Der Tropenmacher von Frutigen

Frutigen

Seit 10 Jahren steht das Tropenhaus Frutigen offen. Der Frutiger Agronom Samuel Moser war der erste Angestellte und später auch Geschäftsführer. Er erinnert sich an die ersten Störzuchtversuche und durchwachte Nächte.

Samuel Moser war beim Tropenhausprojekt praktisch von Beginn an dabei. Dass das ungewöhnliche Vorhaben gelang, sei einem riesigen Teameffort zu verdanken. Foto: Nik Sarbach

Samuel Moser war beim Tropenhausprojekt praktisch von Beginn an dabei. Dass das ungewöhnliche Vorhaben gelang, sei einem riesigen Teameffort zu verdanken. Foto: Nik Sarbach

Manche Projekte entstehen aus reiner Kreativität heraus, andere aus schnöden Sachzwängen. Beim Tropenhaus Frutigen, das im November das 10-jährige Bestehen feiert, spielten seinerzeit beide Faktoren eine Rolle.

Um den Anfängen der schweizweit einmaligen Einrichtung auf die Spur zu kommen, reisen wir 30 Jahre zurück. Im Mai 1989 beschliesst der Bundesrat den Routenverlauf der neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat). Eine Verbindung zwischen der Alpennord- und der Alpensüdseite soll durch das Gotthardmassiv führen, eine zweite durch den Lötschberg. Dass dieser Entscheid dazu führen wird, dass in Frutigen heute Störe leben und tropische Früchte gedeihen, ahnt freilich noch niemand.

«Wir waren ein typisches Start-up, das einfach von Anfang an im grossen Stil geplant war.» Samuel Moser, Mitbegründer des Tropenhauses Frutigen

Wohin mit dem Wasser?

Zeitsprung: Mitte der 1990er-Jahre sind die Planungsarbeiten für den Lötschberg-Basistunnel in vollem Gange. Sondierbohrungen zeigen, dass der Tunnel eine Wasserader kreuzen wird. Eine ziemlich grosse sogar. Geologen errechnen, dass rund 250 Liter sauberes Wasser pro Sekunde aus dem Fels rauschen werden – warmes Wasser, bis zu 25 Grad soll die Temperatur betragen. Das stellt die Neat-Planer vor ein Problem: Das warme Wasser darf nicht einfach so in Kander oder Engstlige geleitet werden, da die Flüsse sonst zu stark erwärmt würden – zum Leid der Fische.

Anfang der Nullerjahre hat Peter Hufschmied (†) die zündende, wenn auch abenteuerliche Idee. Der Ingenieur der Baufirma Emch + Berger AG schlägt vor, im warmen Drainagewasser Störe zu züchten und damit auch noch ein Gewächshaus für tropische Früchte zu beheizen.

«Peter Hufschmied war ein Mensch mit vielen Ideen», erinnert sich Samuel Moser, der erste Geschäftsführer des Tropenhauses. Einer mit vielen Ideen und dazu einer, der sie auch nicht so rasch wieder fallen lässt: Hufschmied weibelt, bricht Widerstände und überzeugt erste Investoren davon, dass sich in Frutigen gewinnbringend Kaviar und tropische Früchte produzieren lassen.

2005 holt er den Agronomen Samuel Moser an Bord. Moser hat sich zuvor bei mehreren Mandaten in Südostasien viel Wissen über Kulturpflanzen in den Tropen angeeignet. Störzucht hingegen, das ist zu dem Zeitpunkt für den gebürtigen Frutiger Neuland.

«In der ganzen Schweiz gab es dazu praktisch kein Know-how», blickt er zurück. In einem Pilotprojekt sammelt Moser erste Erfahrungen: In ausrangierten Baubecken in der Helke, unmittelbar beim Bahnviadukt in Frutigen, erstellt die im Jahr zuvor gegründete Tropenhaus Frutigen AG eine Pilotanlage. Damit will sie Fragen zur Haltung und zur Fütterung von Stören klären.

«Wäre die Heizung auch nur eine Nacht ausgefallen, wären Hunderte Pflanzen kaputt- gegangen.»Samuel Moser, Mitbegründer des Tropenhauses Frutigen

Derweil schreitet die Planung des Tropenhaus-Baus in der Wengmatti voran. Erfahrungen aus der Helke fliessen ein, ebenso neue Erkenntnisse: «Es stellte sich heraus, dass die geologischen Prognosen unzutreffend waren», sagt Moser. Einerseits fliesst deutlich weniger Wasser aus dem Berg als zunächst angenommen, andererseits ist es auch wesentlich kühler. Das bedingt Anpassungen. Gefährdet ist das Projekt aber nicht, insbesondere, weil die AG nebst der Geothermie auch andere erneuerbare Energiequellen nutzen will.

Versuch auf dem Feld

Noch bevor in der Wengmatti die Bagger auffahren, startet die Tropenhaus AG angrenzend an den Baugrund einen Pflanzversuch. In einem aufblasbaren Gewächshaus soll sich zeigen, ob sich der Boden überhaupt dazu eignet, tropische Pflanzen aufzuziehen.

Und siehe da: «Nicht ganz alle Pflanzen, aber die meisten akzeptierten den einheimischen Boden», sagt Samuel Moser. Für ihn und das vorerst kleine Team ist die Versuchsphase aber besonders intensiv: «Wir hatten damals einen strengen Winter. Ich bin mehrere Male nachts um zwei Uhr noch hingefahren, um den Schnee vom Dach zu schütteln, damit das Gewächshaus nicht einsackte», erinnert er sich.

Das Versuchsgewächshaus zahlt sich auch PR-mässig aus: In einem Besucherpavillon können sich Interessierte übers Projekt informieren und das Treibhaus besichtigen. «Dass die ­Leute überhaupt mal eine Bananen- oder eine Papayastaude sahen, stellte sich als die halbe Miete heraus», so Moser.

Ohnehin ist das Interesse am Projekt gross: «Die Themen waren so exotisch, dass auch die Journalisten von selbst kamen.» So erreicht das Tropenhaus schon lange vor seiner Eröffnung schweizweit Bekanntheit. «Bis zur Eröffnung gaben wir für die Kommunikation kein Geld aus, das lief alles von selbst.»

Geld ist ohnehin nicht im Überfluss vorhanden. Innerhalb des 30-Millionen-Franken-Budgets müssen die Planer um Hufschmied und Moser immer wieder Abstriche machen. Selbst die Biogasanlage, in der die organischen Abfälle aus dem Betrieb zu Energie verwertet werden, droht einer Sparrunde zum Opfer zu fallen. Doch die Ansprüche bleiben hoch: «Wir wollten zur Eröffnung hin alles haben: Fische, Kaviar, Fischprodukte, Bananen, Papayas, eine Ausstellung, ein Restaurant, ein rundum ausgesuchtes Projekt, auch architektonisch», erinnert sich Moser.

Geist eines Start-ups

Noch vor der Eröffnung gerät Moser damit an seine Grenzen: «Irgendwann konnte ich nicht mehr so viel leisten, wie es das Projekt verlangt hätte.» Die AG erhält im Mai 2009 einen neuen Geschäftsführer, Moser wird Betriebsleiter. Es sind chaotische Zeiten. «Wir waren ein typisches Start-up, das einfach von Anfang an im grossen Stil geplant war», sagt er. Von null auf hundert, Zwischenstufen sind kaum möglich, weil im Tropenhaus alles zusammenhängt.

Als wäre das nicht stressig genug, kommen unvorhergesehene Ereignisse hinzu: Wenige Wochen nach Inbetriebnahme verstopft der riesige Wärmetauscher, die Wärmepumpen beginnen zu spucken. Diese entziehen dem Wasser, das aus der Fischzucht abfliesst, Wärme fürs Gewächshaus. Zu diesem Zeitpunkt – es ist Winter – ist das Gewächshaus voller Jungpflanzen.

«Wäre die Heizung auch nur eine Nacht ausgefallen, wären Hunderte Pflanzen kaputtgegangen», erzählt Moser. So verbringen er und andere «Tropenhäusler» im Turnus ganze Nächte im Keller des Tropenhauses, um die Wärmepumpen am Laufen zu halten – und eine Lösung für die Wärmetauscher auszutüfteln.

Schwierig, spannend und lehrreich ist diese Zeit für Moser. Vor allem im technischen Bereich ist Einfallsreichtum gefragt, denn es gibt keine Lösungen von der Stange. «Zum Glück konnten wir auf ein sehr motiviertes und flexibles Team zählen, das war wirklich eine ganz grosse Leistung», betont Moser. Dank dem Engagement aller Beteiligten gelingt das Projekt: Im November 2009 wird das Tropenhaus eröffnet. Moser bleibt noch bis 2012 im Betrieb.

Auch heute noch hat der 55-Jährige einen Bezug zum bisher anspruchsvollsten Projekt seiner Karriere: Er hat vor 3 Jahren die Biogasanlage zurückgekauft und verwertet die Abfälle des Tropenhauses zu Strom.

Im Jubiläumsmonat November kostet der Eintritt ins Tropenhaus pro Person 10 statt 18 Franken. Am Donnerstag, 21. November, findet von 10 bis 17 Uhr ein Tag der offenen Tür statt (Eintritt frei). Am Abend lädt das Tropenhaus zu einer Jubiläumsparty mit einem Konzert von Marc Amacher. Tickets sind direkt im Tropenhaus erhältlich.

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