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Vom Einkaufen und Benennen

Marie T. Martin (36) verbringt als Stipendiatin der Lydia-Eymann-Stiftung ein Jahr in Langenthal. In dieser Kolumne schildert die Deutsche ihre Eindrücke aus der Region.

Marie T. Martin: Eine Deutsche in Langenthal. Foto: Nicole Philipp
Marie T. Martin: Eine Deutsche in Langenthal. Foto: Nicole Philipp

Zum Glück gibt es in Langenthal dienstags und samstags einen Wochenmarkt, bei dem man Köstlichkeiten erwerben kann. Ich mag nämlich Supermärkte nicht besonders und gehe lieber in kleine Geschäfte – und am liebsten auf den Markt.

Auch beim Einkaufen gibt es für mich als Deutsche einige Überraschungen. So heissen manche Dinge schlicht anders: Weisskohl heisst Kabis, Wirsing heisst Wirz, was wie ein Spitzname klingt. Rote Bete heisst Rande und Karotten Rüebli. Mangold heisst Krautstiel, was auch besser passt als Mangold. Oben ist es krautig, und unten hat es einen saftigen Stiel. Grünkohl heisst Federkohl, was ich auch sehr schön finde, so kräuselig-fedrig, wie er aussieht. Zum Glück fliegt er aber nicht davon, wenn ich ihn kochen will.

Die Walnuss heisst Baumnuss, was auch sinniger erscheint. Denn wann ist in Ihrem Garten zum letzten Mal ein Wal aufgetaucht und hat eine Nuss gebracht? Der Wal in der Walnuss hat allerdings, wie ich jetzt gelernt habe, gar nichts mit den grossen Meeressäugern zu tun. Bis ins 18. Jahrhundert ungefähr hiessen die leckeren kleinen Dinger nämlich welsche Nüsse. Das bedeutete früher keltisch und später französisch oder italienisch. Denn die Welschnuss kam aus Italien zu uns – und daraus wurde irgendwann die Walnuss.

Am Schreibtisch «hunggen»

Der Name Baumnuss macht besser klar, wo die Nüsse wachsen – manche Menschen scheinen das heutzutage nicht mehr zu wissen. In den USA ist vor ein paar Jahren ein Buch über die sogenannte Naturdefizit-Störung erschienen. Darin schrieb der Autor über die Veränderungen, die Kinder in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Das betraf ihre Zeit draussen, den Bezug zur Natur, aber auch zu Lebensmitteln. Ein Kind wurde zitiert mit dem Satz: «Ich spiele lieber drinnen, weil da die Steckdosen sind.» Leider produziert eine Walnuss-App keine Nüsse, auch wenn es viele lustige und nützliche Funktionen auf dem Smartphone gibt.

Auf dem Weg zurück vom Markt las ich diese Woche einen Spruch an einem Fenster: «Weil wir wissen, was es heisst, wenn es hunggen soll.» Hunggen? Ich war völlig ratlos. Zum Glück fand ich eine SRF-Sendung, in der jemand die Sache erklärte: Hunggen kommt von Honig und bedeutet bildlich gesprochen Honig machen. Gemeint ist aber Schätze sammeln, anhäufen oder vielleicht einfach etwas reicher werden.

Das ergibt Sinn, denn der Spruch stand am Fenster einer Bank. Was für ein schönes Bild! Honig ist eigentlich auch ein Sinnbild für Poesie und Dichtung. Als Bild für gute Finanzen war es mir bis dahin unbekannt. Jetzt soll es aber mal so richtig hunggen. Bei mir auf dem Schreibtisch. Keine Ahnung, ob das man das so sagen kann. Aber es klingt irgendwie gut.

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