Ihr Geheimrezept ist das Gesamtbild

Huttwil

Was 1981 mit einer Kardiermaschine begann, hat sich zu einem grossen Betrieb entwickelt. Dieses Jahr übernimmt nun die zweite Generation das Ruder in der Spycher-Handwerk AG.

Amos Grädel mit einem der sechs Kamele, die bei der Spycher-Handwerk AG zu Hause sind. Hier findet übers Wochenende der Historische Handwerkermarkt statt. In den mongolischen Jurten im Hintergrund können Besucher übernachten.

Amos Grädel mit einem der sechs Kamele, die bei der Spycher-Handwerk AG zu Hause sind. Hier findet übers Wochenende der Historische Handwerkermarkt statt. In den mongolischen Jurten im Hintergrund können Besucher übernachten.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

«Wir haben alle einen eigenen Verantwortungsbereich und kommen gut miteinander aus», antwortet Amos Grädel auf die Frage, ob es denn nicht ab und zu Reibereien gebe. Denn nicht nur er, sondern auch seine drei Geschwister arbeiten alle im Familienbetrieb mit. Dieser wurde 1981 von Vater Johann Ulrich Grädel und dessen Schwester Gertrud als Spycher-Handwerk AG in Huttwil gegründet.

Die ­Familie hatte bis dahin einen kleinen Bauernbetrieb geführt. Da aber in den Achtzigerjahren die Nachfrage nach kardierter Wolle gross war, kauften sich Grädels ergänzend eine Kardier­maschine. Mit dieser werden die losen Härchen der Rohwolle zu einem Vlies ausgerichtet. Damit legten sie den Grundstein für den Aufbau einer Schaffarm mit Wollverarbeitung. Mittlerweile sind 25 Mitarbeitende im Betrieb ­tätig, davon acht Familienmitglieder.

In allen Bereichen des Lebens

Als der Spinnradverkauf 1985 zurückging, hielt die Familie nach anderen Verwendungszwecken für die Wolle Ausschau. Da sie temperaturausgleichend ist und den Feuchtigkeitshaushalt reguliert, begann Johann Ulrich Grädel mit der Produktion von Schurwollvliesen für Duvets, Bettauflagen und Kissen. «Wolle findet sich aber in allen Bereichen des Lebens», so Amos Grädel. Aufgrund ihrer Eigenschaften kann sie nicht nur für Bettware, sondern auch für Kleidung, Sitzbezüge und als Isolation verwendet werden.

In den letzten Jahren sei besonders ihr Textilbereich stark gewachsen, sagt Grädel. Aufgrund der Atmungsaktivität des Rohstoffes bieten vorwiegend im Wander- und Sportbereich immer mehr Hersteller Wollkleider an. Der gelernte Landwirt und Kaufmann führt die steigende Nachfrage auf das zunehmende Naturbewusstsein der Konsumenten zurück.

Doch auch der Wollkleidermarkt sei abhängig von Asien. «Wir sind immer auf der Suche nach europäischen Herstellern», sagt er. Nebst der Schaukarderei und dem Verkauf von Wollprodukten ist der Bauernbetrieb ein weiteres Standbein der Spycher-Handwerk AG. So sind in Bäch hundert Schafe zehn verschiedener Rassen, aber auch zahlreiche andere Tierarten zu Hause.

Mit der Anschaffung von gefährdeten Schweizer Rassen wie Walliser Landschafen, Spiegelschafen, Skuddenschafen, Wollschweinen, Schweizer Hühnern und Pommernenten gründete Familie Grädel 2006 den Pro-Specie-Rara-Arche-Hof Huttwil.

In Bäch sind hundert Schafe zehn verschiedener Rassen, aber auch zahlreiche andere Tierarten zu Hause. 

Als Wolllieferanten dienen ihnen nicht nur die Schafe, sondern auch Kaschmir- und Mohairziegen, mongolische Kamele, Lamas sowie Alpakas. Mit Ausnahme der Kamele, die ihre Wolle im Frühsommer abstossen, werden diese ein- bis zweimal im Jahr geschoren. Da jedes Schaf je nach Rasse nur zwei bis fünf Kilogramm Schurwolle liefert, ist der Betrieb für die Herstellung seiner Bettwaren auf Wolle von Bauern aus der Region angewiesen.

Nach wie vor würde jedoch viel Wolle weggeworfen, sagt Amos Grädel. «Ein Kilogramm Wolle bringt dem Bauern 50 Rappen bis zwei Franken ein. Ein Schaf zu scheren, kostet sechs bis zehn Franken.» Viele wollen deshalb nicht noch Benzinkosten für einen Transport zu einem Abnehmer tragen, so Grädel.

70 Tonnen Wolle nimmt die Spycher-Handwerk AG jedes Jahr an. Davon fliesst die eine Hälfte in die Herstellung von Isolation. Der Rest wird in einer Wäscherei in Belgien gewaschen und in der Karderei zu Bettwaren weiterverarbeitet.

Tradition triff auf Moderne

Zwar verwendet die Familie sechzig bis hundertzwanzig Jahre alte Kardiermaschinen. Die Moderne hat jedoch auch nicht vor dem traditionellen Handwerk halt­gemacht. So ist der Onlinehandel mittlerweile ein wichtiger Verkaufskanal für den Betrieb.

Am kommenden Wochenende steht jedoch nicht das Internetgeschäft, sondern die Tradition im Zentrum: Zum zehnten Mal führt der Huttwiler Verkehrsverein Pro Regio den Historischen Handwerkermarkt auf dem Areal der Spycher-Handwerk AG durch.

Es bereite ihnen stets viel Freude, mit den Ausstellern zusammenzuarbeiten, sagt Amos Grädel. Dies insbesondere, da viele von ihnen wie auch zahlreiche Besucher einen starken Bezug zur traditionellen Herstellung von Produkten hätten. «Vermehrt legen die Leute Wert darauf, ihre Kleider selbst herzustellen – und zwar vom Spinnen bis zum Nähen», beobachtet der 27-Jährige. Auch werbetechnisch sei der Anlass natürlich interessant für sie, da rund 15'000 Personen den Anlass besuchen würden.

«Vermehrt legen die Leute Wert darauf, ihre Kleider selbst herzustellen.»Amos Grädel

Noch in diesem Jahr übernimmt Amos Grädel gemeinsam mit seinen Geschwistern die Leitung des Familienbetriebs. Am Konzept werde sich nicht viel ändern, sobald die zweite Generation am Ruder sei, sagt er.

Wie bisher soll nicht nur der Verkauf von Wollprodukten die Kundschaft herlocken. «Der Besuch auf unserem Betrieb soll ein Erlebnis sein», sagt Grädel. So bietet die Familie seit zehn Jahren Übernachtungen in mongolischen Jurten an.

Zum Angebot an Betriebsführungen kam 2016 zudem der «Weg der Wolle» dazu, auf dem mit einfachen Tafeln die verschiedenen Schritte der Wollverarbeitung dargestellt werden. Nichtsdestotrotz streben die Geschwister ein stetes Wachstum der Firma an. «Unser Geheimrezept ist ein stimmiges Gesamtbild unseres Betriebs», sagt Amos Grädel.

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