Weit mehr als nur kühles Nass

Langenthal

Ein neues Buch beleuchtet die Entstehungsgeschichte der Badi Langenthal. Und es macht zugleich deutlich, welch zentrale Rolle sie im Leben vieler spielt – insbesondere derjenigen, die schon seit der Kindheit mit ihr verbunden sind.

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Kathrin Holzer

Pünktlich zum Start der Badesaison 2017 wird das Buch am Samstag vorgestellt. «Den 715 Stimmbürgern, die 1932 nach einem emotionsgeladenen Abstimmungskampf den Bau des damals einzigartigen Schwimm- und Sonnbades ermöglichten, sei Dank», schreibt Simon Kuert einleitend zu seinem Abriss der ­Geschichte der Langenthaler Schwimmbäder.

Der Stadtchronist macht keinen Hehl daraus: Auch für ihn hat die Badi stets einen besonderen Stellenwert gehabt. «Das Paradies meiner Kindheit!», erinnert sich der heute 68-Jährige an die zahlreichen Sommertage, die er schon als Bub dort verbracht hatte.

Eine «Sittengeschichte»

Dabei wäre dieses Paradies rund 20 Jahre zuvor beinahe verhindert worden. Nur relativ knapp hatten sich die erwähnten 715 Befürworter in der Gemeindeabstimmung vom April 1932 gegen die 634 Gegner durchsetzen können. Letztere, «die damals von einer unnötigen Modesache sprachen und fürchteten, das Bad würde zu einer Stätte der Unsittlichkeit, täuschten sich: Das Langenthaler Bad ist noch heute stark frequentiert und gilt sowohl architektonisch wie lagemässig nach wie vor als eine der schönsten Badeanlagen der Schweiz», schreibt Simon Kuert.

Tatsächlich hatte die Badivorlage seinerzeit für viel Aufregung gesorgt. Zwar war ein Schwimmbad an sich für das Dorf nichts Neues, wie Kuert in Erinnerung ruft: Schon 1878 hat es oberhalb der Farb eine erste, einfache Badeanstalt gegeben. Seit 1900 wurde inzwischen ein neues Bad an der Langete in der heutigen Rumimatte betrieben. Dass dieses den Anforderungen insbesondere die Hygiene betreffend längst nicht mehr Genüge tun konnte, war offenbar kaum bestritten im Langenthal der frühen 1930er-Jahre. Heftig Diskussionen rief indes der Umstand hervor, dass in einer neuen Badi Frauen und Männer künftig gleichzeitig dem Badespass frönen sollten. Simon Kuert schreibt von einer eigentlichen «Langenthaler Sittengeschichte».

«Es ist für die Kinder und ihre Erziehung besser, von den Müttern mit Kommissionen, Haus- und anderen Arbeiten beschäftigt zu werden, als ganze halbe Tage Nacktkultur und Faulenzerei zu betreiben», hätten die Gegner etwa argumentiert. Eine gesundheitsfördernde Wirkung und den wirtschaftlichen Nutzen indes rückten die Befürworter ins Feld. Und nicht zuletzt die Aussicht auf eine Alternative zu teuren Ferienreisen dürfte es gewesen sein, die im Langenthal der frühen 1930er-Jahre den Ausschlag gab, dass sich die Idee einer neuen, modernen Badeanstalt schliesslich durchzusetzen vermochte.

Fast 40 Jahre Kassierin

Die Badi sei danach zu einem Ort geworden, «in dem die Langenthaler Heimat erlebten und erleben», schreibt der Stadtchronist. Das verdeutlicht im Buch «Badi Langenthal» insbesondere auch der Beitrag von Christoph Geiser über seine Mutter Lilly Geiser. Zwei Monate und sieben Tage alt sei diese gewesen, als die Badi am 14. Mai 1933 eröffnet worden ist, schreibt der Langenthaler Lehrer.

Und sie sollte mit der Badi bis heute verbunden bleiben. Hier verbrachte sie als Tochter des ersten Bademeisters Willy Tschudin nicht nur ihre Kindheit (bis 1944 wohnte die Bademeisterfamilie im Sommer im Schwimmbad). Hier hat sie später auch während fast 40 Jahren als Kassierin gewirkt und damit für Generationen von Langenthalern das Gesicht der Badi verkörpert.

Die Erinnerungen Lilly Geisers, gepaart mit zahlreichen Fotos aus dem Familienfundus und Tagebuchaufzeichnungen Willy Tschudins, gewähren tiefe Einblicke in den Alltag der Familie, deren gesamtes Leben sich mehr oder weniger in der Badi abspielte. Sie widerspiegeln aber auch einen sich wandelnden Zeitgeist («1955 beginnen sich die Leute plötzlich draussen umzuziehen»). Und sie verdeutlichen die zentrale Rolle, die die Badi ebenso im Leben von so vielen weiteren Menschen eingenommen hat. «Die regelmässigen ­Badibesucher bilden eine eigentliche saisonale Familie», schreibt Geiser.

Mitglieder dieser Badifamilie sind es auch, die Marco Zanoni Modell standen. Mehr als 30 Frauen, Männer und Kinder hat der Berner Fotograf im Badisommer 2016 in Langenthal besucht. Darunter – wie könnte es anders sein – natürlich auch Lilly Geiser und ihre Söhne.

Das Buch «Badi Langenthal» (erschienen im Kulturbuchverlag Herausgeber.ch) ist ab dem 6. Mai im Buchhandel und im Badibeizli Langenthal erhältlich. Buchvernissage: Samstag, 16 Uhr, Badi Langenthal.

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