«Wir haben uns von der ursprünglichen Idee recht weit weg bewegt»

Frutigen

Seit 2012 leitet Marcel Baillods das Tropenhaus Frutigen. Das Unternehmen sei heute gefestigt, die Rentabilität bleibe aber ein Thema.

Marcel Baillods ist seit 2012 Geschäftsführer des Tropenhauses Frutigen.

Marcel Baillods ist seit 2012 Geschäftsführer des Tropenhauses Frutigen.

Wie läuft es im Tropenhaus momentan?
Marcel Baillods: Im Vergleich zum letzten Jahr stehen wir umsatzmässig 25 Prozent besser da als letztes Jahr. Wenn wir es jetzt nicht noch ‹versacken›, dann wird 2019 wohl das beste Jahr in der Geschichte des Tropenhauses. Das gilt für den Nettoerlös, aber auch für das Ergebnis und die externen Reaktionen auf die Gastronomie, auf die Führungen, auf unsere Produkte.

Ist das Tropenhaus heute rentabel?
Das hängt davon ab, von welcher Seite man es anschaut. Da wir uns nicht auf ein Produkt konzentrieren können und alles so miteinander verwoben ist, ist das eine sehr grosse Herausforderung. Und es ist schon so: Wenn Coop nicht wäre, dann wäre das Produkt mehr als infrage gestellt.

«Ohne das Wasser aus dem Berg hätte das Tropenhaus keine Existenzberechtigung.» 

Ist Coop denn bereit, das Tropenhaus auf jeden Fall weiterzuführen?
‹Auf jeden Fall› würde ich streichen (lacht). Ich habe von Coop klare Zielformulierungen, die ich zu erfüllen habe. Bei Coop weiss man allerdings auch, dass man vom Tropenhaus nicht reich wird, dass es aber für die Reputation eine wichtige Rolle spielt. Im Moment sehe ich das Engagement von Coop überhaupt nicht infrage gestellt.

Ausserdem haben Sie mit Coop einen garantierten Abnehmer für Ihre Produkte.
Der Eindruck täuscht. Die Einkäufer von Coop sind zwar gehalten, die eigenen Produktionsbetriebe zu berücksichtigen. Aber es ist überhaupt nicht so, dass wir da einen Freipass haben. Wir müssen immer wieder aufs Neue mit der Qualität und mit dem Preis bestehen. Das ist gnadenlos.

Wo stehen Sie produktionsmässig?
Wenn alles gut läuft, erreichen wir 2020/21 die Produktionsziele, die wir uns gesetzt haben. Das sind etwa 70 Tonnen Zander und 140 Tonnen Egli. Das Ziel ist auch, dass wir etwa 1,3 Tonnen Kaviar ernten und eine Tonne davon verkaufen. Aus dem Rest gibt es wiederum Störe, die dann auch auf den Markt kommen.

Ursprünglich wollte das Tropenhaus viel mehr Kaviar produzieren, rund drei Tonnen pro Jahr. Warum sind Sie davon abgekommen?
Wenn man drei Tonnen Kaviar auf den Markt bringen will, muss man mindestens 3,5 Tonnen produzieren. Unsere Betriebsgrösse lässt das gar nicht zu. Und wenn man weiss, dass in der Schweiz etwa 5 bis 5,5 Tonnen Kaviar pro Jahr konsumiert werden, dann ist das Ziel, 3,5 Tonnen davon abzudecken, nicht ehrgeizig, sondern schlicht unrealistisch. Schon nur 20 Prozent der Nachfrage decken zu können, ist sehr ehrgeizig, aber das schaffen wir jetzt.

Früchte haben Sie vorhin gar nicht erst erwähnt. Einst war noch die Rede von mehreren Dutzend Tonnen pro Jahr, heute sind es ein paar wenige Tonnen. Wieso das?
Ganz ursprünglich war die Idee, mit dem Wasser primär grosse Gewächshäuser zu beheizen und mit dem Rest eine Forellenzucht zu betreiben. Das wurde im Lauf der Zeit geändert, die Gewächshäuser wurden kleiner und würden heute gar keine so grosse Produktion zulassen. Ausserdem haben wir unterdessen über 170 verschiedene Pflanzen. Nur wenn wir lediglich auf eine oder zwei Pflanzensorte setzen würden, könnten wir eine gewisse Produktionsmenge erreichen. Wir haben uns von der ursprünglichen Idee also recht weit weg bewegt.

Wohin denn?
Wir sind stärker zu einem Erlebnisort geworden, einem Ort zum Entdecken.

Die Früchte sind also nur noch Zierde?
Nein, unsere Produktionsmenge reicht für die Erlebnisführungen, für die Küche und für den Shop aus. Aber vom Ziel, vorwiegend Bananen und Papayas anzupflanzen, sind wir zu Gunsten anderer Sachen abgekommen.

Also weg von der reinen Produktionsstätte…
...hin zu Erlebnis, Infotainment, Genuss.

Schön geworben. Nach dem ersten Betriebsjahr brachen die Besucherzahlen massiv ein. Wie entwickeln sie sich heute?
Wir hatten jetzt gerade im Bereich der Besucherzahlen einen sehr guten September und sind der Meinung, dass wir sie mittlerweile stabilisieren konnten.

Wie das?
Im letzten Jahr haben wir gepröbelt, wie wir die Führungen gestalten wollen. Nun haben wir eine Art gefunden, die gut ankommt, das merken wir jetzt. Auch unsere Kommunikation scheint zu funktionieren: Das Tropenhaus ist heute in den Köpfen viel mehr als Ausflugsort verankert.

Anfangs war das Tropenhaus in Frutigen zwar akzeptiert, aber die Bevölkerung hatte gewisse Berührungsängste. Teilen Sie diese Einschätzung?
Durchaus, da hat man sich vielleicht am Anfang nicht ganz optimal integriert in Frutigen. Es war schon eine Aufgabe von uns, das zu korrigieren und den Betrieb näher an die Bevölkerung zu führen.

Ist das gelungen?
Wenn ich nach dem Bauchgefühl urteile, dann schon. Gegen aussen sind die Leute stolz und ihnen ist bewusst, dass das Tropenhaus ein wichtiger Arbeitgeber ist. Das heisst aber nicht, dass sie auch zu uns essen kommen. Die Verwurzelung in der Region ist dennoch enorm wichtig.

Zurück zum Grund, weshalb das Tropenhaus überhaupt existiert: Heute fliessen noch rund 40 Liter 17 Grad warmes Wasser pro Sekunde aus dem Lötschberg, ein Bruchteil der einstigen Prognosen. Ist das Tropenhaus überhaupt noch darauf angewiesen?
Unbedingt. Ohne das Wasser aus dem Berg hätte das Tropenhaus keine Existenzberechtigung. (Interview: nik)

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