BLS-Schifffahrt in Seenot

Oberland

Die Schifffahrt auf Thuner- und Brienzersee erzielt zu wenig Einnahmen dafür, selbsttragend zu sein. Die BLS will die Flotte deshalb verkleinern.

Flottenparade der BLS auf dem Thunersee. Wie viele Schiffe künftig unterwegs sein werden, ist derzeit noch offen.

Flottenparade der BLS auf dem Thunersee. Wie viele Schiffe künftig unterwegs sein werden, ist derzeit noch offen.

(Bild: PD)

Loungeschiff, Fondueschiff, Fajitaschiff … jahrelang gab sich die BLS alle Mühe, die Schifffahrt auf dem Thuner- und dem Brienzersee möglichst attraktiv und vielfältig zu gestalten. Neben den Kursschiffen sollten die Gäste mit Sonderfahrten auf die Seen gelockt werden, um etwas Spezielles zu erleben.

Damit soll jedoch bald weitestgehend Schluss sein. Gemäss dem Geschäftsbericht 2018, den die BLS am Dienstag veröffentlichte, wird die Schifffahrt auf dem Thuner- und dem Brienzersee in den nächsten Jahren in stürmischen Gewässern unterwegs sein. Grund sind die Finanzen.

«Den Buchwert der Schifffahrt hat die BLS im vergangenen Jahr um 7 Millionen Franken nach unten korrigiert», heisst es. «Der Grund für die Wertberichtigung ist eine Finanzierungslücke: Die BLS kann die hohen Investitionen in ihre Schiffe, Ländten und Werkstätten derzeit nicht aus den Einnahmen durch den Betrieb finanzieren.»

Um solche Wertberichtigungen künftig zu vermeiden, entwirft die BLS für die Schifffahrt ein neues Geschäftsmodell. Das Ziel: Sie soll finanziell unabhängig werden. Dabei wolle sich die BLS künftig vorwiegend auf die Kursschifffahrt konzentrieren, in der sie den Grossteil ihrer Einnahmen erzielt. Das Unternehmen wird deshalb die Flotte verkleinern und so die finanziellen Mittel sichern, um die verbleibenden Schiffe zu modernisieren.

Weiter plant die BLS, die Marktbearbeitung zu intensivieren, bestehende Kooperationen auszubauen und zusätzliche Partnerschaften einzugehen, um die Erträge zu steigern. Dank des neuen Geschäftsmodells soll sich die Schifffahrt ab dem Jahr 2021 aus den eigenen Einnahmen weiterentwickeln können.

Weniger Personal

Der SEV, die Gewerkschaft des Verkehrspersonals, reagierte umgehend und empört. «Wo bleibt das Personal?», fragt sie in ihrer Medienmitteilung von Dienstag. «Die BLS hat heute ihr Jahresergebnis 2018 kommuniziert und in allen vier Geschäftsfeldern einen Gewinn ausgewiesen. Die Mitarbeitenden haben zu diesem positiven Resultat wesentlich beigetragen. Die BLS dankt es ihnen aber – leider nicht zum ersten Mal – mit keinem Wort. Hingegen will die BLS nun auch in der Sparte Schiff noch mehr Personal abbauen», schreibt der SEV weiter.

Auslagerung an Tochter?

Anfang dieses Monats sei der SEV von der BLS über die bevorstehenden Umstrukturierungen informiert worden, erklärte der SEV-Gewerkschaftssekretär, der Thuner Stefan Marti, auf Anfrage dieser Zeitung. «Claude Merlach, Leiter der BLS-Schifffahrt, erklärte uns, er sei vom BLS-Verwaltungsrat mit der Reorganisation beauftragt worden.» Ausgangslage sei die Tatsache, dass die BLS-Schifffahrt 85 Prozent ihrer Einnahmen mit den Kursschiffen verdiene und die restlichen 15 Prozent mit Sonderfahrten.

Letztere sollen zwar nicht eingestellt, aber doch merklich herunterfahren werden. «Merlach legte uns ziemlich detaillierte Pläne vor und erklärte, man prüfe eine Auslagerung der Schifffahrt an eine noch zu gründende Tochtergesellschaft», führte Marti aus. Das hätte den Vorteil, dass die BLS das Personal zu tieferen Konditionen anstellen könnte. «Für die gesamte BLS gibt es einen Gesamtarbeitsvertrag. Bei der Gründung einer Tochtergesellschaft müssten die Konditionen allerdings erst ausgehandelt werden.»

Zu viel Tiefgang

Eine weitere markante Kosteneinsparung verspreche sich die BLS mit der Verkleinerung der Thuner- und Brienzerseeflotte von heute 14 auf 7 oder 8 Schiffe. «Hinzu kommt, dass die BLS nicht über die richtigen Schiffe verfügt. Gemeint sind solche, die einen geringen Tiefgang haben, um auch im Winter bei niedrigem Pegelstand fahren zu können», sagte Marti.

Die BLS plane deshalb, ein neues Schiff zu kaufen, statt andere zu sanieren. Weniger Schiffe bedeute, dass auch mal ein Kursschiff aus technischen Gründen ausfallen könnte. «Das nimmt die BLS explizit in Kauf», sagte Stefan Marti weiter. «Claude Merlach zog bei der Besprechung mit uns folgenden Vergleich: Auch Bergbahnen könnten nicht mehr fahren, wenn ein Seil defekt sei.»

Neue Märkte

Mit der Erschliessung neuer Märkte möchte die BLS den Jahresumsatz der Schifffahrt steigern, sei dem SEV mitgeteilt worden, und zwar mit Gästen aus dem arabischen und asiatischen Raum. «Ich frage mich schon, wie sie diese Leute auf den Kursschifffen unterbringen wollen, wo der Andrang bereits heute an Spitzentagen so gross ist, dass fast jeder Kurs doppelt gefahren werden könnte», gab Stefan Marti zu bedenken.

«Das wird kein Problem darstellen», konterte Claude Merlach auf Anfrage. «Mit den Touroperatoren können wir die Belegung der Schiffe steuern, indem wir ihnen günstigere Preise anbieten, wenn sie die Fahrten nicht am Wochenende buchen.»

Noch zu früh

Es sei eine schwierige Aufgabe, die der Verwaltungsrat der Geschäftsführung der Schifffahrt gestellt habe, sagte Claude Merlach weiter. «Aber sie bietet uns die Möglichkeit, die Schifffahrt auf eigene Beine zu stellen und nachhaltig betreiben zu können.» Eine Option sei auch die Gründung einer Tochterfirma der BLS.

Die grosse Frage – wie viele Schiffe ausgemustert werden und welche – konnte Merlach aber nicht beantworten. Auch für Angaben zur Reduktion des Personals sei es noch zu früh, sagte er. «Mit diesen Aspekten werden wir uns in den nächsten Monaten auseinandersetzen.» Bereits heute sei indes klar, dass die beiden dampfbetriebenen Flaggschiffe der Thuner- und Brienzerseeflotte, die Blümlisalp und die Lötschberg, nicht gefährdet sind.

«Sie sind zwar im Unterhalt teurer als unsere anderen Schiffe, dafür bieten sie unseren Gästen ein besonderes Erlebnis.» Man müsse aber die finanzielle Belastung reduzieren, und zwar durch ein Fundraising und die Zusammenarbeit mit Organisationen wie den Freunden der Dampfschifffahrt Thuner- und Brienzersee.

Merlach bestätigte weiter, dass die Beschaffung eines neuen Schiffs mit wenig Tiefgang ein Thema sei. Offen ist ferner, wo im Sonderfahrtenangebot der Rotstift angesetzt wird. «Da wir unsere Ressourcen – Personal und Schiffe – hauptsächlich bei der Kursschifffahrt einsetzen werden, werden die Sonderfahrten künftig vor allem ausserhalb der Hauptsaison angesetzt.»

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