Schwarzhäusern

Fünf Minuten Prinzessin

SchwarzhäusernNoch immer ist ein weisses, pompöses Kleid der Traum vieler Bräute. Das können die Mitarbeiterinnen des Brautmodenhauses Schwarzhäusern nur bestätigen.

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Das sei eine reine Frauenangelegenheit, sagt Nicola Wyss. Generell mache sie die Erfahrung, dass den Männern in Sachen Hochzeitsmode eine kleine Rolle zukommt. «Meistens heisst es dann ‹Mein Zukünftiger muss sich einfach meinem Kleid anpassen›», sagt die Inhaberin der Brautmodenkette Schwarzhäusern-Wimmis-Gommiswald. Sie lacht.

«Sind wir ehrlich: Alle schauen doch auf die Braut und ihr Kleid.»Ballkleid, A-Linie, Meerjungfrau, Vintage-Brautkleid oder doch lieber Glitzer? Mit solchen Fragen sind die Mitarbeiterinnen des Brautmodenhauses täglich konfrontiert.

Bis unter die Decke ist das Zimmer im alten Bauernhaus mit Hunderten von weissen Roben gefüllt. Ein vorsichtiges Durchkämpfen ist an diesem kleinen Ort gefragt, wo man eigentlich so gar nicht mit einem Geschäft für Hochzeitskleider rechnen würde. Nicola Wyss macht im Oberaargau einen deutlichen Trend hin zur Spitze aus. «Noch vor fünf Jahren hätten die meisten Frauen die Nase gerümpft und gesagt, das erinnere an einen Vorhang», sagt sie. Und auch der 80er-Jahre-Stil sei vor allem bei jüngeren Bräuten wieder beliebt. Viel Stoff, Tüll und Korsagen feiern eine Wiederauferstehung.

Für kirchliche Trauungen seien nach wie vor weisse Roben am meisten gefragt. Wobei in Schwarzhäusern seit etwa fünf Jahren keine reinweissen Kleider mehr verkauft werden. Vielmehr sind die Stoffe heute gebrochen weiss oder in hellem Elfenbein gehalten. Für die zivile Trauung hingegen würden viele Bräute ein farbiges Abendkleid bevorzugen.

Die Wahl sei meistens schnell getroffen. «Oftmals verlieben sich die Frauen bei der Anprobe gleich in das erste Kleid», sagt Nicola Wyss. Die Beraterinnen würden die Bräute dann jeweils ermutigen, zum Vergleich zwei bis drei weitere Exemplare anzuprobieren. Im Schnitt würden die Frauen in einem zweistündigen Beratungsgespräch in sieben Roben schlüpfen. Und das meist mehrere Monate vor dem grossen Tag.

Fachberaterin Nicoletta Leuenberger kümmert sich seit vier Jahren um zukünftige Bräute. «Es ist natürlich schön, wenn wir die Frauen glücklich machen können», schwärmt sie für ihren Job. Gerade bei Kundinnen, die vor der Anprobe schlaflose Nächte gehabt hätten aus Angst, nichts Passendes zu finden oder in einem Brautkleid nicht gut auszusehen.

Angst und bange ist es mir zwar nicht, doch aufgeregt bin ich schon. Gleich darf ich zum ersten Mal in meinem Leben in ein Brautkleid schlüpfen. «Was würde Ihnen denn gefallen?», fragt Nicoletta Leuenberger. «Etwas mit Spitze und Ärmeln oder Trägern.» Der so beliebte, üppige Prinzessinenlook ist gar nicht mein Fall. Lieber etwas Schlichtes.

«Wegen Ihrer Körpergrösse würde ich vom Meerjungfrauenstil abraten», erklärt Nicoletta Leuenberger. Sie rät zu einer lang gezogenen Taille. «Das verlängert den Körper optisch.»Mit sicheren Griffen hilft sie mir in das erste Brautkleid. Ich fühle mich bei ihr gut aufgehoben. Um keine Make-up-Spuren auf dem weissen Kleid zu hinterlassen, wird mir beim Anziehen eine Haube über den Kopf gestülpt. Mit dem Blick in den Spiegel denke ich: «Wow.» Mir schiesst die Röte ins Gesicht.

Ich gleite mit den Händen über das fliessende Material. Das Kleid passt und schmeichelt meiner Figur – aber natürlich müsste es um etwa 20 Zentimeter gekürzt werden. «So viel Stoff», denke ich laut. «Weniger geht gar nicht», schaltet sich Nicola Wyss ein. «Probieren Sie mal das an, da hat es wirklich viel Material dran», sagt Nicoletta Leuenberger und greift zu einer opulenten A-Linie samt Reifrock. Ich staune, dass ein Kleid so schwer sein kann.

Doch plötzlich beginnt mir auch dieses Exemplar zu gefallen, und ich fühle mich wohl – sogar in schulterfrei, mit Schleier und Diadem. Die Komplimente der Expertinnen tun ihr Übriges. Vielleicht doch mal eine Hochzeit als Prinzessin? (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.09.2018, 16:50 Uhr

Die Geschichte

«Ein Traum in Weiss», so werden heute wohl die meisten Hochzeitskleider umschrieben. Doch tatsächlich treten die Bräute in der Schweiz noch gar nicht so lange in Weiss vor den Traualtar. Vor über zweitausend Jahren trug die Braut im alten Rom an ihrem Hochzeitstag eine spe­zielle Tunika mit einem gelben Gewand. Die Taille wurde mit einem Holzgürtel betont, der mit einem Herkulesknoten verschlossen wurde. In der Hochzeitsnacht war es dann die Aufgabe des Bräutigams, diesen Knoten zu lösen.
Im Mittelalter hüllten sich die Bräute wenn möglich in festliche Kleider aus luxuriösen Stoffen wie Samt oder Seide. Schillernde Farben waren zu der Zeit der Oberschicht vorenthalten. Frauen aus ärmeren Familien trugen meist ihr schwarzes Sonntagskleid beim Gang vor den Traualtar. Schwarz entwickelte sich im 16. Jahrhundert durch den Einfluss des streng katholischen spanischen Königshofes in grossen Teilen Europas schliesslich zum Trend für Bräute. Frauen der Oberschicht schlossen damals häufig in langen schwarzen Roben mit Schleppe und Spitze den Bund fürs Leben. Auch Bräute aus der Mittel- und der Unterschicht heirateten bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Schwarz. Es unterstrich nicht nur die Frömmigkeit der Frau, das Kleid war auch leicht sauber zu halten und konnte zu verschiedenen Anlässen getragen werden. Ein Kleid nur für einen Tag zu tragen, war damals noch undenkbar.
Weisse Brautkleider als Symbol für Reinheit und Unschuld gibt es in Westeuropa erst seit Ende des 17. Jahrhunderts. Zunächst wurden diese aber ausschliesslich von Bräuten aus der Oberschicht getragen. Mit den Hochzeiten von Elisabeth von Bayern alias Sisi und Königin Victoria Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Mode nach und nach über ganz Europa. Den endgültigen Durchbruch schafften die Weisstöne nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Trend aus den Vereinigten Staaten überschwappte. Auch noch vor 1945 heirateten Paare in der Schweiz häufig in Schwarz – sowohl Braut als auch Bräutigam.

Geheiratet wird immer – sogar immer mehr

Im Oberaargau verzeichnet die Statistik wieder mehr Trauungen. Im Rahmen dieser Serie gehen wir der Frage nach, weshalb sich heute so viele Paare für diesen Schritt entscheiden – oder ihn bewusst ausschliessen. Es geht auch darum, welche Bedeutung Hochzeitsfotos als Erinnerung beigemessen wird, wie die Arbeit einer Hochzeitsplanerin aussieht – oder welchen Wandel das Hochzeitskleid durchlebt hat.

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