«Ich habe leider kein Wolf-Careteam»

Nach zwei vom Wolf gerissenen Schafen im Berner Oberland gehen die Wogen in der Debatte einmal mehr hoch. Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) mahnt zu Faktentreue.

Regierungsrat Christoph Ammann (SP) in seinem Büro an der Berner Münstergasse: «Der Kanton hat beim Thema Grossraubtiere eine reine Vollzugsaufgabe», stellt er fest.

Regierungsrat Christoph Ammann (SP) in seinem Büro an der Berner Münstergasse: «Der Kanton hat beim Thema Grossraubtiere eine reine Vollzugsaufgabe», stellt er fest. Bild: Bruno Petroni

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Herr Ammann, der Wolf treibt nun auch hoch über dem Lauterbrunnental sein Unwesen und heizt die Diskussion an. Gibt es neue Erkenntnisse zu den zwei jüngsten Wolfsattacken?
Christoph Ammann: Die Ergebnisse der DNA-Proben in diesen Fällen sind noch ausstehend, wir gehen aber davon aus, dass ein Wolf die Schafe gerissen hat. Der Wolf ist nicht aus dem Nichts im Soustal aufgetaucht. Im Kanton Bern sind derzeit zwei Wölfe unterwegs, eines dieser Tiere nun offenbar eben im Oberland. Wir haben auch Sicht- und Rissmeldungen aus dem Gebiet Schangnau.

Die Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren vor Grossraubtieren vertraut Ihnen nicht mehr und gibt selber DNA-Analysen in Auftrag. Woher rührt dieser Vertrauensverlust ?
Wie es zu diesem Vertrauens­verlust kommen konnte, ist mir ein Rätsel. Wir, respektive das Jagdinspektorat, informieren zum Thema Wolf absolut transparent. Wird uns ein totes Tier gemeldet, geht der Wildhüter vor Ort und macht eine Ersteinschätzung. Handelt es sich um ein Gebiet, in welchem es bereits früher zu Wolfsrissen gekommen ist, und stellt der Wildhüter Rissindizien fest, kann er auch ohne DNA-Probe entscheiden, dass der Wolf zugeschlagen hat. Völlig unbürokratisch also. Zudem veröffentlichen wir sämtliche Risse und Sichtmeldungen sofort auf unserer Homepage.

Wieso schiesst denn diese Vereinigung aus allen Rohren gegen Sie?
Da kann ich nur Vermutungen anstellen: Das Hauptziel dieser Vereinigung ist erklärtermassen der Abschuss des Wolfes, die ­Entfernung des Wolfes aus dem schweizerischen Alpenraum. Wer dieses Hauptziel verfolgt, sucht Sündenböcke und beschwört Emotionen herauf.

Der Abschuss des Wolfs ist nicht Ihr Ziel und auch nicht jenes des Bundes.
Unser Ziel ist es, ein seriöser und verlässlicher Partner des Bundes zu sein. Der Kanton hat beim ­Thema Grossraubtiere eine reine Vollzugsaufgabe. Wir halten uns an das Wolfskonzept Schweiz, das auf Bundesebene festgelegt worden ist, angelehnt an die Berner Konvention, die europäische Schutzbestimmungen enthält. Auf Bundesebene steht die Re­vision des Jagdgesetzes an. Mit Blick auf diese wird der Kanton Bern nun in eine Sündenbockrolle hineinmanövriert, die nach meinem Dafürhalten überhaupt nicht gerechtfertigt ist. Die Wildhut arbeitet seriös, speditiv und im ­Interesse der Tierhalter.

«Ich wünsche mir, dass man sich in der Wolfsdiskussion an die Fakten hält, die Emotionen ausblendet und auf Augenhöhe mitein­ander diskutiert.»Christoph Ammann

Aber: In den letzten Jahren kommt man auf knapp 200 ge­rissene Schafe und Ziegen – eine blutige Statistik. Und jeder Einzelfall ist für einen Züchter traumatisch . . .
Man kann das jetzt psychologisieren, klar. Natürlich ist grundsätzlich jeder Verlust eines Tieres für den Tierhalter schlimm, auf welche Art er auch immer zustande kommt. Das schmerzt, und nicht nur auf der materiellen Seite. Mich beeindrucken die Beziehungen, welche Bauern zu ihren Tieren pflegen. Das ist eine Qualität der Landwirtschaft. Aber: Seit es Tierhaltung im Berggebiet gibt, gibt es auch Verluste. Wir reden von jährlich 400 Schafen, die im Kanton Bern ohne Einfluss des Wolfes sterben, etwa durch Blitzschlag, Absturz oder Krankheiten.

Geschädigte monieren, dass sie vom Kanton nur ungenügend begleitet werden.
Wie erwähnt sucht bei Wolfsrissen der Wildhüter die Geschädigten auf. Aber: Ich habe leider kein Wolf-Careteam. Im Rahmen von diversen Sparpaketen im Kanton Bern mussten auch beim Jagd­inspektorat Stellen eingespart werden, wir verfügen also nicht über unbeschränkte Ressourcen. Unsere Leute laufen bei den Vollzugsaufgaben schon jetzt am Limit, gerade in der Wildhut. Vom Wolf gerissene Schafe werden übrigens je nach Zuchtwert und Alter entschädigt. Diese Entschädigung beträgt pro Tier meistens zwischen 500 und 800 Franken, kann aber auch deutlich darüberliegen.

In der Wolfsdiskussion sind die Fronten verhärtet, wie wollen Sie diese aufweichen?
Ich würde nicht sagen, dass die Fronten verhärtet sind. Das Verständnis ist nicht dasselbe. Jedes Tier, das unnötigerweise ums Leben kommt, ist ein Tier zu viel. Wer aber das Verständnis hat, dass der Wolf nicht ins Berner Oberland oder in die Schweiz gehört, für den erhält ein Wolfsriss eine andere Qualität. Nochmals: Als Volkswirtschaftsdirektor habe ich eine Vollzugsaufgabe. Der Wolf ist in die Schweiz eingewandert, er hat einen Schutzstatus. Und da der Wolf nicht Vegetarier ist, muss mit Rissen gerechnet werden. Das sind die Rahmenbedingungen. Ich kann nachvollziehen, dass Schafzüchter dies zum Teil nicht akzeptieren können oder wollen. Als Politiker muss ich diese Rahmenbedingungen akzeptieren.

Wie leisten Sie nun Über­zeugungsarbeit?
Man muss aufpassen, dass kritische Einzelstimmen nicht das Gesamtbild verzerren. Kommt es zu einem Wolfsriss, steht die Emotionalität logischerweise an erster Stelle. Da habe ich vollstes Verständnis. Ist die Emotionalität etwas abgeklungen, können wir im Gespräch mit den Tierhaltern die Rahmenbedingungen erläutern und den Herdenschutz thematisieren. Ich habe eine zusätzliche 50-Prozent-Stelle im Bereich Herdenschutz bewilligt. Hier ar­beiten wir eng mit dem bernischen Bauernverband zusammen. Wir haben dasselbe Interesse, nämlich den Schutz der Tiere.

Herdenschutz funktioniert in der Praxis nicht überall, sagen viele Bergbauern. Hunde kommen in Konflikt mit Wanderern, im unwegsamen Gelände sind Zäune nicht möglich . . .
Herdenschutz ist nicht überall möglich, das stimmt. Wir sind ja nicht naiv. Und wir müssen die Beratung im Bereich Herdenschutz verstärken. Dazu braucht es aber einen Dialog und die Bereitschaft, sich überhaupt auf Herdenschutz einzulassen.

Foto: iStock

Wie nehmen Sie die Stimmung im Volk wahr? Hat der Wolf im dicht besiedelten Kanton Bern überhaupt Platz?
In der städtischen Bevölkerung und den Agglomerationen herrscht ein breites Verständnis für den Wolf. Im ländlichen Gebiet stellen wir Unterschiede fest: Wo es Wolfssichtungen gibt und zu Rissen gekommen ist, ist die Haltung natürlich kritischer und ablehnender. Wo es keine Vorfälle gab, blickt man relativ gelassen auf das Thema.

Der Wolf sorgt also für einen Stadt-Land-Graben?
Ich würde eher von einem Regionen-Restkanton-Graben sprechen. An die Adresse der Abschussbefürworter ist festzuhalten: Wir leben in einem Kanton, der Teil eines Landes ist, in welchem Mehrheiten bestimmen, welche Regeln gelten. Mit Stimmungsmache gegen den Wolf kann man zwar eventuell bei der eigenen Klientel den Eindruck erwecken, dass man sich für sie einsetzt. Aber man kann auch Gegenreaktionen auslösen. Es könnte durchaus sein, dass eine Gegen­bewegung entsteht, die niemand will. Weder ich als Volkswirtschaftsdirektor noch die Schaf­halter: Nicht eine Lockerung der Schutzbestimmungen, sondern eine Verschärfung.

Der Wolf spielt in Märchen und in der Mythologie eine grosse Rolle – schwingt dies in der ganzen Diskussion mit?
Es gibt seit je Tierarten, die der Mensch mit dem Bösen in Ver­bindung bringt. Wolf und Schaf erscheinen in schriftlichen Texten, seit es solche gibt. Dieses Bild vom bösen Wolf, das auch in der Märchenwelt des 19. Jahrhundert gezeichnet wird, ist in den Köpfen und im Unterbewusstsein ver­ankert. Der Wolf als Killer. Das­selbe gilt für den Hai, der in Filmen als Menschenjäger dargestellt wird, der er schlicht nicht ist. Zurück zum Wolf: Schaut man die Zahlen der Wolfsrisse in der jüngeren Vergangenheit an, muss man relativieren. Wir reden in diesem Jahr von 12 getöteten Schafen, die klar einem Wolf zugewiesen werden können. 11 sind in Abklärung. Wir reden also von 23 Tieren über den ganzen Kanton. Letztes Jahr waren es 65.

Nochmals: Wie schaffen Sie es, die gegensätzlichen Positionen in der Wolfsdiskussion einander anzunähern?
Ich wünsche mir, dass man sich in der Wolfsdiskussion an die Fakten hält, die Emotionen ausblendet und auf Augenhöhe miteinander diskutiert. Zum Beispiel den Herdenschutz. Wir haben nämlich gemeinsame Ziele: den Schutz der Tiere und eine Landwirtschaft, die bestmöglich wirtschaften kann.

(Berner Oberländer)

Erstellt: 23.08.2018, 09:45 Uhr

«Bis endlich ein Mägdlein vom nächsten Haus mit dem Beil zugeloffen»

Der Wolf beschäftigt die Menschen seit Urzeiten. Nach der Besiedlung der Berggebiete begann die Jagd auf das Wildtier. Dass da auch mal zu hemdsärmeligen Methoden gegriffen wurde, zeigt ein Blick in historische Dokumente.

Wölfe hausten schon zu einer Zeit im Berner Oberland, als es weder Dörfer noch Alpweiden gab. Nachdem der Mensch hier sesshaft geworden war, begann eine erbitterte Verfolgung der Tiere. Wölfe wurden gnadenlos gejagt, weil sie den Bauern und Sennen immer wieder das Vieh töteten. Wenn die Kirchenglocken zur Treibjagd riefen, blieb kein Mann zu Hause, und zwar aus mehreren Gründen: Die Teilnahme war Pflicht, denn wer sich drückte, wurde von der Obrigkeit gebüsst. Weiter erhielten die Jäger freie Verpflegung und ein lukratives Taschengeld. Und erfolgreiche Schützen wurden prämiert. Zu guter Letzt war so eine Hatz auch ein geselliges Ereignis, wo man sich traf und auch wacker trinken konnte. Die folgenden historischen Begebenheiten sind aus dem Simmentaler Heimatbuch und dem Frutigbuch zusammengetragen.

Den Wolf mit der Axt getötet

Ab 1657 versetzte ein Wolf vier Jahre lang die Dörfer am Fuss des Niesens in Angst und Schrecken. Er sei immer wieder «von Schwanden in der Kilchhöri Diemtigen neben Wimmis durch nach Aeschi ins Frutigland geloffen», so ein Dokument aus jener Zeit. In einem anderen Text ist zu lesen: «Anschliessend kehrte der Wolf ins Simmental zurück, wo er bei Reutigen einen Geissbuben anfiel. Dieser wehrte sich zuerst mit dem Stock, bis endlich ein Mägdlein vom nächsten Haus mit einem Beil zugeloffen, mit welchem der Geisshirt den Wolf zu Tod geschlagen.» Wochen später starb der Ziegenhüter – möglicherweise, weil der Wolf tollwütig war.

Der Bär im Diemtigtal

Dies ist der einzige belegte Fall aus der Gegend, bei dem ein Mensch Opfer eines wilden Tieres wurde. Ansonsten ­waren die Jäger dank ihren Feuerwaffen deutlich überlegen – so auch im Mai 1819, als drei Jäger im Hohniesenwald im hinteren Diemtigtal einen Bären erlegten.
Ende des 19. Jahrhunderts war das Schalenwild, die natürliche Beute des Wolfes, praktisch ausgerottet; was massgeblich auch zur Ausrottung des Wolfs beigetragen hat. In die Schweizer Alpen gelangten die ersten Wölfe in der Neuzeit im Jahr 1995. Von den 40 Wolfsrudeln im Alpenraum leben deren 16 in Frankreich, 14 in Italien sowie 3 in der Schweiz. Europaweit geht man heute von rund 18 000 Wölfen aus; davon leben über 250 Stück im Alpenraum. (bpm)

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