Fledermäuse fliegen über das Jungfraujoch

Der Fachwelt fehlen die Worte: Erstmals wurden höher als 3100 Meter über Meer Fledermäuse gesichtet. Diesen glücklichen Umstand verdanken die Forscher dem Betriebs­leiter der Forschungsstation, Martin Fischer.

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«Ich war erstaunt, hier oben eine Fledermaus zu finden»: Martin Fischer, seit 15 Jahren Betriebsleiter und als Wetterbeobachter in Diensten der internationalen Forschungsstation auf dem Jungfraujoch tätig, entdeckte vor einiger Zeit auf seinem Rundgang diese regungslos unterhalb des Plateaus in einer Schneemulde liegende Fledermaus. «Also eigentlich fand sie mein Labradorrüde Sherpa, während ich auf dem Gletscher mit dem Verlängern von Messstangen für die Glaziologen beschäftigt war», erinnert sich Fischer.

Raschmöglichst Katzenmilch

Der 51-Jährige legte das tot geglaubte Tier in die Jackentasche und nach der Rückkehr zur Forschungsstation in einen kleinen Karton. Fischer: «In Gedanken malte ich mir bereits aus, ich könnte mich doch mal als Tierpräparator versuchen. Ich hatte nämlich mal gehört, dass Tiere mit Trockeneis präpariert werden; und in der Forschungsstation habe ich genug Flüssigstickstoff.»

Als Martin Fischer später nochmals nach dem vermeintlichen Tierkadaver schaute, stellte er erstaunt fest, dass dieser nicht mehr gleich daliegt – die Fledermaus lebte also noch. «Als sie sich weiter zu bewegen begann, versuchte ich ihr Wasser zu geben.» Die im Internet gefundene Stiftung Fledermausschutz leitete Fischer weiter an den Unterseener Spezialisten für Fledermäuse, Peter Zingg. «Dieser riet mir, es mit Katzenmilch zu versuchen.»

Aber woher beschafft man bloss auf 3450 Metern Meereshöhe Katzenmilch? «Meine Frau Joan rief einen Klimaforscher an, der am nächsten Tag sowieso raufkam, und fragte ihn, ob er für uns Katzenmilch einkaufen und mitbringen könnte.» Und so fütterten Joan und Martin Fischer ihr neues Haustier während einiger Tage und bis zum Schichtwechsel mit Katzenmilch.

Als Fischers dann ins Tal zurückkehrten, brachten sie den Patienten dem Fledermauskenner Peter Zingg nach Unterseen, der das Tier als erwachsenes Weibchen der Kleinen Abendsegler identi­fizierte und übernahm. Dieser konnte den Nachtflieger jedoch nicht mehr retten: «Der Patient war flugunfähig, von Parasiten befallen und offensichtlich verletzt», sagt der Unterseener Fledermausforscher.

«Sensationelle Entdeckung»

Mit dem überraschenden Fund auf dem Jungfraujoch weckte Martin Fischer das rege Interesse von Peter Zingg. Der Biologe und Fledermausfachmann: «Ich gab ihm einen Fledermausdetektor mit, den er jeweils im Frühling und im Herbst in Nächten mit Lufttemperaturen über dem Gefrierpunkt im Bereich des Jungfraujochplateaus installieren konnte.»

Das Resultat der Ultraschallaufzeichnungen dürfte in Fledermaus-Forschungskreisen nun weltweit für Staunen sorgen. Peter Zingg: «Das Gerät zeichnete zu Beginn fast nur durch Wind verursachte Geräusche auf. Später war die Ausbeute dann besser, aber immer noch mit vielen Lärmsequenzen. Die Suche nach Fledermausrufen war teils wie die Suche nach den Nadeln im Heuhaufen.»

Und: «In 36 Nächten registrierte der Detektor 268 Fledermaus-Rufsequenzen, die von acht verschiedenen Arten stammten. In einer einzigen Oktobernacht mit warmer Temperatur erfasste das Gerät sogar mal 147 Tiere, die übers Jungfraujoch südwärts flogen.» Fazit des Fachmanns: «Das ist eine sensationelle Entdeckung, denn weltweit wurden noch nie und nirgends auf Meereshöhen über 3100 Metern Fledermäuse gesichtet.»

Dazu komme die Tatsache, «dass die gezählten Tiere nur einen kleinen Teil der Menge ausmachen. Ich schätze, dass ein Zigfaches davon über das Jungfraujoch fliegt, welches vom Detektor mit einer Reichweite von nur 20 bis 60 Metern nicht registriert wird», so Zingg, der sich seit 35 Jahren intensiv mit Fledermäusen befasst. Unter anderen konnten auf dem Jungfraujoch Grosse Abendsegler, Zweifarb- und Rauhautfledermäuse festgestellt werden.

Zingg: «Diese neue Erkenntnis zeigt, wie wenig wir von der Natur und ihrer ganzen Komplexität wissen; nämlich fast gar nichts.» Bekannt hingegen ist, dass beispielsweise über dem Grimselpass und anderen Übergängen auf bis zu 2500 Höhenmetern jeweils Unmengen von Fledermäusen auf ihren saiso­nalen Zugflügen festgestellt ­werden.

Tummelfeld für Biologen

Martin Fischer, der Wetterbeobachter, der in all den Jahren auf dem Jungfraujoch bisher nebst Mücken und Fliegen auch verschiedene Vogelarten und Schmetterlinge gesichtet hat, zum Schluss: «Da oben wäre auch für Biologen ein äusserst interessantes Forschungsfeld.»

Berner Oberländer

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