Der Kartengruss aus den Ferien ist jetzt retro

Vor 100 Jahren hatte die «bebilderte Ansichtskarte» ihre Blütezeit. Diese Zeiten sind vorbei. Aber: Seit ein paar Jahren stagniert der Rückgang. Doch welche Touristen kaufen und verschicken überhaupt noch Karten?

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Ihre Entstehung geht auf das Jahr 1861 zurück: Damals wurden in den Vereinigten Staaten erstmals «private Karten» zulässig. Ihre Blütezeit hatte die Ansichtspostkarte dann zwischen 1897 und 1918 (Informationen zur Geschichte der Postkarte siehe weiter unten). Und heute?

Bei einer kurzen Umfrage mit 108 Teilnehmern im privaten Umfeld der Redaktorin kommt die physische Postkarte gut weg: Drei von vier Personen senden noch physische Grüsse aus den Ferien oder von Ausflügen, nur 4 der 108 Teilnehmer verschicken gar nichts. Über 40 Prozent schreiben sogar mehr als fünf Postkarten aufs Mal.

Wer auf das physische Schreiben der Postkarte verzichtet, nutzt Whats­App, Facebook oder Postkarten-Apps.

Verkaufspunkte fallen weg

«Wir gehen davon aus, dass aktuell rund 18 bis 19 Millionen Karten pro Jahr verkauft werden», sagt Thomas Bähler, Geschäftsführer des Verbands schweizerischer Kartenverleger und -grossisten. «Im Jahr 1990 waren es noch über 60 Millionen, im Jahr 2000 noch um die 40 Millionen.» Der Rückgang flache ab, so Bähler. Das Problem seien die Verkaufsstellen, die verschwinden.

«Dort wo die Ansichtskarte angeboten und gut präsentiert wird, verkauft sie sich auch gut.»Thomas Bähler, Geschäftsführer Verband schweizerischer Kartenverleger und -grossisten

«Dort wo die Ansichtskarte angeboten und gut präsentiert wird, verkauft sie sich auch gut.» Anders tönt es bei der Valora-Gruppe, zu der auch die schweizweit über 800 «k kiosk»-Filialen gehören. «Wir stellen einen generellen Rückgang des Postkartenverkaufs fest, der aber nicht mit der Schliessung von einzelnen Verkaufsstellen korreliert», sagt Lukas Mettler von der Medienstelle.

Lokale Postkarten-Produzenten sehen es ähnlich wie Thomas Bähler. «Das Problem für den Rückgang sind auch Konkurse von Detailhändler oder Lieferantenbereinigungen bei Ladenketten», so Peter Klopfenstein von der Photo Klopfenstein AG in Adelboden. «Seit dem Höhepunkt 1992 gingen die Umsätze stetig zurück.»

«Seit dem Höhepunkt 1992 gingen die Umsätze stetig zurück.»Peter Klopfenstein, Photo Klopfenstein AG

Bei Klopfenstein sei die Produktion von 4,5 Millionen Karten (1990) auf aktuell 0,5 Millionen gesunken. Jürg Gyger vom Verlag Photo Gyger in Adelboden gibt an, dass die Produktionsmenge in seinem Unternehmen seit 1990 um geschätzte 60 Prozent gesunken sei. «Seit 2014 stagniert der Rückgang», so Gyger.

Das kann auch Kerstin Sonne­kalb, Leiterin Marketing Kommunikation bei der Gstaad Marketing GmbH, bestätigen: «Rückgang? Im Gegenteil. Es scheint, als seien Postkartengrüsse aus den Ferien wieder im Trend.» Aufgrund der Nachfrage habe Gstaad-Saanenland Tourismus im April eine neue Kollektion auf den Markt gebracht

Wer kauft die Karten?

Im Welcome-Center in Thun hält sich der Verkauf der Karten in den letzten Jahren auf dem gleichen Nivau. Es gehen vor allem hochwertige Panoramakarten über den Ladentisch. Co-Leiterin Martina Wyss: «Wir verkaufen an Einheimische, beziehungsweise Schweizer Touristen, mehr Karten als an ausländische Touristen.»

Die Tourismusorganisation Inerlaken (TOI) verkauft nur noch am Standort Wilderswil Postkarten. «Der Verkauft ist immer in etwa auf dem gleichen Level, ein Rückgang ist nicht unbedingt auszumachen», so Medienverantwortliche Alice Leu.

«Wir verkaufen an Einheimische, beziehungsweise Schweizer Touristen, mehr Karten als an ausländische Touristen.»Martina Wyss, Co-Leiterin Welcome-Center Thun

Am meisten Postkarten setze die TOI während der Hochsaison von Juni bis September ab «und zwar praktisch ausschliesslich an ausländische Gästen – vor allem aus Grossbritannien, Deutschland und den Benelux-Ländern.»

Auch in Frutigen kaufen mehrheitlich ausländische Gäste Postkarten. «Seit das Tourist Office Frutigen von der Dorfstrasse an den Bahnhof umgezogen ist, verkaufen sie dort etwas mehr Karten, allerdings maximal eine Handvoll pro Monat», sagt Adrian Goetschi, Medienverantwortlicher von Adelboden Tourismus. Am Standort Adelboden verzichtet die Tourismusorganisation ganz auf den Verkauf von Ansichtskarten.

«Wir wollen die lokalen Fachgeschäfte Klopfenstein und Gyger nicht konkurrenzieren», so Adrian Goetschi. Diese sind sich übrigens einig, welches Postkartensujet der Liebling der Touristen ist – ob Schweizer oder Ausländer: «Am Beliebtesten sind mehrteilige Karten mit verschiedenen Bildern der besuchten Ortschaften.»

Das Sujet selbst wählen, knipsen und dann verschicken kann der Tourist auch mit Hilfe der eingangs erwähnten Postkarten-Apps. Sie sind eine beliebte Alternative zur gewohnten Postkarte geworden (siehe Text «Postkarten-Apps» weiter unten).

Wie Vinyl-Platten

Ob sich der physische Gruss von unterwegs – mit oder ohne App-Beihilfe – weiterhin halten kann, wird sich zeigen. «Die Entwicklung ist schwer voraus zu sagen», sagt Thomas Bähler. Die Postkarte sei als authentisches Retro-Produkt wieder cool geworden. «So wie sich ja auch Vinyl-Platten wieder besser verkaufen», ergänzt Bähler.

«Der Empfang einer Karte ist neben den vielen elektronischen Nachrichten ein Highlight.»Thomas Bähler, Geschäftsführer Verband schweizerischer Kartenverleger und -grossisten

Die Kartenverleger seien zuversichtlich, dass sich der Verkauf halten oder sogar leicht gesteigert werden kann. «Der Empfang einer Karte ist neben den vielen elektronischen Nachrichten ein Highlight.»

Geschichte der Postkarte

1861 waren «Private Karten» erstmals in den USA zulässig. Postamtlich zum ersten Mal eingeführt wurde die Postkarte mit der Bezeichnung «Correspondenzkarte» gemäss Wikipedia am 1. Oktober 1869 in Österreich-Ungarn. Die erste «Carte-correspondance» in der Schweiz folgte ein Jahr darauf am 1. Oktober 1870. Dazumal dienten die Karten der schriftliche Korrespondenz, eine Illustration war nicht vorgesehen. Die Karte konnte zu dieser Zeit nur innerhalb des Landes verschickt werden.

Als «Goldenes Zeitalter der Ansichtskarten» wird die Zeit zwischen 1897 und 1918 bezeichnet.

Ab 1878 konnten die Karten in die meisten Länder der Erde verschickt werden. Die Umbenennung in «Postkarte» erfolgte 1879. Bis zum «Durchbruch» der bebilderten Ansichtskarten im deutsprachigen Raum dauerte es bis 1896. Als ‹Goldenes Zeitalter der Ansichtskarten› wird die Zeit zwischen 1897 und 1918 bezeichnet. Waren es 1895 «nur» 21,3 Millionen, wurden 1913 schon 112,5 Millionen Karten verschickt.

Vor dem ersten Weltkrieg wurde die Ansichtskarte vor allem für Grüsse von Reisen genutzt. Auslandreisen waren selten, darum wurden die Karten meistens innerhalb des Landes verschickt. Im Ersten Weltkrieg ab 1914 wurden viele Postkarten als Feldpost verschickt. 1923 erschienen in der Schweiz offiziell sogenannte Bildpostkarten. Speziell in der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 wurden die Karten oft als Propaganda verwendet.

Postkarten-Apps

Im Vergleich zu WhatsApp oder Facebook ist das Endprodukt der Postkarten-Apps doch noch «ein bisschen physisch». Zum Beispiel bei der «PostCard-Creator»-App der Schweizerischen Post.

Pro Tag kann der App-Benutzer ein Bild via Smartphone hochladen und physisch an eine Adresse in der Schweiz verschicken lassen. Gratis, per B-Post (bis vor kurzem sogar per A-Post). Die Post übernimmt Druck und Versand.

Für 2 Franken pro Stück können seit Juni 2016 via die Post-App unbegrenzt viele Postkarten verschickt werden, dies auf dem A-Post-Weg. Die Postkarte kommt also ausgedruckt und per Post zum Empfänger, den Ort des Sujets hat die Karte selbst aber nie besucht.

«Der ‹PostCard-Creator› erfreut sich einer ungebrochenen Beliebtheit», sagt Post-Mediensprecherin Jacqueline Bühlmann. 2015 wurden insgesamt 4,5 Millionen Gratis-Postkarten über die App verschickt, 2016 sogar 6,7 Millionen.

Weitere Anbieter sind die Elco AG und Ifolor. «Bei uns bewegt sich die Nutzerzahl im fünfstelligen Bereich», sagt Barbara Buchegger von der Elco AG. Der Preis der Karte samt A-Post-Briefmarke beträgt 2.90 Franken.

Auf der Ifolor-App «Postkarten» kostet das gleiche Angebot minimal mehr: 2.95 Franken. Ifolor-Mediensprecher Michel Nellen: «Pro Jahr werden weit über 100'000 Postkarten mit unserer App versendet.».

(Berner Oberländer)

Erstellt: 22.07.2017, 07:36 Uhr

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