Staatsanwaltschaft verlangt Schuldspruch für Bergführer

Bern/Adelboden

Vor Obergericht plädiert die Staatsanwaltschaft für einen Schuldspruch jenes Bergführers, der wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist. 2011 kam ein Mädchen bei einem Kletterausflug ums Leben.

<b>In der Cholerenschlucht</b> stürzte im Jahr 2011 ein 13-jähriges Mädchen 50 Meter in die Tiefe.

In der Cholerenschlucht stürzte im Jahr 2011 ein 13-jähriges Mädchen 50 Meter in die Tiefe.

(Bild: PD)

Im Verfahren zum tödlichen Absturz einer 13-jährigen Schülerin aus der Ostschweiz in der Cholerenschlucht bei Adelboden am 13. Oktober 2011 waren am Dienstag am Obergericht der Beschuldigte und die Anwälte der Privatklägerschaft zu Wort gekommen (wir berichteten). Gestern folgten die Plädoyers der Staatsanwaltschaft und des Verteidigers des angeklagten 48-jährigen Bergführers.

Bekanntlich war der Bergführer am 7. September 2017 vom Regionalgericht Oberland in Thun vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. Gegen das Urteil legten Verwandte des Opfers als Straf- und Zivilkläger Berufung ein.

«Sorgfaltspflicht verletzt»

Unterstützung erhielten sie nun gestern am Obergericht vom Stellvertretenden Generalstaatsanwalt. In seinem Plädoyer erachtete dieser den Straftatbestand der fahrlässigen Tötung als erfüllt. «Der Beschuldigte hat seine Sorgfaltspflicht verletzt», führte er unter anderem aus. Die beiden Mädchen hätten angeseilt werden müssen.

Auch seien sie ungenügend auf die Gefahren aufmerksam gemacht worden, und es habe an einer genügenden Instruktion gefehlt. Kinder müsse man eingehender instruieren als Erwachsene. Das Argument, dass die Verunglückte und deren Freundin aufgrund der Aktivitäten im Klettergarten am Vormittag als fähig betrachtet worden seien, die Cholerenschlucht zu bewältigen, liess er nicht gelten.

Zudem wies der Stellvertretende Generalstaatsanwalt darauf hin, dass es sich beim verunglückten Mädchen um eine Person mit «zwei linken Beinen», wie von ihrer älteren Halbschwester geschildert, gehandelt habe. Er beantragte eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 130 Franken bei einer Probezeit von zwei Jahren.

«Anseilen war nicht nötig»

Aufgrund von Augenscheinen vor Ort und von Gutachten sah der private Verteidiger des Bergführers keine Verletzung der Sorgfaltspflicht. Deshalb erachtete er den Freispruch der Vorinstanz vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung trotz aller Tragik als korrekt. Das Gericht habe in diesem Fall den Grundsatz «in dubio pro reo» («Im Zweifel für den Angeklagten») angewendet.

Bei der Beurteilung des Vorfalls sei Augenmass gefragt. Die Aktivitäten im Klettergarten am Vormittag hätten bewiesen, dass die beiden Mädchen fähig gewesen seien, die Begehung der Cholerenschlucht bei Adelboden problemlos zu bewältigen. «Ein Anseilen war auch nach den Erkenntnissen des Gutachters nicht erforderlich», argumentierte er weiter. Auch die vorgängige Instruktion und die Warnung vor den Gefahren hätten den Erfordernissen entsprochen.

Im Übrigen wies der Verteidiger darauf hin, dass das Leben voller Gefahren sei und ein Restrisiko bei vielen Tätigkeiten nicht immer ausgeschlossen werden könne. Er beantragte einen Freispruch, die Entschädigung der Parteikosten des Beschuldigten und die Abweisung der Zivilklagen.

«Es gibt keine Gewinner»

In ihren Repliken bestanden sowohl der Stellvertretende Generalstaatsanwalt wie auch die beiden Anwälte der Zivilkläger auf ihren Anträgen das heisst, einem Schuldspruch.

«Ich habe es bereits das letzte Mal gesagt: Egal wie das Verfahren ausgeht, es gibt keine Gewinner hier. Es hat ein junger, lebensfreudiger Mensch sein Leben verloren, und das kann man nicht mehr rückgängig machen», so das letzte Wort des Bergführers.

Die 2. Strafkammer des bernischen Obergerichts eröffnet ihr Urteil morgen.

Berner Oberländer

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