«Ein schlimmes Geheimnis»

Oberaargau

Wegen sexueller Handlungen mit einem Kind sass ein Vater vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau. Er stritt vergeblich ab, seine Tochter missbraucht zu haben.

Das Regionalgericht Emmental-Oberaargau verurteilte den Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten.

Das Regionalgericht Emmental-Oberaargau verurteilte den Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten.

(Bild: Google Maps)

Johannes Hofstetter

Ein Bub und ein Mädchen verbrachten ein Wochenende bei ihrem Vater. Zwei Jahre später erhielt der Mann Post von der Staatsanwaltschaft. Sie warf ihm vor, sich bei jenem Besuch an seiner Tochter vergangen zu haben, «indem er das damals knapp sechs Jahre alte Kind während eines Würfelspiels vier- bis fünfmal auf die nackte Haut im Schambereich küsste, beziehungsweise sie an ihrer ‹Mumu› leckte sowie das Kind mehrmals seinen Penis in den Mund nehmen liess», wie es in der Anklageschrift heisst.

Nun sass der Mann vor dem in Dreierbesetzung tagenden Regionalgericht Emmental- Oberaargau unter dem Vorsitz von Roger Zuber. Angezeigt worden war er von seiner Ex-Frau. Sie sagte dem Gericht dasselbe, was sie schon bei der Polizei und beim Staatsanwalt zu Protokoll gegeben hatte: Ihre Tochter habe ihr rund eine Woche nach der Rückkehr vom Vater erzählt, dessen «Schnäbi» im Mund gehabt zu haben. Auf zig Nachfragen hin habe die Kleine das ein ums andere Mal bestätigt.

«Du nervst»

«Du nervst», habe das Mädchen nach einer weiteren «Einvernahme» zur Mutter gesagt und auf einmal behauptet, das mit dem Schnäbi sei «nur ein Gschichtli» gewesen. Erleichtert habe sie als Mutter daraufhin beschlossen, Gras über die Sache wachsen zulassen. Doch viel konnte auf der Wiese des Vergessens nicht spriessen: Mit den Worten: «Ich habe ein schlimmes Geheimnis» sei die Tochter kurz darauf zu ihr gekommen, um zu wiederholen, was sie ursprünglich berichtet hatte, erinnerte sich die Frau. Der Angeklagte erklärte, er und die Kinder hätten sich die Zeit tatsächlich mit einem Würfelspiel vertrieben. «Das erschien mir sinnvoller, als sie vor den Fernseher zusetzen.» Mehr sei nicht passiert.

Die «ekelhaften» Anschuldigungen hätten ihn «schockiert», sagte der Vater. Von Kindern fühle er sich nicht erotisch angezogen. Um zu belegen, dass er «sauber» sei, habe er die Polizei gebeten, seine Wohnung und den Computer nach einschlägigem Material zu durchsuchen. Wie die Frau darauf komme, ihn aufgrund einer «sicher übertriebenen» Bemerkung des Mädchens mehrfachen Missbrauchs zu bezichtigen, könne er sich nicht erklären. Seine Ex habe ihm die Kinder auch nach den angeblichen Übergriffen hin und wieder zum Hüten überlassen, liess er das Gericht wissen.

Bei früheren Befragungen hatte er angedeutet, die Kinder würden bei ihrer Mutter und deren wechselnden neuen Partnern «versexualisiert». Sie würden oft nackt herumlaufen. Einmal habe ihm das Mädchen beim Baden im Pool in den Schritt gefasst. Diese Darstellungen wies die Mutter zurück.

«Nur ein Gschichtli.»Aus den Aussagen des Mädchens

Die Staatsanwaltschaft empfahl dem Gericht, den Beschuldigten zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten zu verurteilen, wobei die Probezeit drei Jahre betragen solle. Weiter sei er mit 3000 Franken zu büssen und mit einem zehnjährigen Verbot für Tätigkeiten im Umfeld von Minderjährigen zu belegen. Für die Dauer dieses Verbots müsse eine Bewährungshilfe angeordnet werden.

Die Verteidigerin des Angeklagten plädierte auf einen Freispruch und die Abweisung der Zivilklage. Als Vertreterin des Opfers hatte die Mutter eine Genugtuung von 10 000 Franken verlangt.

16 Monate bedingt

Das Gericht verurteilte den seit längerem arbeitslosen Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten, wobei es die Probezeit auf zwei Jahre festsetzte. In den nächsten zehn Jahren wird eine Bewährungshilfe darüber wachen, dass er sich weder beruflich noch nebenamtlich mit Minderjährigen abgibt. Der Zivilklägerin muss er eine Genugtuung von 3000 Franken bezahlen und ihr 200 Franken an die Auslagen für deren Anwältin entrichten. Die Verfahrenskosten von 11 000 Franken gehen zu seinen Lasten.

Für das Gericht gebe es keine Hinweise darauf, dass das Mädchen seinen Vater mit Lügen unbewusst oder «ferngesteuert» in diese missliche Lage habe bringen wollen, stellte Roger Zuber fest. Die Kleine habe der Mutter kurz nach dem Aufenthalt beim Papa detailreich erzählt, was in der Wohnung passiert sei. Eine Verwechslung mit einem anderen Täter falle folglich ausser Betracht.

Anzeichen für eine Manipulation des Mädchens würden fehlen: Wer einem Kind eine erfundene Handlung als wirklich erlebt einreden wolle, müsse Wochen oder Monate aufwenden, um sicherzustellen, dass es auch bei vielen Befragungen bei derselben Version bleibt.

Vor diesem Hintergrund und angesichts des «fragwürdigen» Aussageverhaltens des Angeklagten hege das Gericht keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Mädchens. Der Beschuldigte habe «die Unreife des Kindes ausgenützt» und das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seiner Tochter «missbraucht», stellte Roger Zuber fest.

Langenthaler Tagblatt

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