Langenthal

Können sich Elektronen verlieben?

LangenthalJa, sie können. Zumindest, wenn es nach der Laune von Ian Bland geht. Der Langenthaler hat eine Animationsserie ins Leben gerufen, mit der er schon bald national durchstarten will.

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Am Anfang stand diese einfache Frage: Was wäre, wenn Elektronen eine Persönlichkeit hätten? Es ist etwa drei Jahre her, dass Ian Bland nicht seinen Verstand verloren hat, sondern nur seine Gedanken verrückt spielen liess. Es war die Zeit, als alte Röhrenbildfernseher ins Hintertreffen gerieten und Stück für Stück ausgemustert wurden. Eine traurige Zeit, zumindest für Elektronen. Diese konnten zuvor innerhalb jeder Röhre fliegen und von Röhre zu Röhre quer durch das Netzwerk schiessen.Damals entstand im Kopf von Bland ein völlig neues Universum, das er in der Folge mit seinen beiden Kindern weiterent­wickelte. Was tut ein Elektron, wie sieht es aus? Ist es gar menschlich? Gemeinsam beginnen sie, Rollen zu kreieren, Geschichten zu spinnen. Und dann hat sich Bland plötzlich gesagt: Daraus müsste man eigentlich eine Animationsserie machen.

Von Helden und Monstern

Ein Vormittag im Spätsommer an der Bleichenstrasse in Langenthal. Ian Bland sitzt mit Margit Gassner am Stubentisch und wirft eine Handvoll Postkarten in die Luft. Fürs Foto. Denn die Idee zur Animationsserie über Elek­tronen ist so weit gediehen, dass die Geschichte nun Hand und Fuss hat. Oder die Elektronen einen Kopf und einen Körper.

Da wäre zum einen Kev, ein quirliger Junge im späten Teenageralter. Sein Name Kev setzt sich aus «kiloelectron volt» zusammen, die Energieeinheit, die proportional zur Geschwindigkeit eines fliegenden Elektrons steht. Zum anderen Jewell, deren Name sich wie Joule ausspricht, die abgeleitete SI-Einheit von Energie. Und dann sind auf den Postkarten vier wahre Monster abgebildet. Bakterien. Mit diesen grausigen Gesellen ringen Kev und Jewell während ihrer Abenteuer, wenn sie mit Höchstgeschwindigkeit aus dem Elektronen-Beam-Gerät in andere Welten fliegen.

Ein Produkt für Jugendliche

Ian Bland, wohnhaft erst in New York, danach in Boston und San Francisco, der 1999 für die Roggwiler Schneeberger AG in den Oberaargau zog, ist nun wegen Frau und Kindern in Langenthal heimisch geworden. «Was kein Problem ist, eigentlich bin ich auch als Landei aufgewachsen», sagt er in gutem Deutsch mit amerikanischem Akzent. Er führt hier einen Hightechberuf aus, deshalb auch sein grosses Wissen über Physik und Elektronen.

Was der Schaffer Bland und die  Animatorin  Gassner jetzt  brauchen, ist Geld.

Ebenfalls eine Einwanderin ist Margit Gassner. Vor acht Jahren wollte die Österreicherin die weite Welt sehen, ist dann aber nach dem Studium in Zürich hängen geblieben. Auch sie hat Mann und Kinder. Heute betreibt sie zudem ein Animationsstudio. Als Bland über Kontakte an sie herangetreten ist, war sie sofort begeistert vom Projekt und besonders von diesen Elektronencharakteren. Über Monate trafen sich die beiden fortan, um an der Animationsgeschichte zu feilen. Es ­sollte ein Produkt werden, das Wissen vermittelt und besonders ­Jugendliche anspricht. Ihre Ideen waren so weit gesponnen, dass die beiden nur drei Monate benötigten, um die Geschichte aufs Wesentliche zu reduzieren.

«Viele waren begeistert»

Mittlerweile ist das Erzählskelett für drei Staffeln entwickelt, das Skript für die erste Episode sogar schon äusserst detailliert. Gassner engagierte einen Concept-Artist, der ihnen zweidimensionale Vorschläge für die Charak­tere der Bakterien lieferte. Entfernt sollen sie an Bakterien erinnern, die sich unter dem ­Mikroskop beobachten lassen. Auch ihre Namen leiten sich von echten Bakterien ab.

Daneben produzierten die Schöpfer von «Kev & Jewell», wie die Produktion heisst, einen ersten Kurztrailer. Diesen konnten sie neben Youtube etwa auch am diesjährigen Sommerkino auf der Marktgasse vorführen. «Als die Zuschauer sahen, dass es sich dabei um eine Produktion aus Langenthal handelt, waren viele begeistert», sagt Bland. Mit einer guten Idee, ein paar Postkarten und einem Trailer ist die Serie natürlich noch nicht zum Leben erweckt, das wissen sowohl Bland als auch Gassner. Deshalb sind sie nun auf der Suche nach Investoren. Längerfristig habe «Kev & Jewell» grosses Potenzial, finden die beiden. Deshalb wollen sie in einem nächsten Schritt die Werbetrommel rühren, Geldgeber angehen, Präsentationen durchführen.

Traumszenario: Fernsehen

Das Traumszenario wäre natürlich ein Sendegefäss beim Schweizer Fernsehen oder bei Netflix, dem amerikanischen Unternehmen, das mit dem ­Onlineverleih von Filmen und selbst produzierten Serien weltweit populär geworden ist.

«Derzeit ist die Situation auf dem Markt sehr gut», sagt Bland. Denn Studios würden viel Geld in gute Inhalte investieren. Zudem sei für den heimischen Markt eine in der Schweiz produzierte Animationsserie zusätzlich attraktiv. Und ganz nebenbei sollen sich Kev und Jewell auf ihrer Reise sogar ver­lieben. Was der Schaffer Bland und die Animatorin Gassner jetzt brauchen, ist Geld. Geschichten über ihre Elektronen haben sie bereits jetzt genug zu erzählen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.09.2017, 06:10 Uhr

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