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Beim Fischen geht es um Millimeter

Ein Mann wurde von der Staatsanwaltschaft gebüsst, weil er einen gefangenen Felchen, der das Fangmindestmass nicht erreichte, behielt. Dagegen erhob er Einsprache. Doch das Gericht sprach ihn gestern ebenfalls schuldig.

0,8 Zentimeter zu kurz: Eine Messung ergab, dass einer der Fische lediglich eine Länge von 27,2 Zentimetern aufwies.
0,8 Zentimeter zu kurz: Eine Messung ergab, dass einer der Fische lediglich eine Länge von 27,2 Zentimetern aufwies.

An einem Morgen im Mai dieses Jahres befand sich ein 78-jähriger Schweizer mit seinem Boot auf dem Thunersee beim Fischen. Er fing zwei Felchen, die er nach der Tötung in eine Kühlbox legte. Am Nachmittag geriet er in die Kontrolle eines vollamtlichen Fischereiaufsehers, der mit der Seepolizei unterwegs war. Eine Messung ergab, dass einer der Fische lediglich eine Länge von 27,2 Zentimetern aufwies, womit das Fangmindestmass von 28 Zentimetern nicht erreicht wurde.

Der Aufseher erstattete Anzeige, worauf dem Fischer ein Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern, Region Oberland, ins Haus flatterte. Er wurde der Übertretung der Fischerei­gesetzgebung schuldig erklärt, und ihm wurden eine Busse von 50 Franken sowie Gebühren von 100 Franken auferlegt. Weil er ­dagegen Einsprache erhob, kam es gestern zur Hauptverhandlung vor dem Regionalgericht Oberland in Thun.

Schrumpfen tote Fische?

Der Petrijünger erschien ohne Verteidiger vor Gericht, hatte jedoch vorgängig den Rat eines Anwalts eingeholt. Beim ausgesprochenen Strafmass hätte er keinen Anspruch auf einen Pflichtverteidiger gehabt.

Dass bei der Kontrolle lediglich eine Länge von 27,2 Zentimetern ermittelt wurde, führte der Angeklagte auf den Verschrumpfungsprozess toter Fische zurück.

«Ich habe den Felchen unmittelbar nach dessen Fang gemessen und eine Länge von 28,1 oder 28,2 Zentimetern festgestellt», gab der Mann bei der Befragung durch Gerichtspräsident Jürg Santschi zu Protokoll. Dass bei der Kontrolle am Nachmittag lediglich eine Länge von 27,2 Zen­timetern ermittelt wurde, führte er auf den Verschrumpfungs­prozess toter Fische zurück. Im Nachgang hatte er Versuche angestellt und wissenschaftliche Studien zitiert, die seine These stützen sollten. Zudem machte er tierschützerische Überlegungen geltend.

Keine Toleranz

Den Argumenten des Anglers widersprach der Fischereiaufseher, der als Zeuge einvernommen wurde. Er räumte ein, dass Fische Stunden nach der Tötung an Länge verlieren können. «Dabei kann es sich höchstens um 1 bis 3 Millimeter und nicht wie im vorliegenden Fall um fast einen ganzen Zentimeter handeln», sagte er. Gesetzlich gebe es keine Toleranz, beantwortete er eine Frage des Richters.

«Wir Aufseher messen aber ­immer zugunsten der Fischer», betonte der Aufseher. Hier sei jedoch das Mindestfangmass massiv unterschritten worden. Er kreidete dem Mann zudem an, dass er als erfahrener Angler und früherer freiwilliger Fischereiaufseher um das Vorgehen im Zweifelsfall hätte wissen müssen.

Wird Urteil angefochten?

Einzelrichter Santschi stützte den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Fischer zu einer Busse von 50 Franken und zu den Verfahrenskosten von 500 Franken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es kann innert zehn Tagen Berufung eingelegt werden. «Höchstwahrscheinlich werde ich davon ab­sehen», sagte der Mann gegenüber dieser Zeitung. Er wolle dies aber noch mit seinem Anwalt besprechen.

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