Auf dem Weg zum Freizeitunternehmen

Interlaken

An der Generalversammlung der Jungfraubahn Holding AG präsentierten CEO Urs Kessler und VR-Präsident Thomas Bieger den Aktionären tolle Rekordzahlen. Für den Kanton jedoch gabs Kritik.

Volles Haus: Im Kongresszentrum (Bild) hatten nicht alle der 1325 Aktionäre Platz – ein Teil von ihnen verfolgte die Versammlung per Live-Übertragung im nahen Kongresssaal. Fotos: Bruno Petroni

Volles Haus: Im Kongresszentrum (Bild) hatten nicht alle der 1325 Aktionäre Platz – ein Teil von ihnen verfolgte die Versammlung per Live-Übertragung im nahen Kongresssaal. Fotos: Bruno Petroni

«Selbstzufriedenheit ist der grösste Feind von Innovation und Qualität»: Diese unternehmerische Weisheit des deutschen Politikers Hans-Olaf Henkel stellte CEO Urs Kessler an den Anfang seines Referates am Montag an der Generalversammlung der Jungfraubahn Holding AG.

Und er doppelte gleich nach mit «Die grösste Gefahr für morgen ist der Erfolg von heute». Fürwahr zwei gut gemeinte Warnungen, die für das Bahnunternehmen mit Sitz in Interlaken von grösster Bedeutung sind. Denn, wie Kessler nochmals ausführlich darlegte: Die Holding hat 2018 wie schon in manchen Vorjahren rekordmässig geschäftet.

CEO Urs Kessler konnte von einem Rekordjahr berichten.

Die Zahlen, darunter die bisher höchsten bei Umsatz (213 Millionen Franken), Gewinn (48 Millionen Franken), Verkehrsertrag (154 Millionen Franken) und 1,067 Millionen Joch-Gästen, waren bereits Ende März kommuniziert worden.

Diese Zahlen liessen sich die 1325 anwesenden Aktionäre, die knapp 1,65 Millionen und damit 70,3 Prozent aller stimmberechtigten Aktien vertraten, gerne nochmals präsentieren. Zustimmendes Gemurmel und spontanen Applaus erntete Urs Kessler aber auch für die Strategie der Markenpositionierung – und für Kritik an der Tourismuspolitik des Kantons.

Rentabilität statt Frequenz

Zum Erfolg der Jungfraubahn Holding AG beziehungsweise deren Tochtergesellschaften beigetragen hat gemäss Kessler auch «eine glasklare Positionierung» der Erlebnisberge wie beispielsweise First- und Harderbahn.

Erstere steigerte ihre Frequenzen um 18,2 Prozent. Diese Frequenzen habe man «nur einfach und nicht pro Bahnsektion gezählt», sagte Kessler und fügte mit einem schmunzelnden Seitenhieb auf die Schilthornbahn an, dass «es ja einzelne Unternehmen gibt, welche die Frequenzen gleich achtfach zählen».

Überhaupt, so der Vorsitzende der Geschäftsleitung, seien nicht die Frequenzen der wichtigste Richtwert. Sondern: «Entscheidend für jede Unternehmung ist die Rentabilität.» Dazu trage der Durchschnittsertrag pro Gast bei. Beim Geschäftsfeld Jungfraujoch liege man momentan bei 112 Franken, als Ziel seien nun 120 Franken definiert worden.

Kritik am Kanton

«Zu unseren Stärken im Marketing gehört die schnelle Anpassung an die Marktbedürfnisse», hielt Kessler fest. Zuoberst stehe dabei das Jungfraujoch, mit dem Ziel, dass diese Marke «an Anziehungskraft weiterhin stetig zunimmt und global noch bekannter wird». Und mit Blick auf das grösste Projekt des Unternehmens, dessen Zeitplan und Budget «auf Kurs sind», sagte Kessler: «Die gesamte Realisierung des V-Bahn-Projekts führt uns zurück in die Champions League des Wintersports.»

Ganz grundsätzlich wolle man die Jungfraubahn-Gruppe «zu einem integrierten Freizeit- und Serviceunternehmen weiterentwickeln». Zur Strategie gehören neue Verkaufsläden, so vor allem im Gebäude am Höheweg, das der Berner Kantonalbank abgekauft wurde. Hier soll Anfang Oktober ein «Top of the Shops» eröffnet werden, für den Kessler ein schweizweit «neues Shoppingerlebnis» versprach.


Viele dieser Projekte sind von politischem Willen abhängig. Aber: «Die oft praktizierte Politik des Verhinderns ist schädlich für die Weiterentwicklung des Tourismus im Kanton Bern», sagte Urs Kessler, enttäuscht von der Ablehnung der beiden geplanten Firstbahn-Projekte «First Free Fall» und «First Cristal Peak» durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR). «In Zukunft», so Kessler weiter, «brauchen wir im Kanton Bern weniger Regulierung, dafür Leute am Ruder, die mehr Selbstverantwortung übernehmen.»

Gegen Dynamic Pricing

In seiner Begrüssungsrede hatte VR-Präsident Thomas Bieger ebenfalls den Weg der Holding «vom Tourismus- zum Freizeitunternehmen» skizziert mit den beiden Trümpfen Shopping und Gastronomie. Zudem warnte er vor einer Preispolitik mit billigen Pauschalangeboten und vor dem sogenannten Dynamic Pricing mit unterschiedlichen Preisen je nach Wochentag, Wetter oder anderen Variablen.

VR-Präsident Thomas Bieger warnte vor Tiefstpreisen.

Umgekehrt lobte Bieger «integrierte Nachhaltigkeit». Es gelte, nicht erneuerbare Energie möglichst nicht zu zerstören. Das Unesco-Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch sei ein gutes Beispiel dafür.

Zur Jungfraubahn Holding AG gehören folgende Aktiengesellschaften: Jungfraubahn, Wengernalpbahn, Firstbahn, Jungfrau Gastronomie, Parkhaus Lauterbrunnen, Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren (94 %), Harderbahn (88 %), Grindelwald Grund Infrastruktur (80 %) und Jungfraubahnen Management (67 %).

Berner Oberländer

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