Huttwil

Kräftiger Applaus für Ahmad Ali

HuttwilÜber 100 Personen nahmen an den beiden Führungen in der Asylunterkunft teil. Anwohner berichten von einer problemlosen Nachbarschaft und freuen sich, dass das Zentrum wieder lebt.

Offene Türen in der Asylunterkunft Huttwil: Die Familien Jost aus Burgdorf und Heimiswil zu Besuch bei den Jugendlichen.

Offene Türen in der Asylunterkunft Huttwil: Die Familien Jost aus Burgdorf und Heimiswil zu Besuch bei den Jugendlichen. Bild: Andreas Marbot

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Kräftiger Applaus brandet auf vor einem der Schulzimmer in der Sporthalle des Campus Perspektiven. Er gilt Ahmad Ali. Der ­junge Afghane hat eben erklärt, was er und seine rund 50 Kol­legen dort machen: Einerseits treiben sie in der Halle Sport, vor allem aber lernen sie dort unten Deutsch. «Wir schreiben dafür Karteikarten: vorne das deutsche Wort, hinten das in unserer ­Sprache.»

Der Applaus ist besonders kräftig, weil Ahmad Ali am Schluss seiner Erläuterungen erklärt hat, dass er erst seit vier Monaten Deutsch lernt. Rund 60 Personen hören ihm zu. Diese folgen einer der beiden Führungen, zu denen das Ankunftszentrum für un­begleitete minderjährige Asyl­suchende (UMA) am Samstag einlud.

Wendung zum Besseren

Generell waren die Türen und die Hallen für alle offen. Bereits bei einem Kaffee sitzen Paul Aeschimann und Walter Lüthi. Das ­Thema der beiden Huttwiler sind zwar gerade die Gebühren, die der Gemeinderat auf den drei grossen Parkplätzen einführen will. Von dem, was sie im Sportzentrum angetroffen haben, zeigen sich Aeschimann und Lüthi aber beeindruckt.

Beide sind oft beim Sportzen­trum. Richtig traurig sei es ge­wesen, als dort nichts mehr stattgefunden habe, sagt Walter Lüthi, und sein Gesprächspartner nickt. «Keine Anlässe, keine Leute, alles still.» Das habe sich nun wieder zum Besseren gewendet, umso mehr als der Campus Perspek­tiven viel mehr umfasse als die Asylunterkunft.

Am letzten Samstag stand jedoch Letztere im Zentrum. Vier Computer stehen im Aufenthaltsraum, wo Walter Lüthi und Paul Aeschimann ihren Kaffee geniessen. Dort lässt sich Stefan Jost aus Burgdorf gerade erklären, wie der Umgang damit geregelt ist. Eine Stunde pro Tag ist erlaubt, damit die Jugendlichen mit ihrem Herkunftsland und der Welt Verbindung haben. Tamara Jost, die Nichte von Stefan, ar­beitet im Zentrum, deshalb sieht sich dieser nun mit seinem Bruder und seinem Vater samt Fa­milien dort um.

Flüchtlinge aufgenommen

Einen anderen persönlichen Bezug zum Zentrum hat Hanni St., die ihren ganzen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen will. Als die Heilsarmee Huttwil im letzten November ihre Räumlichkeiten als Asylunterkunft zur Verfügung stellte, nahmen sie und ihr Mann zwei junge Flüchtlinge schliesslich bei sich auf. «Wir hatten zwei freie Zimmer und können ihnen so ein Daheim bieten», nennt Hanni St. ihre ­Motivation. Von ihren beiden Schützlingen wird sie Mama ­genannt, wie ihre Nachbarin ­verrät, die sie begleitet.

Die beiden jungen Flüchtlinge haben natürlich Kontakte zu Landsleuten im Zentrum geknüpft und ihre Schweizer «Mutter» nun mit zu diesen genommen. «Wenn ich die Kapazität ­dafür hätte, würde ich mich hier sofort engagieren», zeigt sich diese vom Gesehenen beeindruckt.

Freiwilligenarbeit zentral

Möglichkeiten, sich zu engagieren, gebe es viele, sagt Barbara Mathys, die Leiterin Betreuung, die die Jugendlichen bei der Führung unterstützt und ihnen beisteht, wo es nötig ist. Denn nicht bei allen läuft der Spracherwerb so reibungslos wie bei Ahmad Ali und seinen Kollegen, die bei der Führung Erläuterungen geben. Wenn die Flüchtlinge unser ­Alphabet nicht kennen oder gänzlich Analphabeten sind, sind viele Hilfestellungen nötig.

Die Freiwilligenarbeit wird ­jedoch zentral durch die Zentrum Bäregg GmbH organisiert, die alle Zentren für UMA im Kanton Bern betreibt. Auf deren Website finden sich unter dem Stichwort «Aktiv werden» sowohl Infor­mationen als auch ein Kontakt-E-Mail.

Fritz Staub und Hans Stebler sind direkte Nachbarn des Sportzentrums. «Wir grüssen uns freundlich», beschreibt Fritz Staub den Alltag rund um die Asylunterkunft. Ein Handzeichen werde erwidert oder sogar mit einem freundlichen Hello quittiert – etwas, was leider unter Schweizer Jugendlichen nicht mehr überall üblich sei. «Keine Frau muss Angst haben, diesen Jugendlichen nachts auf dem Nachhauseweg zu begegnen», betont Fritz Staub.

Hans Stebler zeigt sich beeindruckt vom Lernwillen, den die Jugendlichen an den Tag legen. Vom Resultat konnten sich an den öffentlichen Führungen nun alle überzeugen. Dank und Anerkennung dafür war der Ap­plaus, der in jeder Sprache verstanden wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.04.2016, 06:30 Uhr

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