Interlaken

«Bei gewissen Mentalitäten braucht es mehr Geduld»

InterlakenRegula Batt aus Interlaken ist Tandempilotin bei Twin Paragliding und seit Anfang Jahr hauptberuflich in der Luft. Sie erzählt von ihren persönlichen Herausforderungen, glücklichen Kunden und weshalb sie manchmal auch Nein sagen muss.

Regula Batt

Regula Batt Bild: Fritz Lehmann

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Das Hobby zum Beruf zu machen, ein guter Entscheid?
Regula Batt: Natürlich ist es ein toller Job, du kannst fliegen gehen und damit Geld verdienen. Aber easy ist der Job nicht, sondern sehr anspruchsvoll. Die meteorologischen Bedingungen ändern sich von Flug zu Flug, man trägt eine grosse Verantwortung, die Kunden sind sehr unterschiedlich.

Tandem-Gleitschirmfliegen ist nach wie vor eine Männer­domäne. Warum?
Allgemein gibt es viel weniger Gleitschirmpilotinnen als -piloten. Warum, weiss ich eigentlich nicht. Ob es sich die Frauen we­niger zutrauen und ängstlicher sind? Ein ganzer Tag Tandem­fliegen ist zudem kräfteraubend, und man muss auch physisch in guter Verfassung sein. Aber es ­gäbe ja genügend Frauen, welche diese Voraussetzung mitbringen würden...

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Fliegen ist meine Passion, und mein bisheriger Job im Büro erfüllte mich nicht mehr. So habe ich gekündigt und war auf der Suche nach etwas Neuem. Aber ich wollte nicht einfach wieder in ein anderes Büro wechseln, sondern habe eine ganz neue Herausforderung gesucht.

Vom Bürostuhl direkt in den Gleitschirmsitz...
Nicht ganz, 2015 habe ich das Tandem-Gleitschirmbrevet gemacht. Danach stand ich immer wieder nebenberuflich als Pilotin im Einsatz. Durch einen Kreuzbandriss beim Skifahren fiel ich dann eine Zeit lang aus. Ich konnte kaum warten, bis ich wieder fliegen durfte, und freute mich auf die neue Herausforderung.

«Easy ist der Job nicht, sondern sehr anspruchsvoll.»

Jeden Tag zig Flüge «abspulen», wird man da nicht ziemlich ­abgebrüht?
Im Gegensatz zu anderen Piloten, die schon Jahre und Jahrzehnte in diesem Business tätig sind, ist jeder neue Tag für mich persönlich eine besondere Herausforderung. Auch wenn man alle Voraussetzungen mitbringt, muss man sich erst einmal einleben und Erfahrung sammeln.

Wie viele Flüge machen Sie pro Tag?
Das ist unterschiedlich und saisonabhängig. Mit etwa fünf Flügen pro Arbeitstag kann ich gut davon leben. Andere Piloten machen mehr Flüge, aber ich bin auch so abends geschafft (lacht).

Wie waren Ihre ersten Erfahrungen in diesem Metier?
Ich war froh, dass ich im Winter einsteigen konnte, da sind die Luftmassen ruhiger. Und es lief noch nicht viel. Jetzt ist Hochsaison, da geht es an den Start- und Landeplätzen hektisch zu und her. Ich muss mich noch daran gewöhnen, aber bis jetzt läuft es gut. Im Team fühle ich mich wohl, man hilft sich gegenseitig, wo immer das möglich ist.

Als Biplace-Pilotin übernehmen Sie Verantwortung für ein zweites Leben. Belastet einen das?
Eigentlich nicht. Denn wenn ich privat unterwegs bin, will ich auch wieder heil herunterkommen. Das ist mit einem Passagier nicht anders. Ein sicherer Flug ist das A und O. Aber zu zweit ist es ein anderes Fliegen.

Wo liegt der Unterschied?
Das Schwierige ist es, den Passagier einzuschätzen, den du nicht kennst. Etwa wenn schwacher Wind vorherrscht und du am Startplatz rennen musst. Kann er das? Oder sitzt er plötzlich ab? Allein weiss ich genau, wie ich mich verhalten muss, zu zweit ist es eine andere Situation. Verständigungsprobleme durch eine andere Sprache machen dies nicht einfacher. Da muss man ein Gespür entwickeln und Erfahrung sammeln.

«Das Schwierige ist es, den Passagier einzuschätzen, den du nicht kennst.»

Sicherheit ist das A und O, aber wie gross ist der kommerzielle Druck?
Der Gruppendruck ist hoch. Jeder ist jedoch für sich selber verantwortlich und entscheidet, ob die Verhältnisse für ihn stimmen oder nicht. Wir haben die Möglichkeit, Nein zu sagen und mit dem Bus wieder runterzufahren.

Das kam schon vor?
Ja, diese Entscheidung habe ich schon ein paarmal getroffen und war froh darum. Mit meiner Erfahrung sage ich auch mal Nein, wenn andere – mit mehr Erfahrung – noch fliegen. Es braucht dann die nötige Erklärung für den Passagier. Diese wurde bisher immer akzeptiert, und die Gäste haben dann auch die Möglichkeit, ihren Flug umzubuchen und bei besseren Bedingungen zu fliegen. Bei uns wird das so ­akzeptiert, was ich schön und wichtig finde, denn die Sicherheit steht über allem.

Unterschiede bei männlichen und weiblichen Passagieren?
Ich habe den Eindruck, dass Frauen viel eher zu ihren Gefühlen stehen. «Ich habe Angst, ich bin nervös» und dergleichen hört man viel eher. Männer schweigen vielfach, man merkt es aber an ihrem Verhalten während des Fluges, wie es ihnen geht. Entweder sind sie ganz still, reden plötzlich viel oder freuen sich einfach.

Und die Männer akzeptieren, wenn eine Frau fliegt?
Ich denke, viele sagen es auch nicht, wenn es ihnen nicht passt. Während der Busfahrt Richtung Startplatz können sich Leute aussuchen, mit wem sie fliegen wollen. Da habe ich bisher noch nie etwas Negatives gehört.

Gibt es kulturelle Unterschiede bei den Kunden?
Bei gewissen Mentalitäten muss man mehr Geduld aufbringen als bei anderen. Aber das stört mich jetzt eigentlich nicht. Derzeit haben wir viele Leute aus Südkorea, sehr angenehme, dankbare Menschen. Teilweise ist es für gewisse Gäste nicht nachvollziehbar, dass, wenn sie für einen Flug bezahlen, sie noch selber rennen müssen, um in die Luft zu kommen. Aber wenn man ihnen den Grund erklärt, dann ist das Verständnis meist da.

«Männer schweigen vielfach, man merkt es aber an ihrem Verhalten während des Fluges, wie es ihnen geht.»

Besondere Gegebenheiten?
Es ist schön, zu sehen, wenn Leute dankbar sind. Wenn sie sagen, dieser Flug sei das Schönste, was sie jemals getan hätten, berührt mich das. Einmal hatte ich eine Inderin, etwas übergewichtig, sie konnte schlecht rennen und hatte Angst. Eigentlich keine guten Voraussetzungen. Sie behielt auch lange Zeit die Augen geschlossen. Irgendwann hat die Frau dann ihre Augen geöffnet und konnte den Flug geniessen.

Wie ging die Geschichte aus?
Nach der Landung war die Frau sehr stolz, dass sie es geschafft hat, sie hat sich sehr bei mir bedankt. Solche Anerkennung tut natürlich gut. Aber es gibt andere: Die spulen die Aktivitäten in unserer Region einfach ohne grosse Emotionen ab. Das habe ich selber so nicht erwartet.

Wie ist es bei Ihnen? Haben Sie noch Emotionen beim Fliegen?
Wenn man so viel fliegt, dann geht man vielleicht davon aus, dass es plötzlich sehr «maschinell» wird und man abstumpft. Aber dem ist nicht so. Die Fliegerei mit Passagieren ist mit sehr vielen Emotionen verbunden.

Wie ist es mit arabischen Frauen?
Wir haben sehr viele Gäste aus dem arabischen Raum. Das geht eigentlich ganz problemlos, sie oder ihr Mann verlangen aber dann explizit nach einem «Lady Pilot». In unserem Team sind wir rund ein halbes Dutzend Frauen, dann teilen wir uns die Gäste auf.

Und wie läuft es mit verschleierten Mitfliegerinnen?
Eigentlich nicht anders als bei anderen Frauen. Nur einmal hatte ich eine Frau, ihr Mann wollte nicht, dass ich Fotos schiesse. Ich merkte aber, dass sie Fotos wollte, denn sie äusserte den Wunsch, ihr Handy in der Luft benutzen, was verboten ist. Wir konnten uns dann einigen, dass ich Bilder mache und ich diese anschliessend, vor ihren Augen, von meinem Gerät lösche. Das habe ich dann auch gemacht. Schlussendlich war sie sehr zufrieden. Das ist die Hauptsache.

Die Ausbildung zum Tandem-Gleitschirmpiloten verläuft mehrstufig. Für das Gleitschirmbrevet absolviert man Höhenflüge und eine theoretische und eine praktische Prüfung. Die Anforderungen für Tandempiloten sind höher. Zuerst darf man mit genügend Flugerfahrung (nach Schulung und Prüfung) nur mit ebenfalls lizenzierten Piloten fliegen. Für die Tandem-A-Prüfung, die zu kommerziellen Flügen berechtigt, gibt es eine weitere Prüfung (theoretisch, praktisch).

Schulungsinfos: www.shv-fsvl.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.07.2017, 21:40 Uhr

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