Auch beim Strompreis wächst der Graben zwischen Stadt und Land

In Oberländer Gemeinden wird der teuerste Strom im Kanton vekauft – dafür ist der Strom hausgemacht und sauber. Dagegen verkaufen die «billigen» Gemeinden oft nur Dreckstrom aus dem Ausland weiter.

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Die Ungleichheit zwischen den Stromkunden wächst: Im Kanton Bern kostet eine Kilowattstunde (kWh) Strom durchschnittlich 6,2 Rappen mehr als im Kanton Zürich. Auf ein Jahr hochgerechnet, macht das für einen Haushalt mit einem Verbrauch von 4500 kWh einen Unterschied von rund 300 Franken aus.

Auch innerhalb der Kantonsgrenzen verschärft sich die Ungleichheit der Strompreise. Ein Blick auf die Übersichtskarte mit den neuen Tarifen zeigt: Auf der teuren Seite stehen die BKW-Kunden. Sie machen im Kanton Bern die klare Mehrheit aus – die BKW bedient 226 von 356 Gemeinden direkt mit Strom.

Die Einwohner dieser Gemeinden müssen im Jahr 2016 Preiserhöhungen von durchschnittlich neun Prozent hinnehmen. Für unseren Beispielhaushalt macht dies Mehrkosten von rund 80 Franken pro Jahr aus. Anders als bei der Krankenkasse können die BKW-Kunden nichts dagegen tun. Denn wie alle anderen Schweizerinnen und Schweizer dürfen auch sie ihren Stromanbieter nicht wechseln.

Dabei gäbe es durchaus günstigere Anbieter von Energie. In Langenthal etwa sinken die Strompreise im Jahr 2016 um bis zu 34 Prozent. Von den insgesamt 670 Netzbetreibern in der Schweiz senken 60 Prozent ihre Tarife, während 40 Prozent ihre Preise erhöhen.

Gründe für die Unterschiede

Aus welchem Grund entwickeln sich die Strompreise je nach Region und Lieferant denn in verschiedene Richtungen? «Die Energiepreise hängen davon ab, ob ein Elektrizitätsunternehmen selber Strom produziert oder nicht», sagt Stefan Burri, Leiter Sektion Preise und Tarife bei der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (Elcom). Der von den Kunden verlangte Strommix spiele dabei ebenso eine Rolle wie das Alter der Kraftwerke und wie stark diese bereits abgeschrieben seien.

Sinkende Strompreise haben vor allem diejenigen Lieferanten, welche wie die IB Langenthal AG (IBL) selber keinen oder verhältnismässig wenig Strom produzieren. «Wir beschaffen unseren Strom auf dem internationalen Markt und geben die sinkenden Preise an unsere Kunden weiter», sagt IBL-Direktor Rudolf Heiniger. Solche Preisanpassungen erfolgen zeitverzögert zu den Marktentwicklungen. Der Grund: «Wir beschaffen den Strom im Voraus. Wenn also jetzt die Marktpreise wieder steigen würden, dann würden die Preise für unsere Kunden ebenfalls zeitverzögert, frühestens im Jahr 2017, wieder ansteigen», sagt Rudolf Heiniger.

Konzerne wie die kantonale BKW, die Stadtberner EWB aber auch das EWL in Lauterbrunnen (vergleiche Interview) dagegen produzieren ihren Strom grösstenteils selber. «In mehreren BKW-Kraftwerken sind die Gestehungskosten, welche den Kunden in der Grundversorgung anrechenbar sind, heute höher als die derzeit sehr tiefen Marktpreise», sagt BKW-Sprecher Tobias Fässler. Nach Gesetz dürften die Firmen ihren Kunden in der Grundversorgung die effektiven Gestehungskosten verrechnen.

Kommt hinzu: «Die verschiedenen Stromfirmen legen verschiedene Margen auf ihre Energiepreise drauf», wie Stefan Burri von der Elcom sagt.

Stadt-Land-Graben beim Netz

Doch die Preise für die effektiv verbrauchte Energie zeigen nur die halbe Wahrheit. Bei der BKW machen diese mit 9,4 Rappen pro Kilowattstunde nur knapp 37 Prozent der gesamten Stromrechnung aus. Etwas mehr als die Hälfte der Gesamtrechnung besteht aus Kosten für die Nutzung des Stromnetzes (13,2 Rappen pro kWh). Dazu kommen noch Abgaben an das Gemeinwesen (1,5 Rappen/kWh) und ein Beitrag an die kostendeckende Einspeisevergütung (1,3 Rappen/ kWh), mit welcher der Zubau von Solar- und Windenergie subventioniert wird.

Wer aber meint, zumindest die Kosten für das Stromnetz seien überall gleich hoch, der irrt sich. Ein Beispiel: Einwohner von Ostermundigen müssen der BKW für jede Kilowattstunde Strom 4,2 Rappen mehr an die Netznutzung bezahlen als ihre Nachbarn, die EWB-Kunden sind, weil sie auf der anderen Seite der Gemeindegrenze in der Stadt Bern wohnen. Für unseren Beispielhaushalt macht das pro Jahr einen Unterschied von 190 Franken.

BKW-Sprecher Fässler begründet die Unterschiede:?«Unser Stromnetz führt über Leitungen von 22000 Kilometer Länge vorwiegend durch ländliches Gebiet.» Der Unterhalt sei aus topografischer Sicht anspruchsvoll. «Zudem versorgen wir pro Kilometer Leitung deutlich weniger Leute, als ein Versorger in einem Stadtnetz versorgen kann.»

Die Solidarität der «Städter»

Nun gehören Ostermundigen oder Köniz nicht gerade zum ländlichen Teil. Doch BKW-Sprecher Fässler betont: «In unserem Verteilgebiet verrechnen wir pro Kundengruppe allen Kunden dieselben Netzkosten, egal ob diese auf dem Land oder in der Agglomeration wohnen.»

Stefan Burri von der Elcom bestätigt dies: Wegen der sogenannten Netzbriefmarke seien alle Stromunternehmen verpflichtet, innerhalb ihres Netzgebietes für die gleiche Kundengruppe den gleichen Nutzungstarif zu verlangen. «Bei einem so grossen Verteilgebiet, wie es die BKW hat, kann dies an der Grenze zur Agglomeration zu grossen Sprüngen führen», sagt Stefan Burri.

Berner Zeitung

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