«3714» – ein Bier von hier

Frutigen

Bauernhof, Grossküche? – Nein, was da im ehemaligen Lagerraum an der Dorfstrasse dampft und brodelt, ist eine Craftbier-Brauerei. Seit letzter Woche ist die neue Brauanlage in Betrieb. Und die beiden Macher von «3714 Frutigbier» haben noch viel vor.

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Die Ärmel hochgekrempelt, die Jeans in Gummistiefel gesteckt, die Wollmütze auf dem Kopf: Wenn in Frutigen so jemand mit Wasserschlauch und Gummiflitsche zwischen grossen Metalltanks hantiert, arbeitet er vermutlich im eigenen Stall oder vielleicht noch in der Milchsammelstelle.

Doch mit Milchproduktion und Bauernromantik hat es nichts zu tun, was Martin Ruprecht hier macht, auch wenn das Ambiente mit rohen Holzbalken und unverputztem Mauerwerk ähnlich rustikal anmutet.

Gemeinsam mit seiner Geschäfts- und Lebenspartnerin Ginette Pernet (47) braut Ruprecht (50) im umgebauten ehemaligen Lagerraum des Germann-Frischmarkts Bier – «Frutigbier». Soeben wurde die neue Brauanlage installiert, und Ruprecht beseitigt die letzten Maischereste vom versiegelten Boden.

Zuvor hat er das ausgekochte Gerstenmalz aus dem dampfenden Läuterbottich geschabt. «Das geben wir einem Bauern aus der Gegend für seine Tiere», verrät Ginette Pernet. Die Nähe zur Landwirtschaft ist hier eben allgegenwärtig.

Es schäumt und wallt

«Es lebt», meint Ginette Pernet, als die Brauer wenig später mit einer Mischung aus Spannung und Stolz ihre Köpfe zur geöffneten Sudpfanne recken. Darin brodelt die Würze bei 97 Grad. Und wirklich: Jedes Mal, wenn der zu Pellets gepresste Hopfen hinzugefügt wird, schäumt und wallt es in dem grossen Edelstahlbottich – Fassungsvermögen: 300 Liter.

«Wir hatten 90 Stunden gebraut, und nach 3 Stunden war alles ausverkauft.»Ginette Pernet

Das erinnert an eine Grossküche, wogegen die kupferne 30-Liter-«Braueule» eher nach Hobbykeller aussieht. Und tatsächlich war es bisher ein bisschen so, wie Ginette Pernet bestätigt. Nachdem die beiden in einer Sommerlaune davon gesprochen hatten, dass man doch sein eigenes Bier in Frutigen brauen sollte, war schnell ein Braukurs besucht und eine kleine Anlage besorgt. Am 30. Dezember 2017 wurde das erste Mal gebraut – mit Kupferkessel und Thermometer.

Die Postleitzahl als Marke

Euphorisiert vom eigenen Produkt hätten die beiden Hobbybrauer schnell gemerkt, dass sie mehr wollten. Sie überlegten sich Namen für die eigenen Biersorten, gestalteten die Etiketten und gaben auch ihrer kleinen Brauerei einen Namen: «3714 Frutigbier» mit der Postleitzahl des Herkunftsortes.

Und so produzierte das Paar im Laufe des vergangenen Jahres 120 Sude à 25 Liter im heimischen Keller – in seiner Freizeit, denn Ginette Pernet ist selbstständig im Eventbereich tätig, und Martin Ruprecht führt eine Schreinerei in Frutigen.

Aus 60 werden 600 Liter

Dass die kleine Brauanlage längst nicht mehr ihren eigenen Ansprüchen und denen der Kunden gewachsen war, merkten sie spätestens Anfang September. Die Bierbrauer aus Frutigen hatten sich dazu bereit erklärt, das Kanderkultur-Festival in Frutigen zu versorgen. Doch das klappte nur bedingt.

«Wir hatten 90 Stunden gebraut, und nach 3 Stunden war alles ausverkauft», berichtet die Geschäftsführerin von «3714 Frutigbier» Ginette Pernet. Auch bei ihren Vertriebspartnern, dem Getränkehandel Trachsel und dem Dorflädeli in Frutigen sowie der Salvis-Metzg in Wimmis war das Bier zeitweise vergriffen, sodass der Schritt zur grösseren Brauanlage nur konsequent war und mutig.

Denn mit dem Umbau des ehemaligen Lagerraums in eine Craftbier-Brauerei investierte das Paar viel Arbeit sowie einen sechsstelligen Betrag und erhöht den Ausstoss erheblich.

Waren es bisher 60 bis 90 Liter in der Woche werden es nun 600 Liter oder 1800 Flaschen, die auch nicht mehr einzeln per Pipette, sondern halbautomatisch befüllt werden. Seit letzter Woche ist die neue Anlage, die in Österreich angefertigt wurde, in Betrieb.

«Ein Treffpunkt mit Ausschank - so etwas gibt es hier sonst nicht.»Martin Ruprecht

In zwei grossen Stahltanks finden nach Hinzufügen der Hefe die beiden Gärprozesse statt, die jeweils fünf bis zehn Tage dauern. Anschliessend reift das Bier noch vier weitere Wochen in der Flasche, bevor es dann in den Verkauf gehen kann.

Drei obergärige Sorten haben die Frutiger Bierbrauer im Programm: «Chrampfer» (ein Pale Ale mit einem Alkoholgehalt von 5 Prozent), «Plöffer» (ein Amber-Bier mit 5,2 Prozent) und «Plagööri» (ein Indian Pale Ale mit 6 Prozent). Die Rezepturen haben sie selbst ersonnen. «Mit viel Probieren. Das ist so etwas wie beim Kochen», sagt Ginette Pernet. Mit «Meitschi» soll bald noch ein Frauenbier folgen.

Festivals und Gastronomie

Und die Frutigbier-Macher haben weitere Pläne. Ab Januar soll an zwei Tagen in der Woche gebraut werden, voraussichtlich dienstags und mittwochs. Dabei lassen sich die Brauer bei ihrer Arbeit auch über die Schulter blicken, und es gibt das Bier an der Dorfstrasse 1 direkt von der Rampe zu kaufen.

Später sind zudem Degustationen und ein Treffpunkt mit Ausschank geplant. «So etwas gibt es hier sonst nicht», sagt Ruprecht. Mittelfristig wollen sie Festivals und Gastronomie im Kandertal beliefern, später auch mal in Biel oder Zürich, ergänzt die ausgebildete Biersommelière Pernet.

www.frutigbier.ch

Berner Oberländer

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