Beatenberg

Lehrplan 21 entzweit die SVP-Vertreter

Beatenberg Volksschule bewegt: So kontrovers wie zur Initiative «Lehrpläne vors Volk» wurde an einem Wahlpodium der SVP wahrscheinlich noch nie diskutiert.

Die Lehrplan-Initiative gab beim SVP-Wahlpodium zu reden.

Die Lehrplan-Initiative gab beim SVP-Wahlpodium zu reden. Bild: Fotolia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Den Auftritt in Beatenberg mussten sich die Oberländer SVP-Grossratskandidaten verdienen: Dichter Nebel lag auf dem Weg zur Sonnenterrasse über dem Thunersee. Trotzdem: 19 Kandidierende sassen auf Podiumsplätzen, weitere Kandidierende waren im Publikum.

Das Thema des Anlasses war die kantonale Initiative «Für demokratische Mitsprache – Lehrpläne vors Volk», über die am 4. März abgestimmt wird. Die Beatenbergerin Rahel Gafner ist Mitinitiantin und stellte vor, worum es geht. Der Lehrplan 21 stehe nicht im Zentrum, sondern die fehlende Bürgernähe des Bildungswesens, sagte sie.

«Keine Versuchskaninchen»

Die Initiative sieht vor, dass der bernische Grosse Rat über die Lehrpläne entscheidet und sein Beschluss dem fakultativen Referendum unterstellt wird. Die Diskussion zeigte, dass es halt doch um den Lehrplan 21 geht, der im August 2018 in Kraft tritt.

«Unsere Kinder sind doch keine Versuchskaninchen», sagte Rahel Gafner. Im Mittelpunkt der Kritik steht der kompetenzorientierte Unterricht. «Er ist nur für die klugen Kinder, die masslos ­gefördert werden, die mittleren Schüler bleiben auf der Strecke. Er ist asozial», sagte Grossrat Thomas Knutti.

Gemeindepräsident Christian Grossniklaus gestaltete den Anlass so, dass die SVP-Kandidaten nur eine Minute Zeit hatten, sich vorzustellen und ihre Stellungnahme zum Thema abzugeben. Anschliessend liess er Raum für die öffentliche Diskussion, die fair geführt wurde.

Die Meinungen auf dem SVP-Podium waren geteilt, mit einer Ja-Mehrheit. «Ich bin der Meinung, dass das Volk etwas zu den Lehrplänen zu sagen hat», sagte Albert Bach aus Gstaad, und der SVP-Youngster Nils Fiechter aus Frutigen sagte: «Die Schule ist nicht mehr demokratisch.» «Das Volk muss mitreden können», resümierte Knutti.

Thomas Klossner aus Latterbach sprach von weltfremden Experten, welche im Geheimen die Lehrpläne ausgearbeitet hätten. Auch Franz Christ aus Interlaken misstraut den Experten.

«Zu spät»

Daniel Reichenbach aus Aeschi warf die Frage auf, ob die Initiative der richtige Weg sei. Für Hans Peter Baumann aus Grindelwald ist die demokratische Mitsprache aktuell nicht mehr vom Lehrplan 21 abzukoppeln und deshalb abzulehnen, weil nicht noch mehr Unruhe ins Schulwesen ­gebracht werden soll.

Manuela Nyffeler aus Interlaken zeigte auf, dass zum Lehrplan 21 eine weit gestreute Vernehmlassung stattgefunden hat, während er für Klossner eine Einmannshow von Regierungsrat Bernhard Pulver ist. Die Initiative komme «zu spät», sagte Peter Bütschi aus Frutigen. Bruno Trachsel aus Leissigen fand, dass der Lehr­plan eine pädagogisch-didaktische und nicht eine politische Aufgabe sei.

Diskutiert wurde auch Konkretes aus der Schule, wie das Lehrmittel für Frühfranzösisch oder, wie Sven Rindlisbacher aus Faulensee erklärte, die mangelnden Kompetenzen der Lernenden im Rechnen, Schreiben und Lesen.

Kein Maulkorb

Die Beatenberger Schulleiterin Verena Moser und weitere Fachpersonen, auch aus SVP-Kreisen, setzten sich für den Lehrplan 21 ein. Verena Moser zeigte sich überzeugt, dass er sich trotz möglicher Schwächen in der Praxis bewähren könne, insbesondere auch weil die Lehrpersonen mit Engagement mitarbeiten.

Einen Maulkorb, wie vermutet wurde, erhalte niemand von ihnen. ­Berufsschullehrerin Annemarie Bosshard aus Matten würde sich aber lieber mit einem volksnäheren Lehrplan engagieren.

Die teilnehmenden Kandidierenden waren: Emanuel Raaflaub, Turbach; Rudolf Buchser, Adelboden; Thomas Klossner, Latterbach; Thomas Knutti, Weissenburg; Daniel Reichenbach, Aeschi; Ernst Wandfluh, Kandergrund; Hans Peter Baumann, Grindelwald; Ulrich Abplanalp, Brienzwiler; Manuela Nyffeler, Interlaken; Franz Christ, Interlaken; ­Annemarie Bosshard Gartenmann, Matten; Peter Bütschi, Frutigen; Sven Rindlisbacher, Faulensee; Matthias Brunner, Gstaad; Kurt Zimmermann, Frutigen; Bruno Trachsel, Leissigen; Albert Bach, Gstaad; Adrian Bieri, Boltigen; Nils Fiechter, Frutigen. (Berner Oberländer)

Erstellt: 09.02.2018, 06:54 Uhr

Artikel zum Thema

Lehrplan-21-Gegner ziehen ohne Geld in den Abstimmungskampf

Das Komitee gegen den Lehrplan 21 hat den Abstimmungskampf eröffnet. Geld für Werbung steht ihm dabei kaum zur Verfügung. Mehr...

Regierung lehnt Lehrplan-Initiative ab

Der bernische Regierungsrat spricht sich gegen die Lehrplan-Initiative aus. Eine Politisierung der Lehrpläne sei nicht zielführend, so Erziehungsdirektor Bernhard Pulver. Mehr...

«Nicht an der Basis vorbei»

Gleich zweimal haben die SVP-Delegierten diese Woche den Parteivorstand überstimmt. Kantonal­präsident Werner Salzmann sieht darin jedoch kein Indiz dafür, dass die Leitung nicht zur Basis durchdringen würde. Mehr...

Kommentare

Blogs

Foodblog Grossvaters Gamspfeffer!
Loubegaffer: Die TV-Superfrau
Foodblog Bibimbap gibts auch in Bern

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Die Welt in Bildern

Eiskalter Senkrechtstart: Der Extrembergsteiger und Mammut Athlet Dani Arnold eröffnet im Februar 2018 eine neue Eiskletter-Route in den weltbekannten kanadischen Helmcken Falls in British Columbia.
(Bild: Thomas Senf) Mehr...