Wie am Ahornweg Münzen fabriziert wurden

Roggwil

Der Fund von keltischen Tüpfelplatten-Fragmenten für die Münzproduktion im Gebiet Fryburg ist der bisher bedeutendste in Mittel- und Westeuropa: Das zeigt die nun publizierte Auswertung.

Vor Ort: Die Vernissage des neuen Jahrbuchs des Archäologischen Dienstes fand in Roggwil statt. Von links: Gemeindepräsidentin Marianne Burkhard, Referentin Julia Bucher und Kantonsarchäologe Adriano Boschetti.

Vor Ort: Die Vernissage des neuen Jahrbuchs des Archäologischen Dienstes fand in Roggwil statt. Von links: Gemeindepräsidentin Marianne Burkhard, Referentin Julia Bucher und Kantonsarchäologe Adriano Boschetti.

(Bild: Thomas Peter)

Jürg Rettenmund

Die Ersten, die in der Schweiz Geldmünzen prägten, waren die Helvetier. Unter ihnen befanden sich mit Sicherheit auch Roggwiler. Welche Bedeutung die Münzstätte im Gebiet Fryburg hatte, zeigt die Zürcher Archäologin Julia Bucher im jüngsten Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern auf.

Auf genau 7157 bestimmt Julia Bucher die Fragmente von sogenannten Tüpfelplatten, die 2008 in der Baugrube eines Einfamilienhauses am Ahornweg in Roggwil zum Vorschein kamen. Bloss auf drei bringt es dagegen der heutige Bankenplatz Zürich, auf eine die helvetische Hauptstadt Aventicum (Avenches VD).

Grosser Fund in Rheinau

Der grösste Fund aus der Schweiz mit 16 Fragmenten stammte bisher aus Rheinau ZH. Doch auch international macht Roggwil niemand die Bedeutung streitig: Die bisher grösste publizierte Menge stammt aus der britischen Siedlung Sleaford mit 4379 Fragmenten.

Julia Bucher stellt in ihrem Aufsatz auch zusammen, was man über die Münzproduktion der Kelten und damit der Helvetier weiss. Vermutlich waren es keltische Söldner, die im 3. Jahrhundert vor Christus Münzen aus Griechenland nach Mitteleuropa und damit auch in die Schweiz heimbrachten.

Einschmelzen, nicht giessen

Anders als die Griechen und später auch die Römer konnten die Helvetier ihre Münzen jedoch nicht giessen. Sie verwendeten dafür vielmehr die Tüpfelplatten, von denen nun in Roggwil Fragmente in rauen Mengen zum Vorschein kamen. Tüpfelplatten sind Platten aus Ton, in die Vertiefungen eingestempelt wurden.

In diese Hohlräume wurde das genau abgewogene Metallgranulat eingefüllt und geschmolzen, indem die Platte in einem Ofen mit glühender Holzkohle überdeckt wurde.

Auch Fragmente dieser Öfen fanden sich in der Grube am Ahornweg. Sie wiesen Düsen auf, durch die die Glut mit einem Blasebalg zusätzlich angefacht und damit die benötigte Schmelz­temperatur von bis zu 1000 °C erreicht werden konnte. Die geschmolzenen Kügelchen wurden anschliessend flach gehämmert und zwischen einem Ober- und einem Unterstempel ebenfalls mit einem Hammer geprägt.

Erst nach und nach im Handel

Julia Bucher befasst sich auch mit der Frage, für was die Münzen in dieser Frühzeit des Geldes gebraucht wurden. Sie kommt zum Schluss, dass sie wohl erst im Verlauf des 1. Jahrhunderts vor Christus als Zahlungsmittel im Handel auftauchten, bis dahin jedoch vor allem soziale und gesellschaftliche Funktionen innerhalb der Oberschicht erfüllten – sei es als «diplomatische» Geschenke, als Gaben an die Gefolgschaft, Heiratsmitgiften, Sold- und Tributzahlungen oder religiöse Opfer.

Wie gross die Tüpfelplatten waren, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, da keine vollständig erhalten ist. Das grösste Fragment weist immerhin 30 ganze oder angebrochene Hohlräume auf. Die kleinsten Fragmente sind jedoch bloss rund einen halben Hohlraum gross.

Fragmente von Handmühlen

Datiert wird der Fundkomplex vom Ahornweg durch Peter Jud vor allem aufgrund der Keramikfunde auf das zweite Viertel des 1. Jahrhunderts vor Christus, also vor dem versuchten Auszug der Helvetier unter ihrem Anführer Divico nach Westen im Jahr 58 vor Christus, der vom römischen Feldherrn Julius Gallius unterbunden wurde.

Neben den Münzschmelzformen fanden sich in der untersuchten Baugrube auch Fragmente von zehn Mühlsteinen. Auch diese werden im neuen Band von Archäologie Bern – durch Dirk Schimmelpfennig – vorgestellt. Es handelt sich sowohl um Boden- wie auch um Läufersteine von Handmühlen.

Jahrbuchdes Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2016, ISBN 978-3-9524659-0-5.

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