Diemtigtal

Kunstlicht mit Nebenwirkungen

DiemtigtalStrassenlampen stören nachtaktive Insekten beim Bestäuben, sodass die Pflanzen weniger Samen bilden. Diesen Verlust können auch Tagbestäuber nicht kompensieren, wie im Diemtigtal nachgewiesen wurde.

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Auf den üppig blühenden Stauden an Waldrändern ist immer viel los. Russische Bären und andere Schmetterlinge saugen genüsslich am Wasserdost, und auf den Blütenköpfen der Kohldisteln drängen sich Bienen, Hummeln und allerlei andere Insekten.

Das hat wohl schon jeder gesehen, der an einem trockenen Sommertag an solchen Kraut­säumen vorbeigekommen ist. Was dort aber nachts passiert, wusste man bisher nicht.

Unterschätztes Nachtleben

Von einigen wenigen Pflanzen wusste oder vermutete man schon länger, dass sie auch von nachtaktiven Bestäubern besucht werden, und die Bestäubungsleistung einzelner Insekten- und Fledermausarten war wissenschaftlich untersucht worden. Doch wie vielfältig die Beziehungen zwischen Pflanzen und Bestäubern in einem natür­lichen Lebensraum sind und wie sie funktionieren, war unbekannt.

Bis es Eva Knop vom Institut für Evolution und Ökologie der Universität Bern wissen wollte und mit ihren Studierenden das nächtliche Treiben auf der Wiese genau anschaute.

Dafür ging sie mit ihrem Team ins Diemtigtal. «Wir suchten einen Ort, der nachts noch wirklich so dunkel wird, dass die Insekten nicht gestört sind», erklärt Eva Knop. «Und das Diemtigtal war von Bern aus noch gut erreichbar.» Im Sommer 2014 wurden acht Flächen bei Tag und bei Nacht beprobt.

Damit Methode, Uhrzeit oder Wetter vergleichbar waren, fanden die Einsätze jeweils überall gleichzeitig statt – bei Dunkelheit abwechselnd mithilfe von Nachtsichtgeräten und Stirnlampen.

Auf Pfaden, die überall nach demselben Prinzip festgelegt worden waren, durchquerten Knop und ihre Studierenden die Flächen mit einer genau festgelegten Geschwindigkeit und fingen mit dem Schmetterlingsnetz jedes Insekt, das an einer Blüte knabberte oder saugte. Ausgelassen wurden Insekten, die eine Pflanze nur zum Schlafen brauchten und so nur zufällig zur Bestäubung beitragen – wenn überhaupt.

Im Labor wurde zudem überprüft, ob die Insekten, die sich wie mögliche Bestäuber verhalten hatten, auch tatsächlich Pollen weitergetragen hatten. Wie gross und wie eng geknüpft das Bestäubernetz tatsächlich war, hat auch Studienleiterin Knop überrascht.

«Insgesamt wurden die 90 Blütenpflanzenarten auf unseren Beobachtungsflächen von mehr als 450 Bestäuberarten besucht – die meisten Pflanzen sowohl von tag- wie auch von nachtaktiven Insekten.»

Grosses Loch im engen Netz

2015 wurden die Aufnahmen wiederholt. Aber diesmal stellte das Team auf sieben von insgesamt vierzehn Flächen mobile Strassenlampen mit moderner Standard-LED-Beleuchtung auf. Resultat: Der Blütenbesuch auf den beleuchteten Flächen lag 62 Prozent tiefer als auf den dunklen Flächen.

Zudem überprüfte Knops Team am Beispiel der Kohldistel, wie viele Samenansätze sich zu Samen entwickelten und wie viele nicht bestäubt worden und deshalb verkümmert waren.

«Ei­gentlich hätten wir erwartet, dass in dem eng geknüpften und vielfältigen Beziehungsnetz, in dem sich die meisten Bestäuber von mehreren Blütenarten ernähren und die meisten Pflanzenarten von mehreren Tag- und Nacht­bestäubern befruchtet werden, Ausfälle aufgefangen werden», berichtet Knop.

Die Auszählungen ergaben aber, dass die Kohldisteln auf den beleuchteten Flächen 13 Prozent weniger Samen ausbildeten. «Das heisst, dass Tagbestäuber den Ausfall der Nachtbestäuber nicht kompensieren konnten. Und das, obwohl Kohldisteln zu den ‹gastfreundlichsten› Pflanzen überhaupt gehören, die von Dutzenden Insektenarten bestäubt werden kann.»

Die Folgen der Bestäubungsausfälle für die Biodiversität müssen im Detail noch erforscht werden. Grundsätzlich bedeutet eine Reduktion der Samenproduktion auf Dauer einen Verlust von genetischer Vielfalt, was Pflanzenbestände tendenziell schwächt – und damit auch die Futterquelle für Tagbestäuber.

Neben den bisher bekannten Gefahren wie Krankheiten, Parasiten, Pestiziden, Klimawandel und Verlust von Lebensräumen und Futterquellen muss nun also auch die Lichtverschmutzung berücksichtigt werden als weitere Ursache, die Bienen und anderen Bestäubern das Leben schwermacht.

Publikation: Eva Knop et al., Artificial light at night as a new threat to pollination, in: Nature (Vol 548, 10. August 2017, Seiten 206-209). (Berner Oberländer)

Erstellt: 05.09.2017, 17:19 Uhr

Licht überlegt einsetzen

Studienleiterin Eva Knop von der Universität Bern äussert sich zum richtigen Umgang mit Lichtquellen in der Nacht.

Eva Knop, was bedeuten die Resultate Ihrer Studie?

Eva Knop: Im Zusammenhang mit der weltweiten Bestäuberkrise hat sich die Forschung bisher auf Tagbestäuber konzentriert. Wir zeigen nun erstmals die wichtige Rolle der Nachtbestäuber im ganzen Nahrungsnetz – also auch für Pflanzen und Tagbestäuber.

Man wusste doch schon bisher, dass es nachtbestäubte Pflanzen gibt...

Ja. Aber wie viele Pflanzen sowohl von Tag- als auch von Nachtbestäubern besucht werden, hat uns alle überrascht. Wir zeigen erstmals, wie häufig Nachtbestäubung in einer natürlichen Pflanzengemeinschaft ist – und wie stark ein solches Pflanzen-Bestäuber-Interaktionsnetz bei Kunstlicht schrumpft.

Müssen wir nun im Freien auf Kunstlicht verzichten?

Wenn immer möglich, ja. Wenn Licht zwingend nötig ist, dann sollten wir darauf achten, dass das Licht die Insekten nicht stärker stört als nötig. Wir sollten überlegen, wo wir das Licht wirklich brauchen, wie lange und wie stark die Beleuchtung sein muss.

Können Sie konkrete Empfehlungen geben?

Nein. Es braucht noch viele Folgeuntersuchungen, etwa dazu, welche Lichtmenge und welche Lichtqualität die Nachtbestäuber am wenigsten stören.

Lichtverschmutzung

Weltweit werden jedes Jahr 6 Prozent mehr Fläche künstlich beleuchtet. In der Schweiz hat die Lichtverschmutzung nach Berechnungen des Bundesamtes für Umwelt in den letzten zwanzig Jahren um 70 Prozent zugenommen – kein Wunder also, sind Nachtbestäuber selbst in Städten wie Bern selten geworden, obwohl das Blütenangebot in Gärten und Parks so gut ist, dass es manche Wander­imker in die Stadt zieht.

Eine Verschlechterung für Nachtbestäuber bedeutet auch der laufende Ersatz von alten, orangen Natriumdampf- durch LED-Lampen mit einem hohen Blaulichtanteil. Denn blaues Licht zieht nachtaktive Insekten besonders in seinen Bann. Die ­gute Nachricht: Es gibt auch Strom sparende LED-Lampen mit tiefen Blaulichtanteilen.

Und die Sensibilisierung für Lichtverschmutzung hat schon begonnen – vor allem, weil jedermann sehen kann, wie Nachtfalter massenhaft bis zur Erschöpfung um Strassenlampen fliegen und weil sich auch die Hinweise häufen, dass Zugvögel durch streuendes Licht abgelenkt werden.

So verpflichten sich zum Beispiel die Naturparks schon heute zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Kunstlicht – und werben etwa damit, dass dafür ihr Sternenhimmel noch besonders schön leuchtet.

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