Gemütlich, geistreich und gesellig

Aeschi

Eine leere Grappaflasche weckte vor über 30 Jahren sein Interesse am Grappa, er machte den Grappa im Frutigland populär und ist heute Präsident des Grappaclubs Berner Oberland: Mike Häusermann aus Aeschi.

Der Vorstand des Grappaclubs Berner Oberland (v. l.): Arnold Hess (Beisitzer), Mike Häusermann (Präsident), Nelly Däpp (Sekretärin), Mirko Briggen ­(Vizepräsident) und Hans Tafel (Kassier.)

Der Vorstand des Grappaclubs Berner Oberland (v. l.): Arnold Hess (Beisitzer), Mike Häusermann (Präsident), Nelly Däpp (Sekretärin), Mirko Briggen ­(Vizepräsident) und Hans Tafel (Kassier.)

(Bild: ksm-fotografie)

Im Keller seines Hauses in Aeschi hat er über 400 verschiedene Flaschen Grappa stehen, und wenn Mike Häusermann von ihnen erzählt, wird seine Leidenschaft zu diesem Getränk, das er liebevoll «Edeldestillat» nennt, spürbar. Angefangen habe alles noch während seiner Lehre als Koch.

An einem Volksfest sei ihm eine leere Flasche in einer Schuttmulde aufgefallen. Das Spezielle an dieser war: Darin befand sich ein kleines, aus Holz geschnitztes Cheminée. Diese Flasche müsse voll sein, damit das Holz nicht austrockne und kaputtgehe, erklärte ihm sein damaliger Lehrmeister und füllte die Flasche mit Grappa.

Die Grappasuche wurde zu seiner Passion

So kam Mike Häusermann zu seinem ersten Grappa, der ihm aber nicht geschmeckt habe, wie er lachend gesteht. Weil Häusermann nicht glauben wollte, dass es keine besseren Grappas gibt als jenen, der ihm sein Lehrmeister in seine Flasche füllte, wurde die Suche nach immer besseren Grappas zu seiner Passion. Er las Bücher, denn vor 30 Jahren war noch nichts mit Googeln, machte sich schlau und wurde fündig.

Seinen ersten guten Grappa habe er im Tessin gefunden, erzählt Häusermann. In einer kleinen Weinhandlung in Locarno sagte er dem Händler, dass er auf der Suche nach einem guten Grappa sei. Der Händler liess ihn einen Grappa degustieren. Häusermann erinnert sich: «Ich glaubte dem Händler zuerst gar nicht, dass dies ein Grappa war. So gut war der!»

Vom Grappaabend zum Grappaclub

Als Geschäftsführer im Hotel Bergblick in Aeschi und natürlich aus Liebe zum Grappa rief Mike Häusermann die Grappaabende ins Leben. Das waren spezielle Anlässe, an denen alles, von der Vorspeise über den Hauptgang bis hin zum Dessert, mit Grappa zubereitet wurde. Diese mehrheitlich ausgebuchten Abende waren ein grosser Erfolg und steigerten die Bekanntheit des Grappas im ganzen Frutigland enorm.

«Mit jeder Flasche Grappa, die ich gekauft habe, wuchs meine Leidenschaft für ihn», erzählt Mike Häusermann. Bild: ksm-fotografie

Dazu Häusermann: «Mit jeder Flasche Grappa, die ich gekauft habe, wuchs meine Leidenschaft für ihn.» Schnell fanden sich viele gleichgesinnte Grappaliebhaber, und man begann auch, gemeinsam Destillerien in Italien zu besuchen. Das war der Beginn der heute bereits legendären Grappareisen.

Die Bezeichnung Grappa ist übrigens europaweit geschützt, und nur jener aus Italien oder dem Tessin darf auch offiziell als Grappa bezeichnet werden. Es war auf einer dieser Reisen an einem warmen Spätsommerabend in der Toscana im Jahr 2013, als sich der harte Kern der Grappaliebhaber um Mike Häusermann als Präsident zum Grappaclub Berner Oberland zusammenschlossen.

Man braucht Volljährigkeit und einen Götti

Heute zählt der Grappaclub Berner Oberland 35 Mitglieder im Alter von 26 bis 80 Jahren. Das «typische» Clubmitglied gäbe es nicht, weiss Häusermann. Sie haben alle unterschiedliche Berufe und Hintergründe. Wichtig sei der Mensch an sich, das gemütliche Zusammensein und die Leidenschaft für den Grappa. Wobei diese Leidenschaft nicht von Anfang an vorhanden sein müsse, die werde mit der Zeit im Club geweckt, ist Häusermann überzeugt.

Einziges Aufnahmekriterium ist das Alter, man muss aus Jugendschutzgründen 18 Jahre alt sein. Wer dem Grappaclub Berner Oberland beitreten möchte, nimmt zuerst an einem öffentlichen Clubanlass teil, lernt die Leute, vorzugsweise die Gründungsmitglieder, kennen und bewirbt sich. Definitiv in den Verein aufgenommen wird jedoch nur, wer von einem Götti an einer der Vorstandssitzungen vorgeschlagen wird.

Den Höhepunkt im Grappajahr bildet die Grappareise in der ersten Novemberwoche.

Der Grappaclub Berner Oberland trifft sich ungezwungen einige Male im Jahr, Anfang Jahr zu einem Rückblick auf die letzte Grappareise. Im Frühsommer steht jeweils der Grappatag in der Agenda mit Besuch auf einem Weingut oder in einer Destillerie im Inland. Natürlich mit Grappadegustation. Im Sommer findet der Grappagrillabend statt mit «gutem Essen, feinem Wein und herrlichen Grappas», wie es Häusermann ausdrückt.

Den Höhepunkt im Grappajahr bildet die Grappareise in der ­ersten Novemberwoche. Im November deshalb, weil dann die Weinlese vorbei ist und der neue Grappa gebrannt wird. Seit einem halben Jahr trifft man sich zudem jeden ersten Donnerstag im Monat zu einem geselligen Grappa-Höck in der Enoteca in Thun.

Sämtliche Anlässe, ausser dem den Mitgliedern vorbehaltenen Grappagrillabend, sind öffentlich zugänglich. Auch in diesem Jahr gibt es eine Grappareise, wobei der Name an sich nicht mehr stimmig sei, korrigiert Häusermann. Bei diesen Reisen handle es sich mittlerweile um sogenannte Grappa-Wein-Gourmet-Reisen. Es gehe dabei um mehr als «nur» um den Grappa mit seinem Alkoholgehalt von 30 bis 55 Volumenprozent.

Sicher ist: Zusammenkünfte des Grappaclubs Berner Oberland sind in jedem Fall geistreich. Doch um sich zu betrinken, kommt keiner in den Club, erklärt Häusermann, denn «mit einem Edeldestillat betrinkt man sich nicht, das geniesst man!».

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