Kriminelle auf Tour de Suisse

Firmengebäude, Baustellen, Privathäuser, Sporthallen in der ganzen Schweiz: Wo sie Beute vermuteten, verschafften sich zwei Kosovaren und ein Franzose Zutritt.

Bis zur Verhaftung stahlen sie Geld und Waren im Wert von über einer Million Franken.

Bis zur Verhaftung stahlen sie Geld und Waren im Wert von über einer Million Franken.

(Bild: iStock)

Johannes Hofstetter

Prozesse dieser Grössenordnung werden vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau nur sehr selten abgewickelt: Im Saal 1 des Verwaltungsgebäudes Nummer 3 in der Burgdorfer Neumatt sassen diese Woche fünf Richterinnen und Richter, eine Gerichtsschreiberin, drei Angeklagte, drei Verteidiger, eine Staatsanwältin für besondere Aufgaben samt ihrer Assistentin sowie drei uniformierte Polizisten.

Fünf Tage lang arbeiteten sich die Verfahrensbeteiligten durch die 45 Seiten umfassende Anklageschrift, welche die Staatsanwaltschaft aus 22 Bundesordnern voller Akten destilliert hatte. Bandenmässige Diebstähle, Sachbeschädigungen, mehrfacher Hausfriedensbruch sowie Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittel- und das Strassenverkehrsgesetz: Was die Anklagebehörde zwei Kosovaren und einem Franzosen vorwarf, las sich wie das Inhaltsverzeichnis des Strafgesetzbuches.

Fünf Tage lang arbeiteten sie sich durch die 45-seitige Anklageschrift.

Auf ihren Raubzügen durch Firmengebäude, Baustellen und Privathäuser in den Kantonen Bern, Freiburg, Solothurn, Schwyz und Aargau erbeutete das Trio laut der Staatsanwaltschaft in wechselnden Zusammensetzungen Geld, Schmuck, Elektrogeräte, Werkzeuge und Waffen im Wert von 1,3 Millionen Franken. Geschädigt wurden auf der kriminellen Tour de Suisse auch Gewerbetreibende im Emmental und im Oberaargau.

Seit Monaten im Strafvollzug

Der älteste Angeklagte – ein knapp 40-jähriger Osteuropäer - war nach Ansicht der Anklagebehörde der Drahtzieher des Raubüberfalls auf das Restaurant Rössli in Bleienbach. Jenes Verbrechen beging er mit anderen Komplizen als jenen, die sich nun vor der Justiz zu verantworten hatten. Sie wurden vom Regionalgericht schon vor Monaten zu Freiheitsstrafen zwischen 13 und 42 Monaten verurteilt (wir berichteten). Sobald die Ganoven ihre Zeit im Gefängnis abgesessen haben, werden sie in ihre Heimat zurückgeschafft.

Unter dem Vorsitz von Nicole Fankhauser verurteilte das Regionalgericht die drei in Fussfesseln gelegten Hauptdarsteller des aktuellen Verfahrens zu unbedingten Freiheitsstrafen. Der Organisator des Rössli-Überfalls wandert für 8 Jahre und 6 Monate hinter Gitter. Sein Landsmann – ein Proxiboxer, dem die Staatsanwaltschaft auch eine einfache Körperverletzung zur Last gelegt hatte – verschwindet 66 Monate lang im Gefängnis und muss die Schweiz anschliessend für 6 Jahre verlassen.

Er war der Einzige, der auch nach dem Inkrafttreten des Ausschaffungsgesetzes am 1. Oktober 2016 delinquierte. Der Franzose, der die passivste Rolle spielte, kam mit 3 Jahren und 10 Monaten davon.

Der Bandenchef habe sich während des gesamten Verfahrens unkooperativ und mühsam verhalten.Nicole Fankhauser, Gerichtspräsidentin

Alle drei Angeklagten wissen längst, wie sich das Leben in Unfreiheit anfühlt. Sie befinden sich seit Monaten im vorzeitigen Strafvollzug. Die Zeit, die sie dort schon verbracht haben, wird ihnen an die am Freitag verhängten Verdikte angerechnet.

Fankhauser sagte in ihrer Urteilsbegründung, für das Gericht stehe, gestützt auf Zeugenaussagen, Telefonüberwachungen und objektive Beweise, ausser Frage, dass der vorbestrafte Hautbeschuldigte «massgeblich» in die Planung des Rössli-Coups eingebunden gewesen sei. Er habe auch die Einbruchsobjekte für weitere Verbrechen ausgesucht, die Rollen verteilt, Fahrzeuge organisiert und andere wichtige Entscheide getroffen.

Todesängste ausgestanden

Der Rössli-Wirt, der beim Überfall von drei Gangstern auf einen Stuhl gefesselt, mit einem Schraubenzieher bedroht und mit einem Halstuch gewürgt wurde, bis er den Tresorschlüssel herausrückte, habe «Todes­ängste» ausgestanden und noch Monate später unter dem Ereignis gelitten, gab die Gerichtspräsidentin dem teilnahmslos vor ihr sitzenden Verurteilten zu verstehen. Die Täter flüchteten mit 12 000 Franken aus dem Restaurant. Das Geld verprassten sie unmittelbar danach in einem Sexclub in Grenchen.

Die Gleichgültigkeit des Mannes überraschte niemandem im Saal. Der Bandenchef habe sich schon während des gesamten Strafverfahrens «unkooperativ und mühsam» verhalten, bemerkte die Richterin. Von Reue oder Einsicht sei bis heute keine Spur zu erkennen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt