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Er will ja nur spielen

Klaus Zaugg ist der meistgelesene Sportjournalist der Schweiz. Er schreibt über den hiesigen Eishockeysport wie über eine Seifenoper. Dabei hat jeder seine Rolle. Auch er selbst.

Er zieht von Stadion zu Stadion: Klaus Zaugg unterhält und provoziert mit seinen Texten die Teppichetagen und Fankurven der Klubs.
Er zieht von Stadion zu Stadion: Klaus Zaugg unterhält und provoziert mit seinen Texten die Teppichetagen und Fankurven der Klubs.
Andreas Blatter

Das Leben hält sich an kein Drehbuch. Aber manchmal führt auch der Zufall perfekt Regie.

Die Pressekonferenz am Haupt­sitz von Swiss Olympic in Ittigen ist soeben zu Ende gegangen. Klaus Zaugg, freischaffender Journalist aus Auswil, schreitet in leicht schleppendem Gang durch die Lobby. Da trifft er auf René Fasel. Der Präsident des internationalen Eishockeyverbandes und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees ist einer der mächtigsten Sportfunktionäre der Welt.

Der Exekutivrat von Swiss Olympic gab wenige Minuten zuvor bekannt, dass er sich mit 12 zu 1 Stimme für die Kandidatur Sion 2026 ausgesprochen hat. Das Ratsmitglied, welches aus der Reihe tanzte, wollte Swiss-Olympic-Präsident Jürg Stahl nicht nennen. Als Klaus Zaugg ­Ittigen verlässt, kennt er den Namen des Abweichlers.

Keine Beisshemmungen

A 1, Fahrtrichtung Zürich. Zauggs Ziel ist das zweite Playoff-Spiel zwischen dem EHC Biel und dem SC Bern. «Sport ist Unterhaltung», sagt er. Der Eindruck, dass das für ihn alles ein Spiel – ja, ein Schauspiel – ist, wird sich im Laufe des Abends noch verstärken. Der Emmentaler hat sein ganzes Berufsleben über Sport geschrieben. Bekannt ist er für seinen polemischen Schreibstil und seine polarisierenden Meinungen. «Wenn ich nur das schriebe, was ein anderer mir sagt, wäre ich ein Sportsekretär», sagt Zaugg zu seinem Selbstverständnis.

Dass er deswegen auffällt, erklärt er sich mit dem Zustand der Branche. «Schweizer Journalisten haben Beisshemmungen», so sein Fazit. Zu nett, zu harmoniebedürftig. Zaugg kennt das nicht. «Ich suche die Harmonie nicht im Beruf.» Ende Februar schrieb er in einer Kolumne für die Onlinezeitung «Watson» einen Verriss über Oltens Sportchef Köbi Kölliker. Dieser sei «in seinem Wesen und Wirken mehr Spaltpilz als Leitwolf», wirke «desillusioniert» und habe so Oltens «Aufstiegschancen ruiniert». Zwei Wochen später wird Kölliker in Olten entlassen. «So ist das Geschäft», sagt Zaugg. Er habe mit Kölliker im Nachhinein noch einen Kaffee getrunken. Es sei nichts Persönliches. Jeder Vorgänger hat einen Nachfolger. Nach jeder Episode folgt die nächste.

Nie wieder Festanstellung

Tissot-Arena Biel: Im Stadioninnern versammeln sich an diesem Dienstagabend die Chronisten. Sportjournalismus ist eine Männerdomäne – im Eishockey sowieso. An den Wänden der Katakomben klebt der Geruch von literweise Schweiss. Freude, Enttäuschung, Wut: Auf kleinstem Raum finden hier kleine Dramen und Heldengeschichten statt. Sie füllen den Inhalt von so manchem Leben und so manchem Portemonnaie.

Klaus Zaugg ist in Schweizer Eishockeystadien so bekannt und umstritten wie Joe Ackermann in Deutschland. Ein SCB-Fan fragt beim Vorbeigehen, ob er heute wieder Gotthelf zitiere. Ein Staffmitglied des EHC Biel sagt kämpferisch, sein Team setze Zauggs Rat – mit mehr Härte zu spielen – heute um. Aber Zeit für Smalltalk bleibt nicht. Zaugg muss arbeiten. Kurz vor Spielbeginn haut er eine Analyse zur Olympiakan­didatur 2026 in die Tasten. Beim Goldrush würden nicht die Goldgräber reich, sondern jene, welche die Schaufeln verkaufen, wird am nächsten Tag in der «Aargauer Zeitung» stehen. Sprich, die Kandidatur wird viele Schweizer Sportfunktionäre reicher machen. Und Klaus Zaugg wird darüber schreiben. «Als freischaffender Journalist muss ich doppelt so viel verdienen wie ein Angestellter, um alle Ausgaben zu decken.»

Irgendwo wieder eine Festanstellung anzunehmen, wäre für den Auswiler ein Gräuel. Über Jahre war er Eishockeychef beim «Blick». 2007 trennten sich die Wege von Zaugg und dem Boulevardblatt. Er und Ringier-Chef Marc Walder wurden sich nicht mehr handelseinig. Klaus Zaugg lässt sich nicht gern reinreden. Und in seiner Eishockeyoperette verteilt allein er die Rollen. Am wenigsten vermisst er die Sitzungen. «Die dienen Leuten dazu, ihre Wichtigkeit zu zelebrieren», sagt er. Wer Berufskollegen fragt, könnte auch zum Schluss kommen, dass es für Zauggs Eitelkeit in Sitzungszimmern schlicht keinen Platz hat.

Wie zwei streitlustige Hähne

Der Match ist eine klare Sache. Bern ist besser als Biel. Einen Hauptschuldigen hat Zaugg dennoch ausmachen können, den Bieler Torwart. «Jonas Hiller ist zu wenig gut», titelt er für seinen Matchbericht. Zwei der drei Tore seien haltbar gewesen. Den Text schickt er drei Minuten vor Spielschluss ab – nur das Resultat muss noch ergänzt werden. «Dann können sie auf der Redaktion früher nach Hause gehen.»

«Wenn ich nur das schriebe, was ein anderer mir sagt, wäre ich Sport­sekretär.»

Klaus Zaugg

Dass er selbst jetzt schon nach Hause geht, wäre undenkbar. Gerade während der Playoffs sei es wichtig, die Situation, die Stimmung im Team einzuschätzen, sagt Zaugg. Das geht nur im direkten Gespräch.

In den Garderoben treffen enttäuschte Bieler und gelöste Berner auf gestresste Journalisten. Auch SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi taucht auf. Vor einem Jahr hielt er genau hier eine Brand­rede, von der man unter Journalisten noch heute ehrfürchtig spricht. Jetzt, wo es seinem Team läuft, kommt Lüthi nur hier runter, um beim Notausgang eine Zigarette zu rauchen. In Zauggs Variété hat Lüthi die Rolle als «König von Bern» oder wahlweise auch als «Chole-Marc», wenn Lüthis ausgeprägter Geschäftssinn betont werden muss. Lüthi und Zaugg beäugen sich von weitem, wie zwei streitlustige Hähne. Sie mögen sich.

Er sorgt für Unterhaltung

Reden will Zaugg aber mit Berns Trainer Kari Jalonen. Ihm habe heute die gute Unterhaltung gefehlt, sagt Zaugg dem finnischen Trainer vorwurfsvoll. Jalonen entgegnet: Ihm habe das Spiel ­gefallen. Der kühle Finne hat ­gelernt, mit Zauggs Humor umzugehen. Auch wenn sie von ihm oft hart angegangen werden, reden Spieler und Trainer gerne mit Zaugg. Seine Fachmeinung scheint auch sie zu interessieren.

Er wird die gesammelten Zitate und Eindrücke für seine «Watson»-Kolumne verwerten. «Die schreibe ich noch heute Abend», verrät Zaugg auf der Rückfahrt. Es ist bald Mitternacht. Klaus Zaugg wurde Mitte Februar 60 Jahre alt. «Männer, die in Stiefeln sterben» heisst ein Western aus den 50er-Jahren. Ist das auch Zauggs Schicksal: Sportjournalist bis ans Lebensende? «Ich hoffe es», sagt er. Sein Pensionsalter sei in keiner Personalabteilung festgehalten. Und: «Geschichtenerzähler wird es immer geben.» Im Mittelalter seien es die Minnesänger gewesen, die von Dorf zu Dorf zogen. Klaus Zaugg zieht von Stadion zu Stadion.

Eine Frage bleibt: Wenn das Schweizer Eishockey eine Seifenoper in Endlosschleife ist, was ist dann die Rolle von Klaus Zaugg? Er überlegt. «Die von Statler und Waldorf», sagt er schliesslich süffisant grinsend. Statler und Waldorf sind die beiden Opas aus der «Muppet Show», die das Geschehen von ihrer Loge aus sarkastisch kommentieren.

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