26 Tage, 26 Kantone, 26 Gipfel

Der Frutiger Ueli Schneider bestieg in diesem Sommer die höchsten Gipfel aller 26 Kantone in je einem Tag. Zwei Dinge hat er dabei gelernt.

  • loading indicator
Dominik Galliker@DominikGalliker

Beim ersten Gipfel ging einiges schief. 14. April 2015, eine Skitour von Engelberg aus auf den Titlis. Es war sonnig, hatte fast keinen Wind. Dreieinhalb Stunden war Ueli Schneider unterwegs, bis er auf dem Gipfel stand, auf 3238 Metern. Es war der erste von 26 Gipfeln, die Ueli Schneider in diesem Sommer bestiegen hat – der höchste Punkt des Kantons Obwalden.

Erst später bemerkte Schneider seinen Fauxpas: Auf dem Gipfelfoto hält er nicht die Flagge von Obwalden in der Hand, sondern jene vom Kanton Nidwalden. Wenn Ueli Schneider diese Geschichte heute erzählt, dann macht er es mit einem Lachen. «Eigentlich ist es peinlich: Ich habe einfach die Fahnen verwechselt.» Es war ein holpriger Start in ein Projekt, bei dem ansonsten fast alles glatt lief.

26 Gipfel hat Ueli Schneider bestiegen, den höchsten Punkt von jedem Schweizer Kanton. Alle Touren machte er vom Tal aus zu Fuss oder mit Tourenski. Für jede Etappe hat er nur einen Tag gebraucht. 840 Kilometer hat Schneider zurückgelegt, 50'000 Höhenmeter überwunden.

Besoffen am Himalaja

Das Erfolgsprojekt hat seinen Ursprung im Scheitern. Und zwar im fernen Himalaja, wie Ueli Schneider erklärt. Im Herbst 2014 hat der Frutiger eine Tour organisiert, die über die 6000-Meter-Grenze hinausführen sollte. Doch während des Aufstiegs schwanden Schneiders Kräfte innert Stunden. «Ich hatte ein Virus aus der Schweiz mitgeschleppt», erzählt der 49-Jährige.

Die Krankheit schlug auf den Gleichgewichtssinn. «Ich war unterwegs wie ein Besoffener. Ich war überzeugt, dass ich geradeaus laufe, und steuerte stattdessen auf die nächste Wand zu.» Der Rettungshubschrauber musste ihn retten. «Dieses Erlebnis ist mir ziemlich eingefahren. Wie sehr man doch angewiesen ist auf fremde Hilfe», sagt Ueli Schneider. Er habe gewusst, dass er seinen 50. Geburtstag mit einem Bergprojekt feiern wolle. «Aber es musste etwas sein, bei dem ich niemanden in Gefahr bringe und selber entscheide, wann genug ist.» Noch im Berner Inselspital sei der Entscheid gefallen, in der Schweiz zu bleiben.

Vom Bergbauer zum Beamten

Ueli Schneider klettert, macht Skitouren und Trailrunning (rennen abseits asphaltierter Wege). «Ich bin keiner, der mit der Stoppuhr in die Berge geht», sagt er. Schneider ist in einer Bergbauernfamilie in Reichenbach im Kandertal aufgewachsen. Heute hat er einen Bürojob in der Bundesverwaltung. An freien Tagen geht es aufwärts, meist alleine, in seinem eigenen Rhythmus. Er möge es, dass in den Bergen die Natur sage, was möglich ist. Und er es sei, der einen Weg auf den Gipfel finden müsse, den die Natur freigebe.

Doch diesen Einklang mit der Natur findet man nicht nur in ­der Höhe – das sei vielleicht die grösste Lehre seines Projekts, sagt Schneider. In Genf, Basel Stadt, Schaffhausen und im Thurgau sind die höchsten Punkte keine 1000 Meter hoch. «Als ich mit dem Zug nach Genf fuhr, dachte ich: ‹Ach komm, geh dort hin, dann hast du es erledigt.›» Im Endeffekt habe ihn aber gerade diese Tour überwältigt: «Die Sonnenblumen, die Rebberge und Strohballen, die ganzen Farben und Kontraste.»

Der böse Berg von Schwyz

Ueli Schneider sagt, die Höhe sei ohnehin Ursprung eines der grössten Missverständnisse: Wer je einen 8000er-Gipfel bestiegen habe, der gelte als Bergsteiger einer anderen Liga. Schneider selber hat diese Grenze bereits überschritten. 2009 stand er auf dem Cho Oyu im Himalaja, auf 8201 Metern über Meer. Man leide, um auf diese Höhe zu gelangen, Schneider. Aber am herausfordernsten seien diese Gruppenexkursionen für einen Bergsteiger nicht. Höhe ­allein sei nicht das Mass aller Dinge.

Drei Touren führten Ueli Schneider bei seinem Kantonsprojekt über 4000 Meter: die Dufourspitze (Wallis), das Finster­aarhorn (Bern) und der Piz Bernina (Graubünden). Die heikelste Tour sei für ihn aber jene auf den Bös Fulen (2801 Meter, Schwyz) gewesen: «Dieser Berg lebt. Man hört immer wieder, dass Bergsteiger von Steinschlägen überrascht werden.» Er habe seine Route darum vorab mit dem Sicherheitschef der Region abgesprochen und sich für einen Weg über den Berggrat entschieden. «Es war eine sehr luftige Kletterei, aber das Risiko für Steinschläge war somit minimiert.»

Ziellinie am Bielersee

Mitte September brach Schneider zum 26. und letzten Mal auf. Eine 43 Kilometer lange Rundtour zu Fuss, die beim höchsten Punkt Neuenburgs am Chasseral vorbeiführte. Beim Zieleinlauf in Le Landeron am Bielersee warteten Familie und Freunde mit Fähnchen aller Kantone. Ein Bild zeigt Schneider, wie er jubelnd über die Ziel­linie läuft.

Im Kopf hat Schneider bereits eine nächste Idee. «Die Seven Summits, die sieben höchsten Berge der sieben Kontinente, sind nichts für mich.» Der Aufwand für einen Berg wie den Everest sei es ihm nicht wert. «Aber vielleicht mache ich noch die ­Seven Summits der Alpen: sieben Tage, sieben Gipfel, sieben Länder», sagt Schneider.

Vorerst will Ueli Schneider sein Kantonsprojekt mit Freunden feiern. In seiner Wohnung in Frutigen hängt er alle 26 Bilder auf, die er auf den Gipfeln der Kantone aufgenommen hat. Und nein, die Nidwaldner Flagge komme dabei nicht zweimal vor. «Ich dachte, wenn ich kein richtiges Gipfelfoto habe, dann muss ich halt nochmals hoch», sagt er. Auch wenn es kaum mehr Schnee hatte, sollte es erneut eine Skitour werden.

So marschierte Ueli Schneider Anfang September los, mit zwei Dingen im Gepäck: mit seinen Skiern und einem Obwalden-Fähnchen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt