Auf Talfahrt mit der Kreuzfahrt

Kiental

Das Alpentheater wagt sich aufs offene Meer und ans Kabarett. Maria Steiner und Eveline Peter persiflieren in «Schiff ahoi» ab Samstag den Kreuzfahrt-Tourismus.

Maria Steiner (l.) und Eveline Peter staunen und lästern auf dem Luxusdampfer. Foto: Markus Hubacher

Maria Steiner (l.) und Eveline Peter staunen und lästern auf dem Luxusdampfer. Foto: Markus Hubacher

Es ist ein Kreuz mit der Kreuzfahrt. Würden wohl die Österreicher sagen. Wer hat nicht schon seine Erfahrungen damit gemacht? Und sich in Venedig oder Bergen an den Kopf gegriffen, wenn wieder einer dieser Riesenkähne Tausende von Menschen in ein Zentrum ausspuckte, das während weniger Stunden zu kollabieren drohte? Man muss nicht mal selber auf einem solchen Luxusdampfer mitgefahren sein, um mitreden zu können. Präsenz vor Ort oder Bilder und Informationen aus den Medien reichen.

In «Schiff ahoi» wird all das, was mit dem Kreuzfahrt-Tourismus zu tun hat, verwurstelt. Als lebendiges, witziges, abgründiges Kabarettprogramm. Es ist nicht selbstredend alles zum Lachen, was einem das Alpentheater in seiner neusten Produktion vorsetzt. Es gibt immer wieder (giftige) Pfeile, die sitzen.

Maria Steiner und Eveline Peter platzieren sie mal maliziös, mal perfid, mal wie nebenbei, als wärs eine harmlose Feststellung. Gerade darin schlummert das Unheimliche. Und was die beiden Frauen bieten, ist beste, kurzweilige Unterhaltung.

Eigener Konsum-Kosmos

Im Bühnenraum der ehemaligen Postauto-Garage von Kiental an der Griesalpstrasse 67 laufen die letzten Proben für die Premiere vom Samstag. Das Alpentheater wagt sich erstmals ans (Polit)-Kabarett-Genre heran. Und dampft aufs Meer hinaus, welches das Publikum wie die beiden Protagonistinnen gar nie sehen wird. Kein Wunder, die Kreuzfahrtwelt ist ein eigener Konsum-Kosmos mit Einkaufstempeln, Spielsalons, Schwimmanlagen und überladenen Buffets, die es zu entern gilt.

Für den Blick aufs Wasser gibts gar keine Gelegenheit. Regisseurin Sjoukje Benedictus lässt an diesem Nachmittag durchspielen, verschiebt die Analyse auf den nächsten Tag. Auszusetzen gibt es ohnehin nicht mehr viel. Der eine oder andere kurze Durchhänger hier, eine Konzentrationsschwäche da. «Es ist Zeit, vor die Leute zu treten», sagt die holländische Choreografin, welche schon seit 40 Jahren Wohnsitz im Kiental hat.

Hinzu kommt: Maria Steiner und Eveline Peter spielen nicht nur die hochnäsige Kate respektive die verschüchterte Liselotte, die sich auf Kabinensuche machen und immer wieder aufeinandertreffen, um ihr Befinden kundzutun. Sie verkörpern auch die Italienerin Rosanna als Bedienstete und die Deutsche Inge als ihre Vorgesetzte, die als Bordpersonal immer unter Druck stehen und ausgenützt werden. Steiner und Peter müssen blitzschnell ihre Identitäten, Artikulierungen, Sprachgebärden und Körperhaltungen wechseln, um mal die oben auf dem Deck und mal die von unten im Schiffsbauch zu sein.

Es brauchte vier Personen

Die Spiezerin Maria Steiner hat die jeweils an den Proben (seit September) improvisierten Szenen anhand von Videoeinspielungen niedergeschrieben und die Textvorlagen zu Hause weiter ausgefeilt. Aktuelle Anspielungen, kecke Wortspielereien und freche Seitenhiebe auf Politgeschehnisse (auch ganz nah in der Region) fehlen nicht. «Weil wir so viele Themen hatten, brauchten wir vier Figuren», erklärt die pensionierte Darstellerin, die während 20 Jahren als Lehrkraft in Thun unterrichtet hat.

«Es hätte nicht Sinn gemacht, wenn die beiden Passagierinnen an Bord über die schlechten Arbeitsbedingungen des Personals reden. Das interessiert sie sowieso nicht.» Eveline Peter aus Kandergrund trägt das Theatervirus auch schon mehrere Jahre in sich und bewegt sich auf Augenhöhe mit ihrer älteren Mitspielerin. Sie investiert als Betagtenbetreuerin und alleinerziehende Mutter zweier Buben viel Freizeit in ihre Passion.

Sie und Maria Steiner sind nicht nur in der Konzentration mit viel Text gefordert. Auch Tanzeinlagen und Gesang müssen sitzen. Da geben ihnen Sjoukje Benedictus als gewiefte Choreografin und Chrigu Gerber, ein Musiker aus Bern, am Piano soliden Halt. Gerber wird drei bestehende und drei (von Jonas Furrer) neu komponierte Schlager spielen.

So eine Kreuzfahrt hat es also in sich. Im Alpentheater steht sie als Synonym für die Verschwendungssucht und Degeneriertheit unserer Überflussgesellschaft. Die Lust, nach der Vorstellung selber auf so einem Koloss unterwegs zu sein, dürfte nicht unbedingt steigen.

«Schiff ahoi», wird an folgenden Tagen im Kleintheater des Alpentheaters Kiental gespielt: 19., 20. und 27. Januar, 2., 16., 17. und 25. Februar. Beginn ist jeweils bereits um 16 Uhr, damit das letzte Postauto ab 18.07 Uhr Richtung Reichenbach erreicht werden kann. Tickets zu 25 (Erwachsene) und 20 Franken (Jugendliche bis 16 Jahre). Vorverkauf: www.alpentheater.ch und 033 676 25 35.

Berner Oberländer

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