Flicken statt wegwerfen – warum eigentlich nicht?

Langenthal

Während das Porzi-Fest Besucher auf den Platz und in die verwinkelten Häuser auf dem Porzi-Areal lockte, konnten sich die freiwilligen Helfer im ersten Repair Café in Langenthal nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Ein Augenschein.

Diese Kaffeemaschine soll bald wieder reibungslos funktionieren.

Diese Kaffeemaschine soll bald wieder reibungslos funktionieren.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Julian Perrenoud

Die halblange Jeans hat schon manchen Sommer überlebt, jetzt scheint sie definitiv ausgedient zu haben. Neben der Naht zwischen den Beinen hat sich ein Loch gebildet. Abnützung. Da stellt sich nun die Frage: Wegwerfen oder behalten?

Behalten! Denn was kaputt ist, lässt sich schliesslich auch wieder flicken. Genau dafür öffnete am Samstag das erste Repair Café in Langenthal. Genauer gesagt auf dem Porzi-Areal im Conjunto-Salsa-Lokal. Ein idealer Zeitpunkt, schliesslich steht auch das Porzi-Fest an. Bereits vor der Er­öffnung um 10 Uhr stehen die ersten Hilfesuchenden vor der Tür. Manche wollen sich nur informieren, wie Kleider zu flicken sind, andere wollen wissen, was sie denn alles vorbeibringen können. Die Antwort: alles.

Egal, ob ein uraltes Radio, störrische Laptops, defekte Küchen­apparate oder in Mitleidenschaft gezogene Spielsachen, dreizehn Freiwillige mit Namensschildern sitzen an Tischen bereit, um Kaputtes wieder ganz zu machen.

Die löchrige Jeanshose kommt zu Rita Koch in den Nebenraum. Die Schneiderin aus Zofingen ist durch ein Inserat auf den Anlass aufmerksam geworden. Sie wirft einen Blick auf die Jeans und macht die Nähmaschine parat. Kein Problem. Bevor sich die Flickprofis ans Werk machen, gilt es eine Haftungsbegrenzung auszufüllen. Obschon das bei einer alten Hose etwas über­trieben scheint, macht dies bei anderen wertvolleren Gegenständen durchaus Sinn. Auch das Gewicht wird erfasst, ebenso wie der genaue Defekt und ob die Reparatur am Ende gelungen ist.

Genauigkeit ist gefragt: Für das fachkundige Team vor Ort kein Problem. Bild: Olaf Nörrenberg

Ins Leben gerufen haben das Reparatur-Café Karin Haas und Sibylle Steinmann. Letztere ist Arbeitspsychologin aus Langenthal und hat das Format der Re­pair Cafés schon in vielen anderen Städten gesehen. «Die Idee gefiel uns total.» Und Haas, die unter anderem Leuten hilft, Ordnung in ihrem Haus und Leben zu schaffen, fügt an: «Wir wollen mithelfen, Dinge vor dem Abfalleimer zu retten.» Beiden Organisatorinnen gefällt, wie die freiwilligen Helfer zu einem Team zusammenschmelzen und sich gegenseitig unterstützen.

«Hier hat sich eine tolle Gruppendynamik gebildet», sagt Haas.Im Salsalokal säuselt plötzlich französische Musik aus einem staubigen Holzradio, das wohl schon manche Dekade gesehen hat. Jetzt läuft es wieder. Auch eine Kaffeemaschine soll bald wieder funktionieren, derzeit wird sie aber noch gleich von zwei Heimwerkern vorsorglich auf Herz und Nieren geprüft.

Das Repair Café bietet seine Dienste gratis an, und dazu gibt es sogar noch Kaffee und Kuchen. Das wichtigste beim Projekt ist der Kampf gegen den Ressourcenverschleiss, die Wegwerfgesellschaft und wachsende Müllberge. Daneben soll es auch das Portemonnaie schonen. Die Helfer haben einzig ein Trinkgeldkässeli aufgestellt, das dem ganzen Team zugutekommen soll.

Etwa fünfzig Personen lassen während der sechs Stunden Ge­genstände reparieren. Mehrheitlich sind es Elektrogeräte und Kleider. «Es ist extrem gut ge­laufen», freut sich am Ende Karin Haas. Und noch ist nicht Schluss: Einen weiteren Repair-Café-Tag wird es am Samstag, 28. Oktober, geben. Selber Ort, selbe Zeit. Zu­sätzliche Aktionen an einem an­deren Standort sollen folgen.

Und wie geht es eigentlich der halblangen Jeanshose? Schneiderin Rita Koch und ihre Näh­maschine haben innerhalb kürzester Zeit ganze Arbeit geleistet und sie wieder zusammengeflickt. Nur eine kaum sichtbare hellblaue Naht zeugt vom grossen Loch. Nun ist die Hose sicher gut genug für eine weitere Sommersaison.

Langenthaler Tagblatt

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