«Eine Tragödie für alle Beteiligten»

Vor zwei Jahren prallte ein Auto mit einem ­E-Bike zusammen. Der Velofahrer verstarb auf der Unfallstelle. Nun stand der Automobilist vor Gericht.

An der Kreuzung Waldmatt wurde ein ­68-Jähriger aus dem Leben ­gerissen.

An der Kreuzung Waldmatt wurde ein ­68-Jähriger aus dem Leben ­gerissen. Bild: Thomas Peter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jäh zerschnitten am 27. April 2016 Sirenengeheul und Rotorengeknatter die Feierabendruhe der Menschen in Graben. Was den Lärm ausgelöst hatte, gab die Staatsanwaltschaft am nächsten Tag in einem Communiqué bekannt: Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute, die Rega und ein Careteam des Kantons hätten wegen eines schweren Verkehrsunfalls, der sich ausserhalb der Kleingemeinde zwischen einem Auto und einem Elektrovelo ereignet hatte, ausrücken müssen.

Strafbefehl angefochten

Laut den Untersuchungsbehörden war der Automobilist an jenem Abend mit 58 bis 65 Kilometern pro Stunde auf der Ausserortsstrasse von Herzogenbuchsee nach Graben unterwegs gewesen. Bei der Kreuzung Waldmatt bog von rechts der Velo­fahrer mit 26 bis 32 Kilometern pro Stunde auf diese Strasse ein. Beim Zusammenprall der Verkehrsteilnehmer wurde der damals 68-jährige Biker so schwer verletzt, dass er noch auf der Unfallstelle verschied.

Wegen fahrlässiger Tötung und grober Verkehrsregelverletzung auferlegte die Staatsanwaltschaft dem 42-jährigen Autofahrer eine bedingte Geldstrafe von 6000 Franken. Weiter verknurrte sie ihn zu einer Busse von 1200 Franken und zum Bezahlen der Gebühren und Auslagen von 12 500 Franken. Dagegen erhob der Mann Einspruch. Gestern sass er vor Einzelrichterin Regula ­Masanti vom Regionalgericht Emmental-Oberaargau. Ebenfalls anwesend waren die als Straf- und Zivilklägerin auftretende Witwe sowie zwei Söhne und die Schwiegertochter des Verstorbenen.

«Korrekt verhalten»

Der Anwalt des Beschuldigten forderte einen Freispruch. Von einer Verletzung der Sorgfaltspflicht, wie von der Staatsanwaltschaft unterstellt, könne nicht die Rede sein. Der Autofahrer sei weniger schnell als erlaubt gefahren und habe vor der Kreuzung Bremsbereitschaft erstellt. Den Velofahrer habe er wegen des Rapses, der die Fahrbahn auf der rechten Seite säumte, nicht sehen können. Der E-Biker sei an dem Zusammenprall zumindest mitschuldig. Ein von ihm, dem Verteidiger, in Auftrag gegebenes Gutachten belege, dass der Velofahrer erst die Linkskurve mit überhöhtem Tempo geschnitten habe und unmittelbar danach «wie ein Geisterfahrer» vor dem Auto aufgetaucht sei.

«Was passiert ist, ist ganz, ganz schlimm», sagte der gesundheitlich angeschlagene und vor kurzem arbeitslos gewordene Autofahrer gegenüber der Richterin. Er habe sich auf der ihm bestens bekannten Strasse allerdings jederzeit «korrekt» verhalten.

«Was passiert ist, ist ganz, ganz schlimm.»

Der Beschuldigte

Der juristische Beistand der Witwe vertrat den Standpunkt, dass es «mit hoher Wahrscheinlichkeit» nicht zu dem Unfall gekommen wäre, «wenn der Autofahrer sich mit der von ihm verlangten Sorgfalt verhalten hätte». Zur Untermauerung dieser These zitierte er aus demselben Gutachten, das sein Kontrahent bestellt hatte.

Regula Masanti verurteilte den Fahrzeuglenker wegen fahrläs­siger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 70 Franken und zu einer Busse von 700 Franken. Vom Vorwurf der groben Verkehrsregelverletzung sprach sie ihn frei, weil nicht erkennbar sei, inwiefern er weitere Personen gefährdet habe. Dies wäre für einen Schuldspruch in diesem Anklagepunkt zwingend, führte sie aus. Die Forderungen der Zivilklägerin verwies sie auf den Zivilweg.

Richterliches Unbehagen

Der Autolenker habe seine Sorgfaltspflichten verletzt, sagte Masanti. Der Tatsache, dass seine Sicht wegen des Rapses eingeschränkt war, hätte er ebenso mehr Rechnung tragen müssen wie dem Umstand, dass sich vor ihm eine Kreuzung befand.

Aus ihrem Unbehagen, in diesem Verfahren Recht sprechen zu müssen, machte die Vorsitzende keinen Hehl: «Letztlich ist der Fall eine Tragödie für alle Beteiligten – auch für den Beschuldigten.» Unter den Folgen des Unfalles würden nicht nur die Hinterbliebenen des Velofahrers, sondern auch der Automobilist und seine Familie noch lange leiden.

Auf sie persönlich habe die Geschichte ebenfalls Auswirkungen gehabt, fügte sie an: «Seit ich mich damit befassen muss, bin ich vor Verzweigungen mit Rechtsvortritt noch viel vorsichtiger als zuvor.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 14.02.2018, 13:36 Uhr

Artikel zum Thema

E-Bike-Fahrer bei Unfall schwer verletzt

Bei Oberwangen sind am Mittwochabend ein Auto und ein E-Bike kollidiert. Der Velofahrer musste schwer verletzt mit der Rega ins Spital gebracht werden. Mehr...

56-Jähriger bei Unfall mit E-Bike verletzt

Liebefeld Am Dienstagnachmittag ist in Liebefeld ein E-Bike-Lenker bei einem Zusammenstoss mit einem Linienbus gestürzt. Der 56-Jährige wurde verletzt und musste ins Spital. Mehr...

E-Bike-Fahrer abgeschossen und weitergefahren

Langenthal Ein 18-jähriger E-Bike-Fahrer ist am Mittwochmorgen in Langenthal verunfallt. Bei der Kollision mit einem Auto erlitt er leichte Verletzungen. Das Auto fuhr ohne anzuhalten weiter. Mehr...

Paid Post

Grill, Käseplatte oder gar vegan?

Eine Entscheidung, die Ihnen niemand abnimmt. Auch die junge Schweizer Firma PanoramaKnife nicht. Doch sie gibt Ihnen die richtigen Tools in die Hand.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sichtlich fasziniert: Ein Besucher blickt auf eine Kreation, die zur Eröffnung der grossen Ausstellung «Viktor und Rolf: Modekünstler 25 Jahre» in der Kunsthal in Rotterdam, Niederlande gezeigt wird. (26. Mai 2018)
(Bild: Remko de Waal) Mehr...