Hier wird die Mühle Dettenbühl in die Luft gejagt

Wiedlisbach

Der alten Mühle im Dettenbühl wurde am Donnerstag der Garaus gemacht. Mitglieder der Armee haben das Gebäude gesprengt. Die Übung war zugleich Startschuss für das von langer Hand geplante Demenzdorf.

9 Uhr morgens: Nebelschwaden liegen über Dettenbühl, der Siedlung oberhalb von Wiedlisbach. Fast schon gespenstig ruhig ist es auf dem Areal des Alters- und Pflegeheims Dahlia. Männer in Tarnanzügen marschieren zügig über das Gelände, befestigen Absperrbänder, tauschen sich über ihre Funkgeräte aus.

Seit zwei Wochen sind die Armeeangehörigen im Dettenbühl am Werk: Penibel genau haben sie die alte Mühle auf ihr baldiges Ableben vorbereitet: Das Gebäude soll um 11 Uhr gesprengt werden.

Viele Schaulustige

9.30 Uhr, noch anderthalb Stunden: Oberst Urs Löffel erklärt den zahlreich angereisten Medienvertretern, dass solch eine Sprengung auch für seine Rettungstruppen nicht gerade alltäglich sei. Die Suche nach passenden Gebäuden gestalte sich zuweilen schwierig. Der Kurs «Sprengtechnik Rettung» findet einmal pro Jahr statt.

Die Konzentration der Armeeangehörigen steigt mit fortschreitender Zeit merklich. Gleichzeitig nimmt der Besucherandrang zu: Wiedlisbacherinnen und Wiedlisbacher wie auch Gemeinderäte der umliegenden Dörfer strömen auf das Gelände. Die Sprengung einer ganzen Liegenschaft gibt es schliesslich nicht alle Tage zu ­sehen.

Knapp 20 Kilo Sprengstoff

Während er seinen Leuten über die Schulter noch letzte Anweisungen zuruft, nimmt Alec Rouiller Kurs auf die wartenden Journalisten. Unter der kundigen Führung des Sprengmeisters kann die alte Mühle ein letztes Mal in ihrer vollen Pracht – und vor allem ohne Gefahr – besichtigt werden.

Wobei die Armee­angehörigen bereits im Vorfeld Plastik- und Metallteile entfernt haben. Auch das Dach und der vorgebaute Holzschopf mussten schon weichen. Zum Schutz der umliegenden Gebäude wurde die Mühle mit Bauschaum verdämmt.

Die Mobiltelefone müssen am Eingang abgegeben werden. «Blitzen dürfen sie damit nicht», mahnt ein Armeemitglied einen Fotografen, der mit seiner Digitalkamera über die Türschwelle tritt. Im Innern der Mühle bietet sich ein eindrückliches Bild: Das Haus wurde komplett ausgehöhlt.

In genau bemessenen Abständen wurden kleine Löcher in die Wand gebohrt. Diese sind nun mit insgesamt 221 Ladungen befüllt. Aus dem Gemäuer ragen lediglich Bauschaum und die Zündschnüre. Die Besucher sind in dem Moment von knapp 20 Kilogramm Sprengstoff umgeben. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht jemand auf die Zündung drückt.

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Wie eine Fahrradhupe

10 Uhr, noch eine Stunde: Das Gelände wird nun komplett abgesperrt, die vielen Schaulustigen werden auf den Hügel hinter der Mühle geschickt. Jetzt heisst es warten und die Fachleute ihre Arbeit machen lassen. Erst von hier aus ist das ganze Gebäude­volumen richtig fassbar. Kaum zu glauben, dass in einigen Minuten nur noch ein Trümmerhaufen übrig sein wird.

«Ich habe fast etwas Bedauern mit dem Haus», sagt Kathrin Cattaneo, Vizepräsidentin der Immobiliengenossenschaft Oberaargau (IGO). Die Genossenschaft ist Eigentümerin der Dahlia-Liegenschaften. Mit der Sprengung fällt zugleich der Startschuss für den Bau des längst geplanten Dorfs für Menschen mit Demenz. Weshalb sich auch Kathrin Cattaneo trotz des leisen Bedauerns letztlich über die Sprengung der Mühle freut.

10.30 Uhr, noch eine halbe Stunde: Mittlerweile haben sich auch viele Armeeangehörige auf dem Hügel, der kurzerhand zur Aussichtsplattform umfunktioniert wurde, eingefunden. «Das Warten lohnt sich», verspricht Urs Löffel. Gehörschutzstöpsel werden verteilt.

10.50 Uhr, nur noch zehn Minuten: Die Spannung bei den ­vielen Schaulustigen steigt, die Gespräche verstummen.

10.57 Uhr, noch drei Minuten: Ein erstes Mal erklingen laute, lang gezogene Warntöne, als würde eine riesige Fahrradhupe gedrückt.

10.59 Uhr, noch eine Minute: Zum zweiten Mal ertönt die Velohupe. Dann herrscht für wenige Sekunden Totenstille – plötzlich ein ohrenbetäubendes Rumsen, und die Mühle fällt in sich zusammen. Die ganze Sprengung hat nur eine halbe Sekunde gedauert.

Eine grosse Rauch- und Staubwolke steigt auf, langsam schlängelt sie sich am Jurahang empor. Sprinkleranlagen setzen ein, rasch verflüchtigt sich die Wolke. Der Geruch von Sprengstoff aber bleibt in der Luft hängen. Besucher applaudieren. Die Kursteilnehmer gratulieren sich, Hände werden geschüttelt.

Keine Zeit

Auch Oberst Urs Löffel nickt zufrieden. «Das Haus ist genau in die richtige Fallrichtung zusammengestürzt, und nach ersten Erkenntnissen ist in der Umgebung nichts kaputtgegangen», sagt er nur wenige Minuten nach der Sprengung. Schon sind Armee­angehörige dabei, die Umgebung mit Besen zu säubern.

«Eigentlich wäre das nun ein ideales Übungsgelände», sagt Löffel. Doch die Zeit reicht nicht aus, die Trümmer müssen weg. Schon am Montag werden daher die Aufräumarbeiten in Angriff genommen. Bis Ende nächster Woche dürfte auf dem Areal dann nichts mehr von der Existenz der alten Mühle zeugen.

Langenthaler Tagblatt

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