Thun

Die Vision «Stadt der Generationen»

Thun23 Prozent der Thunerinnen und Thuner sind über 65 Jahre alt. Ein Spitzenwert in der Region, der auch grosse Chancen bietet - wenn der Imagewechsel gelingt.

<b>Fast ein Viertel der Thuner Bevölkerung ist über 65 Jahre alt</b> – Tendenz steigend. Dies fordert die Stadt darin, innovative und neue Ansätze für eine Vernetzung der Generationen zu entwickeln

Fast ein Viertel der Thuner Bevölkerung ist über 65 Jahre alt – Tendenz steigend. Dies fordert die Stadt darin, innovative und neue Ansätze für eine Vernetzung der Generationen zu entwickeln Bild: Enrique Muñoz García

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In Thun gibt es einen Seniorenrat, einen Seniorenmarkt und ein Altersleitbild. Die Stadt hat gleichzeitig diverse Plattformen und Projekte für Kinder und Jugendliche geschaffen. Was allerdings fehlt, ist ein spezifisches Angebot, das die Generationen verbindet.

Weshalb dies Sinn machen würde? Die heutige Gesellschaft befindet sich in einem Strukturwandel, weil der Anteil der älteren Bevölkerung wächst (siehe Grafik). Um ­dieser Herausforderung, welche auch eine grosse Chance bietet, gewachsen zu sein, muss sich die Gesellschaft unweigerlich Gedanken zum künftigen Zusammenleben machen und ent­sprechend neue Lebensformen finden.

Klicken Sie auf das Bild, um dieses zu vergrössern. Daten: Kanton Bern, BFS / Aufbereitung: Mathias Born / Grafik: dc

Dazu gehört auch das ­Zusammenführen der Generationen. Aktuelle auf bestimmte Altersgruppen zugeschnittene Angebote, wie sie auch die Stadt Thun bietet, führen aber eher zu einer Segmentierung und Ausgrenzung. Die bisherigen Plattformen machen auch deshalb wenig Sinn, weil die Lebenssituation und die Bedürfnisse von Menschen über 60 Jahren sehr unterschiedlich sind.

Fast ein Viertel der Menschen, die in Thun leben, ist über 65 Jahre alt.

Gerade die Stadt Thun könnte dabei nun Gegensteuer geben: Hier – ebenso wie in Spiez – leben überdurchschnittlich viele Menschen der Generation 60+ (siehe Grafik). Der Seniorenanteil der Stadtbevölkerung ist seit 2010 von 20,85 Prozent bis 2016 auf 23,29 Prozent – es sind dies 10 145 Personen – gestiegen. Damit bringt Thun die besten Voraussetzungen mit, das Zusammengehen der Generationen zu fördern.

Klicken Sie auf das Bild, um dieses zu vergrössern. Daten: Kanton Bern, BFS / Aufbereitung: Mathias Born / Grafik: dc

«Tandem» macht es vor

Die Stadt könnte künftig sogar eine Pionierrolle übernehmen und sich in diesem Bereich weit über die Region hinaus profilieren. Denn generationenübergreifende Projekte sind nach wie vor rar, obwohl der Anspruch, die ältere Generation stärker in die Gesellschaft zu integrieren und deren Erfahrung und Wissen einfliessen zu lassen, zukunftsträchtig ist.

Dies umso mehr, als es in Thun durchaus Ansätze für dieses ­generationenübergreifende Denken gibt, wenn auch bisher nur auf privater Basis: So engagiert sich der Verein «und» – das Generationentandem sehr stark in diesem Bereich (siehe Infokasten «Mit gutem Beispiel voran»).

Dies vor allem auch, weil er die bisherigen Ansätze von Gemeinden und Institutionen oft als ungenügend ­betrachtet: «Der Denkfehler beginnt halt schon dort, wo etwas ganz bewusst und ausschliesslich für eine Generation organisiert wird», bringt Initiant Elias Rüegs­egger das heutige Problem auf den Punkt und nennt als Beispiel den Thuner Seniorenmarkt. «Wir müssen vielmehr das Verbindende statt das Trennende fördern. Dazu gehört auch, dass wir neue Antworten auf gesellschaftliche Fragen finden, indem wir zum Beispiel einen Generationenmarkt organisieren.»

Für den 24-Jährigen ist dabei besonders wichtig, dass sich die Generationen auf Augenhöhe begegnen. So dürfe es nicht sein, dass die ältere oder die jüngere Generation den Lead übernehme und zu viel Einfluss ausübe oder sogar belehrend auftrete: «Ein gelungenes Generationenmiteinander zu erreichen, ist deshalb gar nicht so einfach!», sagt Elias Rüegsegger.

Weil er an sein Projekt glaubt, ist der umtriebige Rüegsegger derzeit daran, «seinen» Verein zu professionalisieren. Dazu gehört womöglich auch, gewisse Auf­gaben zu entlöhnen. «Wir sind zurzeit mitten in einem Visionsprozess und suchen das Gespräch mit lokalen und nationalen Partnern», sagt er, der in Bern Theologie studiert und nach eigenen Angaben 60 bis 80 Prozent seiner Zeit in das Generationentandem investiert.

Stadt ist gefragt

«Ich bin überzeugt, dass auch die Stadt Thun ihre Chance in diesem Bereich erkennt und Verantwortung übernimmt», sagt Elias Rüegsegger zur Rolle der Stadt in diesem Prozess. So kann er sich zum Beispiel vorstellen, dass der Gemeinderat eine Stelle schafft oder einen ­externen Leistungsvertrag mit dem Ziel erteilt, bestehende generationenübergreifende Projekte zu koordinieren und neue zu initiieren.

«Der Denkfehler beginnt schon  dort, wo etwas ganz bewusst und ausschliesslich für eine Generation organisiert wird.»Elias Rüegsegger
Initiant des Vereins «und» – das Generationen­tandem

Elias Rüegsegger zeigt sich dabei offen für weitere Ideen von anderen Vereinen und Projekten in der Region – und auch für die Anliegen der Stadt und weiteren Institutionen. «Ich finde es vor allem wichtig, dass wir auf lokaler Ebene zusammenspannen», sagt er. So seien ein Miteinander und ein Austausch verschiedener Projekte interessant und hilfreich für alle: «Ich denke, dass viele Synergien bestehen, wir müssen sie nur noch erkennen und als Ressource nutzen, um visionäre Generationenprojekte zu entwickeln.»

Als Beispiel nennt Elias Rüegsegger die sich etablierende Technikhilfe, die in Zusammenarbeit mit dem Repair Café und dem Thuner Seniorenmarkt 2017 entstanden ist.

Stadt zeigt sich interessiert

Auf offene Ohren stossen die Ideen auch bei der Stadt Thun: «Für mich tönt das sehr gut», sagt Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP). «Ich bin sehr offen für diesen innovativen Ansatz und bringe ihm sehr viel Sympathie entgegen.» Ein erstes Gespräch mit Elias Rüegsegger habe bereits stattgefunden, und das Generationentandem sei eingeladen, der Stadt einen konkreten Vorschlag als Diskussionsgrundlage zu unterbreiten.

«Ich bin sehr offen für den innovativen Ansatz und bringe ihm viel Sympathie entgegen.»Raphael Lanz, Stadtpräsident

Lanz betont dabei, dass er selber einen Generationenrat ins Spiel gebracht habe und das Verbinden der Generationen bei Diskussionen zur Stadtentwicklung regelmässig ein Thema im Gemeinderat sei. «Bei Stadtentwicklungsprojekten wie etwa der Freistatt oder dem Siegenthaler-Gut müssen wir solche Überlegungen unbedingt einfliessen lassen», zeigt er sich überzeugt (siehe Infokasten rechts).

Die Vision von Thun als «Stadt der Generationen», welche eine hohe Wohn-, Arbeits- und Lebensqualität für alle Generationen verspricht, scheint greifbar nah. Es ist an den politisch Verantwortlichen, die Chance, die sich derzeit bietet, auch wirklich zu packen.

Erstellt: 03.08.2018, 09:21 Uhr

Serie

«Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen», erklärte der ­deutsche Alt-Kanzler Helmut Schmidt einmal. Trotzdem wagt diese Zeitung, in einer losen ­Serie Visionen für das Berner Oberland aufzuzeichnen – ungehemmt von realpolitischen Einschränkungen und dem omnipräsenten Ausspruch «Das geht sowieso nicht». Die Gedankenexperimente sollen – abseits der aktuellen Agenda – einen Blick über den Tellerrand ermöglichen. (sgg)

Mit gutem Beispiel voran

Der Thuner Verein «und» – das Generationentandem zeigt ­bereits heute auf, was er unter einem sinnvollen Zusammen­leben der Generationen versteht. Der Kern des Projekts sind Generationentandems: Junge und alte Menschen, die zusammen an einem Thema arbeiten, sich kennen lernen und gemeinsam etwas Neues schaffen.

So organisiert der Verein regelmässig verschiedene Anlässe wie den Generationen-Talk, die «und»-Runde oder Technikhilfen für ältere Menschen und publiziert viermal jährlich ein Magazin. Hinzu kommen einmalige Anlässe wie das äusserst erfolgreiche Generationenfestival im letzten Jahr oder Vorträge (wir berichteten).

Entstanden ist das Generationentandem aus Rüegs­eggers Maturarbeit vor sechs Jahren. Der Verein ist für alle offen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität oder Wohnort. Politisch und kon­fessionell unabhängig, finanziert sich das Projekt durch Abo-, Mitglieder- und Sponsorenbeiträge. Der Hauptsitz des Vereins ist Thun.

Das Projekt lebt von der Arbeit der Freiwilligen. Vier Kernteams koordinieren alle Aktivitäten: das Liveteam, die Kernredaktion, das PR-Team und das Administrationsteam. Der Vorstand setzt sich aus den Teamleitern und Initiant Elias Rüegsegger zusammen (siehe Haupttext). (pd/don)

Seniorenrat im Wandel

Eine der Anlaufstellen, die die Stadt Thun für die ältere Gene­ration geschaffen hat, ist der ­Seniorenrat. In den Augen von Heiner Bregulla, Präsident jener nicht ständigen Kommission, geht dieses Konzept aber nicht ganz auf. «Wir stellen einfach fest, dass dem Seniorenrat immer mehr Kompetenzen weggenommen werden», sagt Bregulla und findet deutliche Worte: «Dadurch haben wir eher das Gefühl, ein Alibigremium zu sein.»

Ein funktionierender Seniorenrat sollte laut ihm mehr Kompetenzen erhalten und ­unabhängig vom Gemeinderat agieren können und über ein Budget verfügen. «Es geht um die Planung und um Visionen», sagt Bregulla. «In den nächsten zehn Jahren kann die Zahl der über 65-Jährigen in Thun auf 18 000 Personen steigen. Das Thema wird dadurch zu einem unermesslich grossen Feld.»

Gemäss offizieller Beschreibung setzt sich der Seniorenrat bei den Behörden und in der Gesellschaft durch Mitsprache und Mitwirkung für das Wohl und die Anliegen der Seniorinnen und Senioren ein – dies findet laut Bregulla jedoch zu wenig statt.

Aus diesem Grund befindet sich der 16-köpfige Seniorenrat momentan in einer Umbruchphase. «Wir hätten gerne auch Arbeitsgruppen, die sich beispielsweise mit Fragen auseinandersetzen wie ‹Wie könnte die Situation für Seniorinnen und Senioren 2030 aussehen?› und nach günstigen Wohnungen für Betagte suchen», sagt der 68-jährige Bregulla.

Ein generationenübergreifendes Projekt sei für den Seniorenrat bereits Thema gewesen ­(siehe Haupttext). Heiner Bregulla sieht die Zukunft aber eher in mehreren Gremien für verschiedene Altersgruppen. «Unter diesen Räten gäbe es bestimmt auch Berührungspunkte. Man könnte Räume teilen, gemeinsame Projekte realisieren und ein Beratungsbüro für alle Generationen eröffnen», erklärt Bregulla. «Das ist mein persön­licher Wunsch, denn so, wie es jetzt ist, stossen wir immer wieder an unnötige Grenzen!» (iek)

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