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«Angehörige müssen um die Risiken wissen»

Philippe Woodtli ist Bergführer und Pfarrer. Er kannte den verunfallten Extrembergsteiger Ueli Steck nur flüchtig. Aber dass eigene Bergkameraden zu Tode kamen, blieb ihm nicht erspart. Ein Gespräch über das Risiko und den Tod am Berg.

Das «Hireli» (roter Pfeil) könnte den Namen von Ueli Steck tragen.
Das «Hireli» (roter Pfeil) könnte den Namen von Ueli Steck tragen.
Bruno Petroni
Das Hörnli befindet sich an der Ostflanke des Eigers
Das Hörnli befindet sich an der Ostflanke des Eigers
Fritz Lehmann
Letztes Berglauftraining am Harder vor dem Abflug vor vier Wochen: Entspannte Plauderei beim Affenzahn von fast 20 Höhenmetern pro Minute.
Letztes Berglauftraining am Harder vor dem Abflug vor vier Wochen: Entspannte Plauderei beim Affenzahn von fast 20 Höhenmetern pro Minute.
Bruno Petroni
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Philippe Woodtli, was ging ­Ihnen durch den Kopf, als Sie am Sonntag vom tödlichen ­Unfall von Ueli Steck hörten?Philippe Woodtli:Ich war selber am Klettern, als mich jemand im Klettergarten darauf ansprach. Wir redeten kurz darüber und kletterten dann weiter. Mein erster Gedanke war: Jetzt hat es ihn erwischt. Dann habe ich an seine Ehefrau gedacht. Zwar muss man mit einem solchen Unfall rechnen; wenn er dann geschieht, schockiert die Nachricht trotzdem.

Was treibt Sie selber in die ­Berge? Ich erlebe mich lieber als handelndes und nicht als getriebenes Subjekt. Unterdessen reizen mich die Felsen, das heisst das Sportklettern, mehr und nicht mehr schwierige, gefährliche Hochtouren.

Nur das? Es ist eine Leidenschaft, die mir Befriedigung verschafft, klar.

Lockt Sie die Gefahr? Nein. Ich bin zurückhaltender geworden, Sportklettern ist an sich sicher.

Was treibt Extrembergsteiger wie Ueli Steck an? Vermutlich ihre Leistungsbereitschaft. So wie ich Ueli Steck erlebt habe, ich traf ihn zwei-, dreimal beim Klettern, war er stets sehr leistungsorientiert.

Geht es um Sucht? Nein. Es geht um einen Willen, der sich Bahn bricht. Ueli Steck war auf eine nahezu absurde Art konsequent. Er war extrem auf die Leistung fokussiert – und den Prozess, den es brauchte, damit er diese erbringen konnte.

Warum schaffte er es nicht, rechtzeitig kürzerzutreten? Dazu müsste man seine persön­lichen Pläne kennen. Ich glaube nicht, dass er einen Ausstieg wirklich ins Auge fasste.

Gegenüber dieser Zeitung tönte er an, dass viele in seinem Alter der Tod ereilte. Immer wieder wird auch vom Suizid von Bergsteigern gesprochen. Ich kenne solche Fälle. Der Leistungswille hat tatsächlich etwas Radikales, ja Gewalttätiges, was bis zum Suizid gehen kann. Ich glaube aber nicht, dass das bei ­Ueli Steck so war.

Man geht nicht bewusst in den Tod, nimmt ihn aber in Kauf? Ueli Steck stritt das in einem seiner letzten Interviews ab, was mich etwas irritierte. Denn mindestens ein Restrisiko bleibt, wenn man sich ungesichert in absturzgefährdetem Gelände bewegt. Doch ihm ging es nicht um Sieg oder Tod. Darüber war er hinaus, glaube ich.

Erlebten Sie selber Momente, in denen Sie dem Tod noch gerade entronnen sind? Ja.

Was passierte da? Gott sei Dank nichts Schlimmes. Aber ich hatte Angst. Wäre Panik daraus geworden, hätte ich wohl nicht überlebt. Oft wird einem erst im Nachhinein bewusst, wie nahe man dem Tod war. Vielleicht gingen wir als junge Draufgänger mehr Risiken ein, als Ueli Steck dies jetzt tat. Er selber ging sehr bewusst mit Gefahren um.

Verdrängt man das Risiko nicht? Vielleicht, besser ist, damit bewusst umzugehen.

Wie verarbeiteten Sie Ihre eigenen gefährlichen Erlebnisse? Man ist dankbar, dass nichts Schlimmes passierte. Und man versucht, daraus zu lernen. Aber einiges will man auch schlicht nicht noch einmal durchmachen.

Haben Sie in den Bergen eigene Freunde verloren? Ja. Das geht einem nah. Als Abschiedsritual verstreuten wir die Asche der Verstorbenen in den Bergen.

Warum? Es ging uns auch darum, den Verlust zu akzeptieren. Wir übergaben die hinfälligen Überreste des geschätzten Freundes dem Berg. Trauer hat viel mit Akzeptieren zu tun.

Die Asche wurde verweht. Fehlt dann nicht der Ort zum Trauern? Die Unfälle ereigneten sich alle im Ausland. Die nächsten Angehörigen hatten diese Stellen in den Schweizer Bergen, wo wir die Asche verstreuten, als Erinnerungsorte ausgewählt.

Ueli Stecks Leichnam wird in Nepal eingeäschert. Was heisst dies für die Trauernden? Ich muss vorausschicken, dass ich nie die Abdankung eines Bergsteigers geleitet habe. Ich machte aber immer wieder die Erfahrung in meiner Zeit als Pfarrer, dass Angehörigen die Vorstellung hilft, die verstorbene Person kehre dorthin zurück, wo sie hergekommen ist und dass sie dort gut aufgehoben ist. Trauern kennt verschiedene Phasen, die sich auch wiederholen können. Es ist gut möglich, dass man vorerst cool bleibt und erst später Wut und Verzweiflung aufkommen. Wichtiger als ein Grabstein ist, dass man in der Trauer begleitet wird.

Der Tod in den Bergen kommt abrupt. Es ist ein Tod zur Unzeit. Es gibt keine richtige Zeit zum Sterben. Trösten kann der Gedanke, dass jemand bei jener Tätigkeit starb, die ihn erfüllte. Wichtig erscheint mir, dass Bergsteiger und ihre Angehörigen sich verständigt haben, dass Risiken bestehen und welche davon eingegangen werden dürfen.

Überlegten Sie jemals, dass Sie sich dieses Risiko Ihnen und Ihren Angehörigen nicht mehr zumuten möchten? Ich gehe heute anders in die Berge. Dazu gaben jedoch nicht unbedingt Todesfälle Anlass. Für mich hat es eher mit der eigenen Familie und den Kindern zu tun. Ich fände es heute etwas autistisch, zu denken, dass ein Unfall nur mein Problem wäre.

Unter Alpinisten sehen das offenbar aber einige so. Die Bergsteiger im Basiscamp am Mount Everest machen trotz dem Todesfall einfach weiter. Wenn jemand abstürzt, hält das die anderen nicht vom Weitermachen ab, ja. Abbrechen würden sie nur aus persönlichen Gründen oder wenn der Unfall zu einer Neueinschätzung der Gefahren führen würde.

Darf man das Schicksal in dieser Weise herausfordern? Heute können wir viele Risiken vermeiden, denen man früher stärker ausgeliefert war. Ich persönlich bin der Meinung, dass man Risiken eingehen darf. Wichtig ist für mich, dass man sie nicht ausblendet.

Ist das nicht anmassend? Anmassend wem gegenüber? Immerhin haben Bergsteiger die Grössenverhältnisse in den Bergen stets vor Augen. Viele erfüllt das mit Demut. Ueli Steck, davon bin ich überzeugt, ging zwar stets an seine Grenzen – und nun einen Schritt darüber hinaus –, er tat dies aber nicht aus Überheblichkeit.

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