Mutter von entführten Mädchen: «Ich höre sie noch heute schreien»

Interlaken

Die Töchter von Karin Amin-Trachsel aus Interlaken wurden vom Kindesvater nach Ägypten entführt. Die Mutter kämpft – und fühlt sich von den Behörden alleingelassen. Im Kunsthaus findet am 10. September eine Benefizveranstaltung statt.

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Seit gut einer Woche ist sie aus Kairo zurück – vorerst: Fast ein Jahr hielt sich die Interlaknerin Karin Amin-Trachsel in Ägypten auf. Zusammen mit ihrer Tochter Nuran, die sie, nach der Entführung durch den 39-jährigen Kindesvater 2014, in Kairo zurück­erkämpft hatte.

Dann wurden sie und Nuran vom Kindesvater und von dessen Helfern vor dem Schulbus überfallen und zusammengeschlagen, die Tochter erneut entführt: Seither hat Karin Trachsel kein Lebenszeichen mehr von ihren beiden Töchtern. Dies ist nun vier Monate her. Die Mutter ist verzweifelt, aber nicht gebrochen.

Die 32-jährige Lehrerin und ehemalige Schulleiterin von Habkern sitzt im Café de Paris in Interlaken: ruhig, unaufgeregt, zurückhaltend. Sie wirkt gefasst. Sie ist keineswegs gewillt, aufzugeben. «Ich kann gar nicht. Es wäre eine Kapitulation, die meinen Kindern nicht gerecht wird.»

Ihr Bruder, Thomas Trachsel, Sozialpädagoge, klagt an: «Das Schlimmste ist die Ohnmacht nach allem, was wir getan haben.» Sie baten um Hilfe von offizieller Seite: Beim Eidgenössischen Departement für äussere Angelegenheiten (EDA), bei der Kinder- und Elternschutz­behörde (Kesb) sowie bei der Schweizer Botschaft in Ägypten wurde man vorstellig – ohne sichtbaren Erfolg, wie Thomas Trachsel sagt.

Gespräche mit der Familie in Kairo blieben ebenso erfolglos. Sogar die Grosseltern wagten ein Zusammentreffen mit den Eltern des Kindesvaters vor Ort. «Ich durfte die Kinder ab und zu sehen. Doch wir wurden geächtet und ­sogar festgehalten», sagt Karin Trachsel.

«Möglichkeiten beschränkt»

Dieser Zeitung liegt ein Schreiben der Kesb vor, in dem die Behörde angibt, dass ihr die Hände gebunden seien: «Da Ägypten ­weder Vertragsstaat des Haager Kindesentführungsübereinkommens noch des Haager Kinderschutzübereinkommens ist, kann die Kesb im Rahmen dieser Rechtshilfeübereinkommen leider nichts unternehmen.» Die juristischen Möglichkeiten, wenn Kinder in einen Staat entführt würden, der keinem dieser Übereinkommen beigetreten sei, ­seien sehr beschränkt.

Das EDA hingegen sei keineswegs untätig geblieben, sagt dessen Mediensprecher Stefan von Below auf Anfrage: «Im Fällen von Kindesentführung intervenieren wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf höchster Ebene für eine Lösung im Interesse der Kinder. Dies gilt auch im vorliegenden Fall.»

So habe man unter anderem durch den Botschafter in Kairo beim ägyptischen Aussen- und Justizminister interveniert und sowohl in Kairo als auch in Bern zahlreiche weitere Vorstösse bei den ägyptischen Behörden unternommen. «Die letzte Demarche des EDA bei der Botschaft von Ägypten fand letzte Woche statt.»

Allerdings habe das EDA dabei die Souveränität und die Rechtsordnung des anderen Staates zu beachten. Man könne keine polizeilichen Aufgaben wahrnehmen und sich auch nicht in Gerichtsverfahren einmischen.

Überfall vor dem Schulbus

Zusammen mit einem ägyptischen Anwalt, ihrer Familie und Fachleuten gelang es Karin Amin-Trachsel schliesslich, auch in Ägypten das Sorgerecht für ihre Kinder zu erhalten. Diese Bemühungen hätten sie Hunderttausende von Franken gekostet – und ihr Morddrohungen gegen sie und ihre Kinder eingebracht.

Nach dem Gerichtsbeschluss musste ihr Ex-Mann die beiden Töchter, die heute vier und sechs Jahre alt sind, zeitweise zu ihr in eine Wohnung in Kairo bringen. Mit den Kindern ausreisen durfte die Mutter nach ägyptischem Recht jedoch nicht.

Einmal gelang es ihr, mit den Töchtern auf die Schweizer Botschaft zu fliehen. «Ich dachte, ich hätte es geschafft. Doch die Schweizer Behörden sagten, sie dürften mich ohne Dokumente der Kinder nicht ausreisen lassen. Auch eine Namensänderung von Amin auf Trachsel und neue Reisepässe kamen nicht infrage.»

Eines Tages gelang es ihr, vorerst mit der sechsjährigen Nuran unterzutauchen. Während acht Monaten schickte sie diese in eine englische Schule in Kairo. «Sie ging so gerne hin.» Der Vater habe seine Töchter, trotz Schulpflicht, nie in eine Schule geschickt. «Das Geld, das ich ihm überwies, hat er behalten.»

Vor vier Monaten schliesslich überfiel er Mutter und Tochter vor dem Schulbus und entführte die Tochter gewaltsam. «Ich höre Nuran noch heute schreien», sagt die Mutter. «Das ist einfach furchtbar und verfolgt mich.» Immer wieder frage sie sich, was sie, trotz aller Vorsicht, falsch gemacht habe.

Niemand weiss, wie es Nuran und Sarah heute geht. Ob sie noch leben. «Dem Vater ging es nie um die Kinder, sonst hätte er sie nie solchen Traumata ausgesetzt.» Appelle an Behörden und Politiker bleiben erfolglos. «Da das Haager Kinderschutzübereinkommen nur in den Schengen-Staaten greift, sieht sich die offizielle Schweiz als machtlos – obwohl doch rechtlich alles geregelt ist», sagt Thomas Trachsel.

«An wen können wir uns wenden? Warum fühlt sich niemand zuständig?» Und Karin Trachsel ergänzt: «Wir werden nicht resignieren. Die Kinder sollen nicht vergessen werden. Niemals!»

Benefizveranstaltung imKunsthaus Interlaken: «Nicht ohne meine Töchter!»

Samstag, 10. September, ab 16 Uhr Programm: 16.30 Uhr Märchenerzählerin Gabi Ruef; 18 Uhr Pries (Singer-Songwriter); 19.30 Uhr Tres Pesetas (Latin Guitar Trio); 21 Uhr Crazy Mofos (Rock- und Mundartcovers); ca. 23 bis 24 Uhr DJ. Am Nachmittag werden zudem verschiedene Spielmöglichkeiten für Kinder angeboten. Eintritt frei, Kollekte für die Familie Trachsel.

Berner Zeitung

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