Ein Bläser lässt sich nicht behindern

Aeschiried

Am Schlagerwettbewerb Stauferkrone blies sich Stefan Gertsch auf einen Spit­zenrang. Wegen seiner Schwerhörigkeit hört er die Trompete anders als das Publikum.

Stefan Gertsch blies sich am Internationalen Schlagerwettbewerb um die Stauferkrone auf den vierten Rang.

Stefan Gertsch blies sich am Internationalen Schlagerwettbewerb um die Stauferkrone auf den vierten Rang.

(Bild: PD)

Welcher Oberländer klassierte sich am Samstagabend an einem internationalen Musikwettbewerb im formidablen vierten Rang? Richtig: Luca Hänni am Eurovision Song Contest in Tel Aviv. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Erwähnte gelang nicht nur dem Uetendorfer Charmebolzen, sondern auch Stefan Gertsch, einem im Dürrenast aufgewachsenen Thuner.

Einem begnadeten Trompeter, der sich seit fünf Jahren in Aeschiried heimisch fühlt. Sang Hänni orientalisch angehaucht vom «dirty dancing» (schmutzigen Tanzen), vertonte Gertsch einen Tanz im Dreiviertel-Takt auf die spanische Art. Den Bolero. In Donzdorf, einem Städtchen nahe vom Stuttgart, wurde der 43-Jährige mit der Eigenkomposition «Bolero der Trompete» Vierter im internationalen Schlagerwettbewerb um die Stauferkrone.

«Das ist ein schöner Erfolg für mich», resümiert Stefan Gertsch zum jüngsten musikalischen Ausrufezeichen. Frühere hatte er in den letzten Jahren bereits an Schlager- und Volksmusikwettbewerben in Deutschland und im Südtirol gesetzt. Speziell erwähnt sei Rang vier im Finale um die Goldene Alpenkrone 2017, die von Musiker und Moderator Stefan Mross präsentiert worden war.

Handicap ohne Nachteil

Dass nun von 170 Bewerbern lediglich deren 16 um die Stauferkrone spielen respektive singen durften, macht das Abschneiden Gertschs noch beachtlicher. Er vermochte als einziger Instrumentalist die Phalanx der Schlagersänger zu durchbrechen. Warum aber misst er sich überhaupt mit der internationalen Konkurrenz?

«Als ich vor drei Jahren begann zu komponieren, wollte ich für mich wissen, ob ich im Vergleich eine Chance habe.» Der Ledige, aber Liierte hatte. Auf Anhieb. Bis heute hat sich der gelernte Maler, der schon länger in der Sicherheitsbranche tätig ist, noch für jedes Finale qualifizieren können.

«Als ich vor drei Jahren begann zu komponieren, wollte ich für mich wissen, ob ich im Vergleich eine Chance habe.»Trompeter Stefan Gertsch

Dabei deutete vor vier Jahrzehnten nur wenig auf eine Musikkarriere hin. Wenig bis nichts. Als Dreijähriger wurde Stefan und seiner Familie eröffnet, dass er nur zu 45 Prozent hört. Und nie mehr besser hören wird. Seinen Traum, Solotrompeter zu werden, vermochte die Schwerhörigkeit nicht platzen zu lassen. Siebenjährig erhielt er von seinem Grossvater, der an ihn glaubte, eine Getzen-Trompete, «made in USA».

Er spielte in Musikvereinen, blies in der Thuner Kadettenmusik. Heute besitzt Stefan Gertsch eine Handvoll der königlichen Instrumente. Silberne und vergoldete B- und Es-Trompeten. «Ich nehme den Klang der Trompete anders wahr als Normalhörende.» Leiser sei sie, ergänzt er, der gewisse hohe Frequenzen, von Flöten etwa, gar nicht wahrnimmt, tiefe Töne hingegen sehr gut. «Ich habe zwar Hörgeräte, trage diese aber nur ungern.» Die Umgebungsgeräusche lassen ihn schnell ermüden. Am liebsten lauscht er dem Klang seiner Trompete in Kirchen, da sei dieser «besonders schön».

Fortsetzung folgt ...

Ziele hat Gertsch noch viele. Auftritte an Anlässen, in Funk und Fernsehen. Ein weiteres ist für den Bläser, der sein Spiel mit täglich zwei bis drei Stunden Üben zu perfektionieren versucht, die Teilnahme am nächsten Finale um die Goldene Alpenkrone. Dafür wolle er ein neues Stück, «eine schöne Melodie», wie er sagt, komponieren. Eine, die berührt. Denn wie für Luca Hänni gilt auch für Stefan Gertsch: Nach dem Auftritt ist vor dem Auftritt.

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