Adelboden

Immer zur Stelle – mit Infusion und Pflästerli

AdelbodenWenn ein Riesenslalomfahrer im Zielhang des Chuenisbärgli übel stürzt oder wenn es ein Fan in der Partynacht alkoholmässig übertreibt, gibt es Arbeit für das Sanitätsteam um Martin Hofer. Wir haben ihn bei einem Einsatz an der Rennpiste begleitet.

Kaum bei der Unfallstelle angekommen, dirigiert Martin Hofer schon den Einsatz – und hält die Infusion für den verunfallten Rennfahrer.

Kaum bei der Unfallstelle angekommen, dirigiert Martin Hofer schon den Einsatz – und hält die Infusion für den verunfallten Rennfahrer. Bild: Christoph Buchs

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Es ist ein Kommen und Gehen im Zelt beim Boden-Schulhaus: Frauen und Männer, die meisten ganz in Gelb, sitzen hier auf Holzbänken und gönnen sich eine kleine Stärkung – sie eilen, denn der nächste Einsatz ruft bald. Eine Sanitäterin kümmert sich um eine junge Frau, die sich wegen Kreislaufproblemen hierhergeschleppt hat und nun auf einer Trage liegt. Und schon macht sich wieder eine Zweierpatrouille auf ins «Gelände». So nennt man hier das Weltcupdorf.

Einer dieser gelb gekleideten Männer ist Martin Hofer (52), wohnhaft in Krattigen. Er arbeitet als Leiter Rettungsdienst der Spitäler FMI (Frutigen-Meiringen-Interlaken) AG und gehört zur Führungscrew des Sanitätsteams, das an den internationalen Skitagen in Adelboden im Einsatz ist. Allzeit bereit lautet das Credo: Via Funk werden Hofer und sein Team sofort verständigt, wenn ihr Dienst vonnöten ist.

«Bis vor sechs Jahren erledigte dies der Samariterverein mit dem lokalen privaten Rettungsdienst.»Martin Hofer

Keine zwanzig Sekunden nachdem Hofer von seinem Job in Adelboden zu erzählen begonnen hat, fängt der kleine schwarze Knopf in seinem Ohr schon wieder zu sprechen an. «Das übernehme ich», sagt Hofer. Und macht sich mit Barbara Steiner, einer Kollegin vom Rettungsdienst der Spitäler STS (Simmental-Thun-Saanenland) auf den Weg.

Teamwork

Es ist gar nicht einfach für das Duo, sich einen Weg durch die feiernde Masse zu bahnen. 27'400 Fans sind am Samstag beim Riesenslalom im Boden dabei. Die Massen sind der Grund, weshalb Martin Hofers Dienst überhaupt gefragt ist. «Bis vor sechs Jahren erledigte dies der Samariterverein mit dem lokalen privaten Rettungsdienst», erzählt er.

Aufgrund der gestiegenen Besucherzahl entschieden die Organisatoren, auch das Sanitätswesen zu professionalisieren. Es ist ein Teamwork: Neben den Mitarbeitern der Spitäler FMI und STS gehören auch Ärzte, Pistenpatrouilleure, Samariter und First Responders zur Crew. Die Vorbereitungsarbeiten, hauptsächlich die Personaleinteilung und das Bereitstellen von Material, begannen bereits im September.

Im Sanitätszelt im Weltcupdorf sind alle Vorkehrungen getroffen, damit Trunkenbolde ihren Rausch ausschlafen können. Bild: Christoph Buchs

Martin Hofer und seine Kollegin werden am Rand der Renn­piste im Zielhang gebraucht. Mit der Startnummer 64 hatte der 19-jährige Belgier Armand Marchant das Chuenisbärgli in Angriff genommen. Im steilen Gelände stürzte er übel. Betreuer und der Pistenarzt leisten Erste Hilfe. Nach kurzer Einschätzung der Lage bestellt Martin Hofer telefonisch den Rega-Helikopter. Mit der anderen Hand hält er die Infusion, damit die Kollegin dem bedauernswerten Sportler ein starkes Schmerzmedikament verabreichen kann.

«Unsere tägliche Arbeit»

Mit Getöse landet der Helikopter gute hundert Meter von der Unfallstelle entfernt. Hofer und Steiner helfen mit, den Verunfallten per Rettungsschlitten zum Fluggerät zu transportieren, instruieren kurz das Rega-Team. Der Helikopter hebt ab in Richtung Spital Interlaken – der Einsatz des Duos in Gelb ist beendet. «Dä schiinet disi Saison wahrschinlech nümme», resümiert Hofer. Dies bestätigt ein belgisches Onlinemedium einige Stunden später: Trümmerbruch des Tibiaplateaus, so wird die obere Fläche des Schienbeins genannt.

So niederschmetternd diese Nachricht für den Nachwuchssportler ist: Martin Hofer und Barbara Steiner sind bereits wieder bester Dinge und zu Scherzen aufgelegt. Geht ihnen eine solche Verletzung nicht nahe? «Dies ist unsere tägliche Arbeit», sagt Hofer. «Wir haben getan, was zu tun war: den Mann möglichst schnell, schonend und schmerzfrei auf den Schlitten zu bringen.»

«Wir sind glücklich, wenn die Patienten beim Verlassen der Station gesünder sind, als wenn sie ankommen.»Martin Hofer

Solche Einsätze direkt bei der Piste seien selten, sagt Hofer. Meist ist sein Team im Weltcupdorf oder im Tribünenbereich gefragt, wo es immer wieder Stürze gibt. «Letztes Jahr war es ziemlich ruhig – wir hatten circa sechzig Einsätze.» Manchmal kommen Leute für Pflaster oder Kopfwehtabletten im Zelt vorbei.

Und ja – auch um Schwerstalkoholisierte kümmert sich das Sanitätsteam, hauptsächlich am Samstagabend und in der Nacht. Für solche, die ihre Trinkfestigkeit überschätzt haben, stehen fünf Notbetten bereit, inklusive Brechschalen.

Teamwork: Das Duo Hofer/Steiner kümmert sich am Chuenisbärgli sowohl um verletzte Spitzensportler wie auch um nicht ganz trinkfeste Zuschauer.

Der Einsatz in Adelboden mache Spass, weil er eine gute Abwechslung zum Tagesgeschäft biete, sagt Martin Hofer. Und gibt es Rückmeldungen? Hofer lächelt. «Oft gibt es ein Dankeschön fürs Helfen. Wir sind glücklich, wenn die Patienten beim Verlassen der Station gesünder sind, als wenn sie ankommen.»

Facts zum diesjährigen Einsatz:Für die Sanität waren in Adelboden gesamthaft 18 Rettungssanitäter, 3 Ärzte, 15 Pistenpatrouilleure, 7 Samariter und 4 First Responders im Einsatz. Samstag und Sonntag bis 2 Uhr gab es 45 Patienten zu behandeln, davon 8 wegen übermässigen Alkoholkonsums. Es gab keine schwerwiegenden Vorfälle, und ein Ambulanzeinsatz für die Besucher war nicht nötig. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.01.2017, 20:29 Uhr

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