Gut gemeint, schlecht gemacht

Um Bedürftigen zu helfen, zweigte ein Chefbeamter kurz vor seiner Pension 200'000 Franken aus der Gemeindekasse ab. Nun musste er sich vor Gericht verantworten.

Der Gemeinderat zerrte den Mann vor das Regionalgericht Emmental-Oberaargau.

Der Gemeinderat zerrte den Mann vor das Regionalgericht Emmental-Oberaargau. Bild: Keystone

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Wieso der Mann vor Gericht sitzt, ist klar: Bei Veruntreuung, ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung handelt es sich um Offizialdelikte. Sie werden von Amtes wegen strafrechtlich verfolgt.

Ob dieses Strafverfahren tatsächlich in Gang gesetzt werden musste, ist eine andere Frage. Möglicherweise hätte ein Gespräch genügt, um den Fall aussergerichtlich zu erledigen.

Zuerst die Überforderung

Pflichtbewusst und bis zur Selbstaufgabe engagiert, versah der Mann jahrelang seinen Dienst als Chefbeamter einer Gemeindeverwaltung im Oberaargau. Drei Jahre vor seiner Pen­sionierung sei sein Aufgabenberg immer weiter gewachsen, sagte er am Donnerstag gegenüber Einzelrichterin Muriel Mallepell vom Regionalgericht Emmental-Oberaargau.

«Auf unserer Abteilung waren wir nur zu zweit, dabei gab es Arbeit für drei Personen», erinnert er sich. Mehrfach sei er deswegen beim Gemeinderat vorstellig geworden, doch die Behörde habe seine Verbesserungsvorschläge «auf die lange Bank geschoben. Weil sie wussten, dass ich sowieso bald weg sein würde.» Irgendwann sei ihm «die ganze Sache aus dem Ruder gelaufen».

Auf seinem Schreibtisch hätten sich Ergänzungsleistungsgesuche von Einwohnerinnen und Einwohnern gestapelt, erklärte der Mann. Obwohl er doppelt soviel geschuftet habe wie normal und ohne Überstundenentschädigung auch die Wochenenden im Büro verbracht habe, sei es ihm nicht gelungen, die Anträge fristgerecht an die Ausgleichskasse weiterzuleiten. Damit die Leute trotzdem zu ihrem Geld kamen, habe er ihnen die Renten quasi «freihändig» aus der Gemeindekasse überwiesen, gab er zu Protokoll.

Dann der «Blödsinn»

Kurz bevor er pensioniert wurde, wollte er einen Teil der rund 200'000 zu Unrecht transferierten Franken an die Gemeinde zurückerstatten. Statt das Geld von seinen privaten Konti zu nehmen – was ihm gemäss seinem Verteidiger mühelos möglich gewesen wäre – bediente sich der Mann bei der Kasse einer Institution, deren Kassier er war.

«Das war ein Blödsinn», räumte er am Donnerstag ein. «Doch für mich war klar, dass ich es aus meinem eigenen Vermögen zurückzahlen würde, sobald es mir die Zeit erlaubte.»

Alle Schulden beglichen

Wie geplant hatte der Mann, als er seinen Ruhestand antrat, sämtliche «Schulden» aus eigenen Mitteln beglichen. Dennoch zerrte der Gemeinderat den Mann vor Gericht. «Hätten meine Vorgesetzten auch nur einmal mit mir geredet, statt mich anzuzeigen, hätte ich ihnen erklären können, was ich wieso getan hatte», sagte der physisch und psychisch angeschlagene Mann.

«Hätten meine Vorgesetzten auch nur einmal mit mir geredet, statt mich anzuzeigen, hätte ich ihnen erklären können, was ich wieso getan hatte.»Der Beschuldigte

«Dann hätten sie gemerkt, dass ich nie die ­Absicht hatte, mich zu bereichern oder jemanden zu schädigen. Sondern dass es mir nur darum ging, den Menschen, die wegen meiner Überforderung auf ihr Geld warten mussten, zu helfen.»

Wahrscheinlich habe der Rat aber genauso wenig Interesse an einer gütlichen Lösung dieses Problems gehabt wie zuvor an einer Optimierung seiner Arbeitsbedingungen, mutmasste der Mann. Dass die Gemeinde für sein Büro genau dann zusätzliche 50 Stellenprozente schuf, als er es für immer räumte, sei für ihn heute noch «bitter».

«Ein tragischer Fall»

Der Verteidiger forderte einen Freispruch in allen Punkten. Ein strafbares Verhalten liege nicht vor, sagte er. Sein Mandant habe «unsinnig» gehandelt und müsse sich «Pflichtversäumnisse» vorwerfen lassen. Das sei in personal- und arbeitsrechtlicher Hinsicht relevant, aber kein Thema für die Justiz.

Die Staatsanwaltschaft notierte in der Anklageschrift aner­kennend, der Mann habe «aus durchaus achtenswerten Beweggründen gehandelt» und «den Schaden ersetzt». Eine bedingte Geldstrafe sei deshalb ausreichend.

Richterin Muriel Mallepell schloss sich dieser Ansicht an. Sie verurteilte den Beschuldigten zu einer bedingten Geldstrafe von 333 Tagessätzen à 90 Franken. «Sie haben es gut gemeint und bemühten sich, den Menschen zu helfen, obwohl Ihnen alles über den Kopf gewachsen war», liess die Vorsitzende den Mann wissen.

Dank seiner Rückzahlungen habe die Gemeinde «keinen Schaden erlitten». Von persönlichen Bereicherungsabsichten könnte nicht die Rede sein.

Eine Bestrafung sei dennoch unumgänglich, stellte die Rich­terin fest. Auch wenn es sich um «einen tragischen Fall» handle: Die Straftatbestände der mehrfachen Veruntreuung, ungetreuen Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung seien erfüllt.

(Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 17.05.2018, 17:07 Uhr

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