Grossandrang auf Schloss Bipp

Oberbipp

Seit dem 19. Jahhundert ist die Anlage in privaten Händen und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Nun öffnete Besitzerin Katja Schwob die Tore. Zuletzt war der Andrang so gross, als das Schloss 1798 geplündert wurde.

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Zu Dutzenden stürmte die Bevölkerung am Donnerstagabend Schloss Bipp. Diesmal kamen die Bürger in friedlicher Absicht, im Rahmen eines Abendspaziergangs der Männerriege und des Polo-Vereins, und aus Interesse an ihrer eigenen Geschichte. Vielleicht auch aus Neugierde. Für die allermeisten war es nämlich die erste Möglichkeit seit Jahrzehnten, Schloss Bipp überhaupt zu betreten. Dass sie von der Schlossbesitzerin, Katja Schwob, persönlich empfangen und sogar durch das Erdgeschoss des Herrenhauses geführt wurden, das hatten wohl die wenigsten erwartet.

«Schloss Bipp ist ein privates Kleinod.»Damaris Sommer

Vor 218 Jahren war das anders: Der 62. und letzte Landvogt, Christian Friedrich Zehender, hatte es angesichts der französischen Truppen in Wiedlisbach mit der Angst zu tun bekommen und war Richtung Thorberg geflüchtet. Die Bevölkerung fragte nicht lange und plünderte kurzerhand das Schloss. Wo sie zuvor seit Jahren ihren Zehnten abgeliefert hatten, holten sie 1798 zurück, was zu holen war. Alles wurde weggetragen. Es heisst, einzelne Möbelstücke wären heute noch irgendwo in Gebrauch.

Die alte Kutschenstrasse

Der von Rolf Aschwanden angeführte Abendspaziergang – ein solcher findet in Oberbipp immer am letzten Donnerstag im Monat statt – war so gut besucht wie ­zuvor kein anderer. Oben im Schlosshof angekommen, übernahm Damaris Sommer die Führung. Sie bewirtschaftet zu­sammen mit ihrem Mann Samuel den Landwirtschaftsbetrieb des Schlosses und betreut auch die weitläufigen Gärten.

Sie begann mit der heutigen Schlossstrasse. Niemand sei mit dieser schmalen und steilen Strasse glücklich. Die Besucher, die auf dem alten Kutschenweg hinaufmarschiert waren, pflichteten ihr bei: Im Mittelalter hatte man Strassen offensichtlich sinnvoller angelegt. Noch nie habe sie so viele Besucher auf Schloss Bipp begrüssen dürfen. Und noch nie sei ihnen der Saal geöffnet worden, erklärte Sommer. Sie stellte auch gleich klar: Das eigentliche Schloss oder Herrenhaus ist das jüngste Gebäude, der Bauernhof das älteste.

Froburger und Kyburger

Der Name Bipp wird erstmals am 9. März 968 in einer burgundischen Königsurkunde genannt. Das Kloster Moutier-Grandval legte seine Hand auf die Kirche von Bipp. Die Urkunde zeigt auch die Existenz einer Burg Bipp vor über 1000 Jahren. Von 1268 stammt eine Urkunde, wonach sich die Burg Bipp im Besitz der Grafen von Froburg befand. Im 14. Jahrhundert gingen Schloss und Herrschaft vorerst an die Grafen von Neuenburg-Nidau über, später über die Thiersteiner und Kyburger zum Hause Habsburg.

Dann wurde die Herrschaft Bipp in Ämter aufgeteilt. Es gab Zwist. 1413 befahl die Tagsatzung, dass Solothurn und Bern die Herrschaft Bipp und Bechburg gemeinsam zu verwalten hätten. 1463 entschied ein eidgenössisches Schiedsgericht, dass Bipp zu Bern und die Bechburg zu Solothurn gehören sollte.

Damaris Sommer fasste die historischen Wirren kurzerhand so zusammen: «Wegen Schloss Bipp gehört die Region heute zu Bern.»

«Wegen Schloss Bipp gehört die Region heute zu Bern.»Damaris Sommer

Zeitweise ein Steinbruch

1805 verkaufte der Staat Bern das Schloss an den Wiedlisbacher Johann Jakob Kopp und Jakob Flückiger von Rohrbach. Die Ruine diente den neuen Besitzern als Steinbruch. Das war offenbar sogar ihr Auftrag. 1852 verkaufte die Witwe Kopp die Überreste an den Basler Johann Jakob Stehlin-Hagenbach. Dieser liess anstelle des Kornhauses das schlossähnliche Wohnhaus errichten, das der Familie Stehlin fortan als Sommersitz diente.

Während von der ursprünglichen Burg keine Pläne vorhanden sind, ist das Schloss eines der am meisten abgebildete der Schweiz. Zahlreiche Holzschnitte, Kupferstiche, Zeichnungen und Gemälde zeigen ein stattliches Gebäude im Stil von Schloss Burgdorf. Zum Teil zeigen die Künstler allerdings den erst im 13. Jahrhundert errichteten Rundturm wohl auch etwas überhöht. Er erinnert dann je nach Perspektive fast schon an das deutsche Märchenschloss Neu-Schwanstein.

Johann Jakob Stehlin war der spätere Schultheiss von Basel. Er war zugleich ein in ganz Europa bekannter Archäologe, der in Wiedlisbach eine römische Siedlung ausgrub und auch dokumentierte, was zu dieser Zeit noch nicht allgemein üblich war.

Seit 1850 unverändert

Sein Sohn trug die gleichen Vornamen und war Architekt. Er plante die wichtigsten Räume auf Schloss Bipp angeblich nach mathematischen Grundsätzen. Damals war Neogothik angesagt. Es war sein erster grosser Auftrag. Die Räume wurden seit 1855 nicht verändert, sind aber auch entsprechend schwer zu beheizen. Das Schloss blieb immer im Besitz der Familie Stehlin, später Weber. Seit 1988 ist es die Ururenkelin Katja Schwob, die mit grossem finanziellem Aufwand für den Unterhalt aufkommt.

Lange war das Schloss allgemein zugänglich. Die Wiese oben beim Turm – der Ort also, an dem sich der grosse Saal der Landvögte befunden haben dürfte – war für die Bevölkerung Ziel vieler sonntäglicher Spaziergänge. Vor rund 50 Jahren wurden dann Verbotsschilder aufgestellt, die auf den Privatbesitz hinwiesen. Anfänglich wurden sie ignoriert, dann aber mit einigem Murren respektiert. Bröckelnde Mauern und Sicherheitsbedenken waren wohl die überzeugenden Argumente.

Schule und Spital

Nicht alle 62 Bipper Landvögte unterdrückten die Bevölkerung. Damaris Sommer nannte Beispiele: «Natürlich trieben sie den Zehnten ein und steckten Betrunkene in den Kerker. Sie bauten aber auch Strassen, einer initiierte eine Schule, die Frau eines andern das erste Spital in Wiedlisbach.»

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