Kasten mit verborgenen Qualitäten

Rütschelen

Lange waren Coni und Stefan Schuster nicht unterwegs: Die ehemaligen Wirtsleute vom Löwen und Gründer des Dorfhuus in Rütschelen sind im Val Müstair wieder sesshaft geworden. Sie erlagen dem Charme eines alten Hotels.

Neue Pläne: Stefan und Coni Schuster in der Arvenstube des Hotels Stelvio im Val Müstair.

Neue Pläne: Stefan und Coni Schuster in der Arvenstube des Hotels Stelvio im Val Müstair.

(Bild: Andy Mettler)

Jürg Rettenmund

Was Coni und Stefan Schuster in Santa Maria erlebten, erinnert an das, was Josef Zemp und Robert Durrer etwas weiter unten im Val Müstair GR, im Kloster St. Johann, 1894 passiert war: Die beiden Kunsthistoriker waren in den Dachraum über den Gewölben der Klosterkirche geklettert. Dort blickten ihnen im Schein ihrer Laternen plötzlich biblische Gestalten aus der Zeit Karls des Grossen, also dem 8. Jahrhundert, in die Augen.

Dank diesen Entdeckungen gehört das Kloster heute zum Welterbe der Unesco. Das Potenzial zum Welterbe hat das Hotel Stelvio im Val Müstair zwar nicht, doch was Coni und Stefan Schuster vorfanden, hat sie so berührt, dass Coni Schuster heute sagt: «Dieses Haus hat uns gefunden.»

Ein verzweifelter Anrufer

Alles begann im vergangenen September. Die beiden hatten das Dorfhuus in Rütschelen verkauft, wo Coni Schuster aufgewachsen war und selbst dreissig Jahre gewirtet hatte, ehe sie mit ihrem Mann Stefan den ehemaligen Gasthof Löwen mit Grotte-Bar zu einem Treffpunkt und begleitetem Wohnen umgestaltet hatte. Dann waren sie unterwegs in Europa.

«Unser zusammengewürfeltes Team schlug sich tapfer, und wir hatten eine tolle, megaschöne Zeit.»Coni Schuster

Da, kurz nach der Rückkehr in die Schweiz, erhielt Stefan Schuster einen Anruf von einem befreundeten Wirt aus dem Val Müstair. Das abgelegene, östlichste Tal der Schweiz ist die Heimat von Langläufer Dario Cologna. 2013 hatten die Münstertaler erstmals eine Etappe von dessen Lieblingsrennen, der Tour de Ski, in die Schweiz geholt. Jetzt stand über Neujahr die dritte Auflage bevor, und zwar erstmals nicht nur mit einer, sondern zwei Tagesetappen an Silvester und Neujahr.

Auf alle Betriebe angewiesen

Nun sind die Beherbergungs­kapazitäten im Val Müstair bei 22 Hotels mit 640 Betten beschränkt. Entsprechend waren die Organisatoren auf jeden Betrieb angewiesen, denn die Unterkünfte dürfen nicht zu weit von den Wettkampfstätten entfernt sein. Doch ausgerechnet im Hotel Stelvio, dem zweiten Haus im Tal, hatten sich die beiden letzten Pächter eben aus dem Staub gemacht – 70 Betten fehlten nun.

«Auf was wir uns da einliessen, wussten wir nicht», blicken Coni und Stefan Schuster zurück. «Es war ein grosses Abenteuer, das Haus war randvoll.» Die Freunde und Bekannten, die sie als Helfer kurzfristig engagieren konnten, mussten sie in einer Ferienwohnung einquartieren, sie selbst ­logierten im Wohnmobil.

Trotz ­dieser eigentlich unmöglichen Ausgangslage habe alles bestens ­geklappt, ziehen sie Bilanz. «Das Nationalteam aus Norwegen und das Fernsehteam der ARD waren sehr zufrieden. Unser zusammengewürfeltes Team schlug sich tapfer, und wir hatten eine tolle, megaschöne Zeit.»

Aufgepfropft

Vor allem jedoch verliebten sich Coni und Stefan Schuster in den «charmanten alten Kasten Stelvio». Deshalb durfte für sie ihre Zeit in Santa Maria nicht zu Ende sein, als der Tross der Tour de Ski nach Oberstdorf (D) weitergezogen war. Im Hotel Stelvio blicken einem zwar keine karolingischen Figuren in die Augen, es hat aber neben den 30 Gästezimmern ein Bündner Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert als Kern.

Durch die Gaststube aus Arvenholz weht ebenso der Geist einer langen Geschichte wie durch die Eingangshalle mit ihrem Tonplattenboden.

Auf diesen war es 1912 aufgepfropft ­worden. Durch die Gaststube aus ­Arvenholz weht deshalb ebenso der Geist einer langen Geschichte wie durch die Eingangshalle mit ihrem Tonplattenboden – dem ehemaligen Solér, dem typischen Vorraum hinter dem grossen Tor der Engadiner Bauernhäuser.

Nachdem der Besitzer seine Preisvorstellungen auf ein Niveau heruntergeschraubt hatte, das sich angesichts anstehender Dach- und Fassadensanierungen rechtfertigen liess, kauften Coni und Stefan Schuster das Hotel im Februar kurz entschlossen und sind nun daran, es zu entrümpeln und für die bevorstehende Saison bereit zu machen.

Der Einzige weit und breit

Zwei Hauptstandbeine soll das Stelvio künftig vom Mai bis Oktober haben: ein Bed & Breakfast mit Bistro sowie einen Stellplatz für Wohnmobile mit Ver- und Entsorgung. Einen solchen gibt es nämlich ausserhalb von Campingplätzen auch im benachbarten Engadin nicht.

Im Winter dagegen wollen die beiden neuen Besitzer ihrer eigenen Reiselust frönen, denn dann bringt man ihren «Kasten» mit vernünftigem Aufwand nicht warm. «130 Liter Heizöl haben wir pro Tag verheizt», macht Stefan Schuster die Rechnung des letzten Jahreswechsels mit der Tour de Ski.

Nicht nur ihren «charmanten alten Kasten» haben Coni und Stefan Schuster inzwischen lieb gewonnen. Auch das Tal und das Dorf haben sie für sich eingenommen. Zu entdecken sind nicht nur das Kloster Sankt Johann mit ­seinen eindrücklichen karolin­gischen, romanischen und gotischen Malereien oder die letzte Handweberei der Schweiz. Auch die Natur bietet viel: Das Val Müstair ist heute eine Unesco-Biosphäre, ein Naturpark eingebettet zwischen dem Schweizerischen Nationalpark und dem italienischen Nationalpark Stelvio.

«Über Ostern waren wir voll belegt. Alles Gäste aus dem Oberaargau.»Coni Schuster

Viel Unterstützung erführen sie auch von den Münstertalern selbst, ergänzen die beiden Wirtsleute. Am Kaffeetisch in der Arvenstube geben diese das Kompliment zurück: Sie seien froh, dass das Hotel Stelvio nicht mehr geschlossen sei, und kehrten gerne bei den sympathischen neuen Wirtsleuten ein.

Dass Coni und Stefan Schuster eine neue Heimat gefunden haben, hat sich jedoch auch dort herumgesprochen, wo sie herkommen: «Über Ostern waren wir voll belegt», hält Coni Schuster fest. «Alles Gäste aus dem Oberaargau.»

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