Mehr als nur Deutschstunden

Langenthal

Bis zu dreissig Personen besuchen jeweils die Gratisdeutschkurse des Kollektivs Offenes Haus für Alle in Langenthal. Eine Plattform, die nicht nur bei Asylsuchenden auf Inter­esse stösst.

Lehrerkonferenz: Das Kollektiv Offenes Haus für Alle bietet in Langenthal Gratisdeutschkurse an. Die Lehrkräfte Huey Shy Chau, Michael Heger und Katharina Hächler (v.?l.) besprechen die nächste Unterrichtsstunde.<p class='credit'>(Bild: Thomas Peter)</p>

Lehrerkonferenz: Das Kollektiv Offenes Haus für Alle bietet in Langenthal Gratisdeutschkurse an. Die Lehrkräfte Huey Shy Chau, Michael Heger und Katharina Hächler (v.?l.) besprechen die nächste Unterrichtsstunde.

(Bild: Thomas Peter)

Normalerweise gehen sie ganz anderen Beschäftigungen nach. Michael Heger arbeitet als ­Kommunikationsbeauftragter in einem Umweltbüro. Katharina Hächler ist Sozialarbeiterin. Und Huey Shy Chau befasst sich im Rahmen ihrer Dissertation am Geografischen Institut der Uni Zürich mit der Rolle der Betreuungsagenturen als Arbeitsmigrationsvermittler.

An diesem Dienstagabend aber schlüpfen die drei, wie jede Woche, für knappe zwei Stunden in die Rolle der Lehrerinnen und des Lehrers. Als Teil des Kollektivs Offenes Haus für Alle (OHA) geben sie in Langenthal Deutschstunden: gratis und für jedermann und -frau. Sie setzen sich damit ein für eine aktive Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft, in der sie leben. Egal ob diese vor Jahren in die Schweiz eingewandert, neu angekommen oder nur für kurze Zeit im Oberaargau wohnhaft sind.

Die Nachfrage ist gross

«Der Zugang zum gesellschaftlichen Leben ist gerade für Refugees zum Teil sehr schwierig hier», verweist Huey Shy Chau insbesondere auf Menschen, die im Asylzentrum Aarwangen wohnen. Die 30-jährige Langenthalerin, heute in Bern wohnhaft, steht mit dieser Auffassung nicht alleine da. Leute mit ganz unterschiedlichen Hintergründen hatten sich letzten September zu einem ersten informellen Austausch getroffen. Ihr gemeinsamer Nenner ist, dass sie etwas unternehmen wollen gegen die Tatsache, dass nicht alle Menschen den gleichen Zugang haben zu gesellschaftlichen Ressourcen und Aktivitäten.

Schon einen guten Monat später hat die Gruppe am 3. November ihren ersten Deutschkurs durchgeführt. Rund fünfzehn Schüler und Schülerinnen fanden sich an jenem ersten Kursabend im autonomen Kulturzentrum in Langenthal ein, dessen Räumlichkeiten das Kollektiv für die Kurse gratis nutzen darf. Und das Angebot sprach sich schnell herum: «Wir können jedes Mal wieder neue Leute bei uns begrüssen», freut sich Michael Heger. Mittlerweile seien es jeweils bis zu dreissig Leute, vom Jugendlichen bis zum älteren Herrn, von Asylsuchenden bis zur seit Jahren in Langenthal wohnhaften Frau thailändischer Herkunft, so der 30-jährige Langenthaler.

Und nicht nur die Schülerzahlen sind laufend gestiegen. Menschen, die zu unterrichten bereit sind oder das Projekt mit Sachspenden unterstützen wollen, haben sich bald beim Kollektiv gemeldet und tun es immer noch. Vier bis acht Lehrpersonen leiten inzwischen jeweils durch die Kursabende. Wie viele es genau sein werden beim nächsten Kurs, stellt sich meistens erst vor Ort heraus. Zu wenig waren es jedenfalls noch nie.

Ein Raum für Begegnungen

An diesem Dienstagabend sind es vor allem junge Männer, die sich im Kulturlokal an der Farbgasse eingefunden haben. Aber auch vereinzelt Frauen sind an den Tischen auszumachen. Einige kennen sich bereits. Andere sehen sich heute zum ersten mal. Eine Rolle spielt das nicht. Im Gegenteil: Die Deutschkurse sollen ja primär eine Plattform bilden für Begegnungen – nicht zwischen Schweizern und Ausländern, sondern zwischen Menschen und Menschen. Bewusst habe man die Kurse nicht in einem Asylzen­trum anbieten wollen, betont Heger. Weil das Angebot allen offenstehen soll. «Zugleich können wir so auch die länderspezifischen Gruppen durchbrechen, die sich in den Zentren bilden.»

Gruppen bilden sich zwar auch am Dienstagabend. Hierbei geht es allerdings darum, die Anwesenden ihren Sprachkenntnissen entsprechend zusammenzubringen. Zwei Lehrer ziehen sich mit fünf neuen Teilnehmern in einen separaten Raum zurück. Im zum Schulzimmer umfunktionierten Konzertlokal vertiefen sich die restlichen Gruppen derweil bereits in den Lernstoff.

Gemeinsam werden Hausaufgaben kor­rigiert und neue Wörter und Grammatikregeln gepaukt. «Die Löffel», erklärt ein Schüler einem anderen, «männliche Nomen mit einem L am Schluss haben keine Pluralendung.» Am Nebentisch zählt eine Gruppe Schüler derweil lauthals bis zwanzig. Wieder an einem anderen Tisch kommt es kurz zu Verständigungsproblemen zwischen Lehrerin und Schüler. Ein anderer Kursteilnehmer übersetzt. Und weiter geht es mit dem Unterricht.

Das richtige Verhältnis finden

«Wir sind so froh, hier zu sein», sagt Sayd Mohammed Hossiani aus Afghanistan. Seit vier Wochen besucht der 20-Jährige nun die Kurse des Kollektivs. Hier könne er nicht nur seine Deutschkenntnisse verbessern, sondern lerne auch neue Leute kennen, freut sich der junge Mann aus dem Asylzentrum in Aarwangen. Die Motivation der Teilnehmenden sei unglaublich, freut sich Katharina Hächler.

Probleme? Die gebe es natürlich auch, sind sich die Burgdorferin und ihre Mitstreiter einig: So sei es für sie als unausgebildete Lehrkräfte durchaus eine Herausforderung, das richtige Verhältnis zu finden zwischen Grammatik und Vokabular. Aber Probleme mit den Teilnehmenden? Keineswegs. «Es ist einfach schön», sagt Katharina Hächler.

Zweiter Kurs geplant

Bereits plant das Kollektiv denn auch einen zweiten wöchentlichen Kurs, um der grossen Nachfrage gerecht werden zu können. Auch räumlich stosse man inzwischen an die Grenzen, sagt Michael Heger. Nach einem weiteren Raum, den sie für die Deutschkurse gratis nutzen können, suchen die Initianten daher ebenso wie nach einem Kopierer zur Vervielfältigung des Lernmaterials. Am kommenden Samstag veranstaltet das Kollektiv im Lakuz deshalb ein Solifest (siehe Kasten): um Geld zu generieren für ihr Projekt – aber natürlich auch, um aktiv die Begegnung zu leben.

Berner Zeitung

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