Sie treiben sich gegenseitig an

Walterswil

Skitalente sind in der Region Walterswil dünn gesät. Shaienne und Leandra Zehnder sind zwei davon. Die Ziele der Zwillingsschwestern: Rennen fahren im Weltcup. Ihre Träume: die Olympischen Winterspiele.

Shaienne (links) und Leandra Zehnder wollen als Skirennfahrerinnen ganz nach oben. Foto: Raphael Moser

Shaienne (links) und Leandra Zehnder wollen als Skirennfahrerinnen ganz nach oben. Foto: Raphael Moser

Am liebsten essen sie Salat und Kartoffelgratin, sie hören gerne Musik und treffen sich mit ihren Freundinnen. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Zwillingsschwestern Shaienne und Leandra Zehnder kaum von ihren Schulkameradinnen.

Wäre da nicht der unglaubliche Ehrgeiz, den die 13-jährigen Schülerinnen an den Tag legen. Die Walterswilerinnen gelten als Nachwuchshoffnungen von Ski Emmental, bei dem fünf Skiclubs angegliedert sind. Bei Swiss-Ski wollen sie dereinst vorne mitmischen, bis dahin müssen sich Shaienne und Leandra aber noch zahlreichen Herausforderungen stellen.

In ihren Leben sind Zehntelsekunden Welten, entscheiden Hundertstelsekunden über Sieg und Niederlage, über Scheinwerferlicht oder Schlusslicht. Zuerst war der Skisport reiner Spass, dann Leidenschaft, dann Ehrgeiz.

Vor allem aber war und ist es eine «unbeschreibliche Faszination», wie Shaienne und Leandra sagen. Man merkt den Mädchen die Ambitionen und das innere Feuer an. Neben viel Mut braucht es im Skisport auch eine Portion Glück, um erfolgreich zu sein.

Verstehen sich auf und neben der Piste

Im Alter von drei Jahren standen die Mädchen das erste Mal auf Ski. Begleitet wurden sie bereits damals von ihrem Vater, der heute auch ihr Trainer ist. «Skifahren bedeutet für mich alles, es begleitet mich schon mein ganzes Leben lang, und ich könnte mir nichts anderes mehr vorstellen», so Shaienne. Leandra schliesst sich ihren Worten an.

Eigentlich wie fast immer. So ungern Shaienne und Leandra sich in Skirennen duellieren – im Training sind sie Zwillingsschwestern und verstehen sich meist bestens. Im Training und auch auf Reisen zu Wettkämpfen unterstützen die beiden sich gegenseitig. «Klar profitieren wir voneinander, es ist schön, wenn man jemanden dabeihat, mit dem man sich gut versteht.

Wir können uns dann immer gegenseitig pushen», sagt die wenige Minuten ältere Shaienne. Zoff gibt es selten. Auch bei ihrem Vorbild sind sich die beiden einig: Wendy Holdener.

Irgendwann wollen sie im Weltcup starten. Ihr Traum sind die Olympischen Winterspiele. Jeder fängt mal klein an – auch im Leistungssport. Schon in jungen Jahren wird dem Nachwuchs viel abverlangt, um Erfolg zu haben.

Swiss-Ski begleitet die Stars von morgen auf ihrem Weg zum Ziel. Die beiden haben erreicht, was ihnen schon in Jugendjahren prognostiziert worden war: Auf Stufe U14 bestreiten die Skirennfahrerinnen in jeder Saison etwa 30 Rennen – und holen an diesen immer wieder Siege und Podestplätze.

Shaienne ist auf der nationalen Stärkeliste in ihrer Altersklasse die beste Fahrerin der Schweiz, Leandra ist unter den Top Ten zu finden. «Wir versuchen immer beide, das Beste herauszuholen, und die Bessere wird es dann machen», sagt die dominantere Shaienne Zehnder.

Bleibt eine Frage: Wie kommen die Flachländerinnen überhaupt zum Skirennsport? Das Feuer für den Wintersport wurde bei Shaienne und Leandra früh entfacht. Ihr Vater war in seiner Jugendzeit der beste regionale Skifahrer und das Aushängeschild des Skiclubs Ahorn-Eriswil.

Die Skigene scheint der gebürtige Eriswiler seinen beiden Töchtern also vererbt zu haben. Während der Wintermonate stehen die 13-Jährigen an zwei Tagen unter der Woche sowie an den Wochenenden auf der Piste. In den Weihnachts- und Sportferien jeden Tag. Hauptsächlich an den Skiliften Bumbach im Schangnau und in Elsigen-Metsch im Berner Oberland.

In den Sommermonaten sind sie dann eher auf den Pisten in Zermatt anzutreffen. Als Familie sind Zehnders zum Plauschfahren kaum noch gemeinsam auf der Piste anzutreffen. «Vielfach fehlt einfach die Zeit, und ohne Kräftemessen wird es mir schnell einmal langweilig», sagt Leandra schmunzelnd.

Vor einem Rennen begutachten die Mädchen zusammen mit ihrem Vater die Piste. Sie besprechen Schwierigkeiten und bereiten sich mental auf die Abfahrt vor. «Die Tipps von unserem Vater sind vielfach Gold wert», sagt Leandra. Im Starthäuschen angekommen, wärmen sich die Mädchen kurz auf, bevor es dann losgeht.

«Kurz vor dem Start ist man völlig konzentriert, und der Puls steigt leicht», so Shaienne. Ihr Vater Bendicht Zehnder ist in ihrer Nähe und unterstützt sie weiter, während Mutter Yolanda die Töchter im Ziel erwartet.

«Nach einem guten Rennen ist ihnen die Freude von weitem anzusehen, doch es kann bei einem schlechten Rennen auch Tränen geben», so Yolanda Zehnder. Manchmal harzt es also. «Man rauft sich zusammen und weiter gehts», sagt Leandra dazu.

Unterstützung von den Eltern und der Schule

«Wir unterstützen unsere Töchter, solange sie Spass daran haben», sagen Yolanda und Bendicht Zehnder. Unterstützung erhalten die Sportlerinnen auch von ihrer Schule in Kleindietwil. «Mehrmals die Woche können sie freinehmen, es ist auch kurzfristig möglich», sagt ihre Klassenlehrerin Natascha Beutler.

Den versäumten Schulstoff holen die Sportlerinnen dann in der Aufgabenhilfe oder zu Hause nach. «Am Oberstufenzentrum in Kleindietwil sind derzeit nur Shaienne und Leandra Zehnder in Besitz einer sogenannten Talent-Card, die ihnen diese Freiräume ermöglicht», so Natascha Beutler. «Ich schätze die unkomplizierte und freizügige Art der Schule sehr», ergänzt Mutter Yolanda Zehnder.

Einen finanziellen Zustupf erhalten sie vom Donnerstag-Club  Oberaargau und von dem Club 88, die junge Sportlerinnen und Sportler fördern. Alles unter einen Hut zu bringen, ist für die beiden nicht immer einfach.

«Für uns ist die obligatorische Schule, aber auch der Skisport wichtig», sagen die Zwillingsschwestern. In naher Zukunft werden die Mädchen zur U16 stossen, der letzten Junioren-Abteilung. «Das wesentlichste Etappenziel dürfte dann der Übertritt von der U16 in das nationale Leistungszentrum von Swiss-Ski sein», wie Bendicht Zehnder erzählt.

Langenthaler Tagblatt

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