Oberländerin beschwört New York herauf

Lenk/Schönried

Zwei Luxushotels des westlichen Oberlands stehen literarisch im Fokus: Das Ermitage Schönried veranstaltet Literaturabende – zum Abschluss mit der Erlenbacherin Annette Lory. Und der Lenkerhof ist ­Tatort eines Krimis.

Schöner Spannungsbogen: Annette Lory liest, Lita Schärer spielt auf der Viola im Hotel Ermitage.<p class='credit'>(Bild: zvg/Delfina Ledermann)</p>

Schöner Spannungsbogen: Annette Lory liest, Lita Schärer spielt auf der Viola im Hotel Ermitage.

(Bild: zvg/Delfina Ledermann)

Wenn schon kein Schnee, dann wenigstens ein Wintermärchen. In der wärmenden Bibliothek des Fünfsternhauses Ermitage in Schönried liest Annette Lory fröstelnde Impressionen aus dem New York der Achtzigerjahre. Obwohl dort die sommerliche Hitze drückt.

«Vom Fliegen ausser Atem» heisst der erste grosse Roman der in Erlenbach geborenen und aufgewachsenen Annette Lory (48). Er handelt vom Auf- und Ausbruch der 18-jährigen Sara aus zerstörter Familiengemeinschaft. Hin- und hergerissen zwischen einem Zahlenmenschen von Vater und den besorgten Müttern aus zwei Generationen versucht sie sich als Au-pair in der Grossstadt.

Dort engt sie die Gastfamilie ein. Mit ihrem südamerikanischen Freund Nino, einem Maler, nutzt sie das ungebunden anmutende Reisen, ehe Sara wieder festsitzt. Diesmal im Ungewissen, wo sich ihr Freund befindet. Er ist beim offenbar nicht ganz legalen Handel mit seinen Bildern festgenommen worden. Die Odyssee wird aufreibend. Am Ende erkennt Sara in einem Selbstfindungsprozess, dass sie ihren Weg ohne Nino gehen muss.

Die Bilder und der Ton dazu

Der kleine Kommode-Verlag hat den zwischen Hoffnung und Verlorenheit angesiedelten Roadtrip mit Fotografien von Sabine Hagmann und Claudia Fellmer gestalterisch aufgewertet. Die Bilder werden eine optische Zusatzkomponente mit suggestiver Kraft.

Annette Lory liest ruhig und bedachtsam aus ihren behutsam komponierten, sprachlich dichten Text, der gerade vom Sprunghaft-Fragilen lebt. Lita Schärer nimmt mit ihrer Viola den Spannungsbogen zwischen Schwerelosigkeit und dem Zerrissen-Ungewissen auf, lässt Harmonien anklingen, zupft und improvisiert, ergänzt das Gelesene tonal, so wie es die Bilder im Roman tun.

Annette Lory hat Erfahrungen mit New York, war in jungen ­Jahren länger dort, hatte selber einen lateinamerikanischen Freund. Ein autobiografischer Roman also? So will sie es nicht sehen. «Natürlich weiss ich, wovon ich schreibe. Aber ich bin nicht Sara, und auch die Figuren im Roman entwickeln sich anders, als ich das damals selber erlebt habe.»

Ihre Sehnsucht für die Ferne indessen verleugnet Lory nicht. Von der Stadt Zürich, wo sie wohnt, hat sie einen Werkbeitrag erhalten, der es ihr erlauben wird, eine achtmonatige Auszeit für ihren nächsten Roman zu nehmen. Dieser wird sie zu Recherchen nach Chile führen. «Es geht um Brüche in der Freundschaft zweier Frauen, die sich zu streiten beginnen», sagt sie.

Lesung in Spiez am 13. Januar

Annette Lory ist in Erlenbach zur Schule gegangen, besuchte die Handelsmittelschule in Thun, jobbte daraufhin in Lugano in einem Hotel, in der Buchhandlung Lüthi in Thun und in einem Skikindergarten in Zermatt. Später liess sie sich in Zürich zur ­Sozialarbeiterin ausbilden, wo sie unter anderem im Kinderhort arbeitet. Zunächst aber bleibt sie im Oberland. Am Freitag, 13. Januar, liest sie um 20 Uhr in der Bibliothek Spiez aus dem jetzigen Roman.

Annette Lory: Vom Fliegen ausser Atem. Roman. Kommode-Verlag Zürich. ISBN 978-3-9524401-1-7, 204 S. Im Buchhandel erhältlich.

Berner Oberländer

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