab dem Piloten dazu keine konkrete Antwort, was der gängigen Praxis der Flugschule für solche Notfallübungen entspricht.

Zu viel Querlage

Gemäss dem gestern Donnerstag veröffentlichten Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) einigten sich Fluglehrer und Pilot darauf, dass Letzterer nach eigener Einschätzung selbstständig das Gas herausnehmen und die Umkehrkurve einleiten sollte. Der Pilot drehte das Flugzeug zuerst um 30 Grad nach rechts Richtung Flugfeld – dann um 45 Grad, was eine höhere Sinkrate zur Folge hatte als bei Kurven mit 30 Grad Querlage.

Somit war die Maschine viel zu tief, um die anvisierte Piste 17 auf dem Flugplatz Zweisimmen noch zu erreichen – die Besatzung bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Dazu kam, dass in dieser Phase der Motor abstellte. Die Crew war sich schliesslich im Nachhinein nicht im Klaren, wer effektiv wieder hätte Gas geben sollen. Als der Fluglehrer realisierte, dass die verbleibende Höhe nicht mehr ausreichte, um zur Piste 17 zu gelangen, übernahm er instinktiv die Steuerung und leitete eine Notlandung ein.

Sturz in die Simme

Laut Sust-Unfallbericht steht fest: Beide Besatzungsmitglieder hatten die notwendige Höhe für eine Umkehrkurve falsch eingeschätzt; sonst hätten sie sich wohl kaum in diese Situation manövriert. Schliesslich kollidierte der Flieger mit den Baumkronen nördlich des Flugfeldes und stürzte in die dahinter fliessende Simme, die wie in dieser Jahreszeit üblich viel Wasser führte. Der Fluglehrer realisierte, dass den beiden nicht viel Zeit blieb, sich aus dem Wrack zu befreien – der Pilot hatte kurzzeitig das Bewusstsein verloren. Der Fluglehrer öffnete die Gurte und stieg auf die Motorhaube.

Dort half er dem Piloten. Als dieser im Wasser war, sprang der Flug­lehrer hinterher. Beide konnten schwimmend das Ufer der reissenden Simme erreichen. Das Flugzeugwrack wurde durch die Flussströmung über 500 Meter weit mitgerissen. Teile davon fanden sich sogar im 35 Kilometer weit entfernten Thunersee, in welchen die Simme mündet.

Entscheid erstaunt

Beim vorliegenden Unfall wurde eine Umkehrkurve deutlich über der Mindestflughöhe von 80 Metern eingeleitet, aus der es der Besatzung nicht gelang, eine Notlandestelle zu finden. Dies zeigt laut Sust, dass zur Festlegung einer Entscheidungshöhe eine Analyse der relevanten situativen Faktoren wie Piste, Hindernissen, Topografie, Wind, Masse und dergleichen vor dem Start stattfinden müsse.

Weiter heisst es, dass es erstaune, dass der Fluglehrer mit Blick auf die Topografie rund um das Flugfeld eine derart niedrig eingeleitete Umkehrkurve zugelassen habe.

Berner Oberländer

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