Viele Fragen an das ehemalige Verdingkind

Ballenberg

Wilderswiler Siebtklässler setzten sich mit der Ausstellung «Verdingkinder reden» im Freilichtmuseum Ballenberg auseinander. Die vielen Fragen, die dabei auftauchten, beantwortete Gottlieb Brunner, der selber Verdingkind war.

Düsteres Thema, hoffnungsvolle Sonnenstrahlen und ganz viele Fragen: Die Wilderswiler Siebtklässler und Gottlieb Brunner, ehemaliges Verdingkind, in der engen Stube des Detliger Taglöhnerhauses im?Freilichtmuseum Ballenberg.

Düsteres Thema, hoffnungsvolle Sonnenstrahlen und ganz viele Fragen: Die Wilderswiler Siebtklässler und Gottlieb Brunner, ehemaliges Verdingkind, in der engen Stube des Detliger Taglöhnerhauses im?Freilichtmuseum Ballenberg.

(Bild: Sibylle Hunziker)

«Was war das Schlimmste am Leben als Verdingkind?» Die Frage des Wilderswiler Schülers kommt etwas leise, als ob er nicht ganz sicher sei, ob man so etwas Persönliches fragen darf. Aber Gottlieb Brunner antwortet sofort und auch sehr bestimmt: «Dass man ständig vernütiget wurde.»

Während des Zweiten Weltkrieges, als Brunner Verdingkind war, und während der Jahrzehnte vorher und nachher fragten Behörden und Bevölkerung kaum danach, wie es den Verdingkindern ging. Erst die Diskussionen der letzten Jahre und die Aufarbeitung der Geschichte gaben ehemaligen Verdingkindern Gelegenheit, über ihre Erfahrungen zu reden.

Und die Schülerinnen und Schüler der 7.Sekundarschulklasse aus Wilderswil zeigten am Donnerstag auf dem Ballenberg, dass sie das Schicksal ihrer fremdplatzierten Altersgenossen von damals sehr wohl kümmert. In der engen, dunklen Stube des Taglöhnerhauses aus Detligen löcherten sie Gottlieb Brunner mit Fragen. Und der pensionierte Handwerker, der mit grossem Engagement an der Aufarbeitung der Verdingkindergeschichte mitarbeitet, gab kurze, klare Antworten.

Ungeschützte Kinder

Er sei zunächst von seiner Mutter aus der Familie weggebracht worden, weil sie ihn vor den gefährlichen Schlägen seines trinkenden Vaters habe schützen wollen. Aber bei der Grossmutter konnte er nicht bleiben, weil sie zu arm war. Und bei einem Grossbauern im Seeland wurde der kaum Zehnjährige ständig geschlagen – bis er der Mutter nach Monaten davon erzählen konnte und sie ihn wieder ins Oberland holte.

Die letzten zweieinhalb Schuljahre kam er zu einem Bauern in seiner Heimatgemeinde Habkern. Dort wurde er nicht geschlagen, aber er musste arbeiten wie die Grossen; das hiess im Sommer spätestens um 3.30 Uhr aufstehen und kaum je vor 21 Uhr Feierabend von der harten Arbeit und dem vielen Lastentragen im unwegsamen Gebiet.

Anders als andere ehemalige Verdingkinder, deren Geschichten die Schulklasse in der Ausstellung gehört hat, habe er nicht gehungert. «Ich ass mit der Familie am Tisch und bekam dasselbe wie sie.»

Nein, Geschenke habe es an Weihnachten nicht gegeben, «aber das war damals im Krieg allgemein so». Ein eigenes Schlafzimmer habe er gehabt – «einen kalten Gaden, in dem es im Winter den Schnee durch die Ritzen hereintrieb». Schlimm sei gewesen, dass man ihm ständig seinen Vater vorgehalten und gesagt habe, aus ihm gebe es sowieso nichts Rechtes.

Für die Zukunft lernen

Brunner spricht sachlich und erzählt auch, dass es seine beiden Schwestern, die ebenfalls in Oberländer Gemeinden verdingt worden seien, gut getroffen hätten. Gottlieb Brunner ist nicht verbittert, und manchmal lässt er sein Publikum mitschmunzeln, sogar über sich selber – etwa, wenn er auf die Frage nach Spielkameraden antwortet, der Bauer habe nur Töchter gehabt, «und ein Bub spielt nicht mit Mädchen».

Trotz Brunners trockenem Ton merkt man, wie die Schülerinnen und Schüler nicht nur mitschreiben, sondern auch innerlich mitgehen. Richtig erleichtert wirken sie, als Museumsführer Stefan Seiler zum Schluss noch kurz das Ende von Brunners unglücklicher Kindheit erwähnt: Er kam zu einem guten Lehrmeister in Brienzwiler, mit dessen Familie er bis heute Kontakt hat.

«Und ich bekam im Leben viele Gelegenheiten geboten», sagt Gottlieb Brunner. Die hat er auch tatkräftig gepackt, zwei Berufe gelernt, eine Familie gegründet, sich emporgearbeitet und schliesslich ein eigenes kleines Malergeschäft geführt.

Nie mehr wegschauen

«Ich weiss, dass es im Berner Oberland sehr vielen Verdingkindern schlechter ging», sagt Brunner. Aber manchen wurde aller Lebensmut genommen. «Und viele sprechen bis heute nicht darüber.» Er selber setzt sich im Verein Netzwerk-verdingt und als Ansprechpartner zum Beispiel bei der Ausstellung «Verdingkinder reden» dafür ein, dass die Geschichten der Verdingkinder von möglichst vielen Menschen gehört werden – damit die Leute nie mehr einfach wegschauen, wenn ein Kind schlecht behandelt wird.

Dafür sei die Ausstellung wichtig, aber es müsse auch «etwas hängen bleiben». Die Chancen dafür stehen bei der Wilderswiler Schulklasse gut. «Diese Geschichte hat die Klasse gepackt», stellte Lehrer Bernhard Müller fest.

Die Ausstellung «Verdingkinder reden» bleibt bis 2016 im Freilichtmuseum Ballenberg. In dieser Zeit können Schulklassen ein zweistündiges Programm buchen, an dem auch Gottlieb Brunner so oft wie möglich dabei sein und Fragen beantworten wird. www.ballenberg.ch

Berner Oberländer

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt