«Wir sind wie eine grosse Familie»

Roggwil/St. Urban

Jedes Jahr am zweiten Oktoberwochenende findet die Klosterchilbi statt. Der langjährige Marktstandhalter George Häller ist hier seit Anfang der 70er-Jahre dabei. Er stellt fest: Der Anlass hat sich gewandelt.

<b>Er hat bereits</b> viele seiner Stände auf- oder weitergegeben: Georg Hällers Kundschaft wird weniger.

Er hat bereits viele seiner Stände auf- oder weitergegeben: Georg Hällers Kundschaft wird weniger.

(Bild: Marcel Bieri)

Die Klosterchilbi hat eine jahrhundertealte Tradition. Jährlich zieht sie am zweiten Oktoberwochenende zahlreiche Besucherinnen und Besucher aus den umliegenden Kantonen an. Mit den Jahren ist die Chilbi immerzu gewachsen: Sie erstreckt sich heute von St. Urban bis nach Roggwil.

George Häller verfolgt dieses Wachstum seit den 1970er-Jahren mit. Der gelernte Chemielaborant lässt die Vergangenheit Revue passieren: «Ich bin aus einer Laune auf den Markt gekommen.» Ein Freund habe ihm das Händlerleben schmackhaft gemacht.

Mit einem selbst gezimmerten Marktstand aus Holz versuchte Häller sein Glück zuerst mit Kinderkleidern. Später sattelte er auf Musikkassetten und mittlerweile auf CDs um. Er war einer der ersten Händler, die auf dem «Märit» Musik verkauften. Heute führt er in seinem mobilen Marktstand um die 6000 Artikel.

Früher weniger Konkurrenz

«Zum einen», erinnert sich Häller, «war es zunächst schwierig, einen Marktplatz zu kriegen.» Insbesondere der Unterhalt des Stands war aufwendig. Anstelle von Strom musste mit Gas für Licht gesorgt werden. Für die Musik musste die Autobatterie hinhalten.

Dass die Chilbi und andere Marktplätze früher kleiner waren, war jedoch ein grosser Vorteil: Weniger Konkurrenz und mehr Kundschaft. «Stell dir vor, du hast eine 50er-Note im Sack. Die kannst du nur einmal ausgeben», veranschaulicht Häller. Je weniger Auswahl an verschiedenen Marktständen die Besucher hatten, desto grösser war die Chance, dass sie ihre «50er-Noten» in seine Tonträger investierten.

Der Markt habe aber mittlerweile an Stellenwert verloren. «Die Kundschaft fehlt», so George Häller. Insbesondere junge Leute hätten an Sonntagen anderes zu tun, als auf den Markt zu gehen. Mit der Chilbi verhält es sich zwar nicht ganz so krass.

Sie ist für viele ein besonderer Anlass, da sie nur einmal im Jahr stattfindet. Häller habe aber bereits viele seiner Marktstände auf- oder weitergeben müssen. Sie rentierten nicht mehr. Natürlich habe überdies das Aufkommen des Internets das Interesse an seinen analogen Tonträgern geschmälert.

«Die Kundschaft fehlt»

Dass George Häller die 17 Stunden Arbeit an den Markttagen trotzdem auf sich nimmt, hat folgenden Grund: «Der Verkauf ist nicht vordergründig. Man lernt viele Leute kennen – liebe Freunde. Wir sind wie eine grosse Familie.» Nach fast 50 Jahren im Geschäft hängt das Herz doch ganz schön daran.

Von seinen Töchtern wolle aber keine den Marktstand des Vaters weiterführen. Häller gibt seinem Tonträgergeschäft noch vier bis fünf Jahre: «Mal sehen, wie sich das Ganze entwickelt.» Sollte sich nichts mehr ergeben, werde es Zeit, sich einen anderen Lebenstraum zu erfüllen.

Langenthaler Tagblatt

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