Ein Jahr, das Schriftsteller macht

Langenthal

Mit Bettina Hartz zieht eine weitere Autorin als Stipendiatin der Stiftung Lydia Eymann in die Stadt. Die Vergabe dieser Wohn- und Arbeitsmöglichkeit an Literaturschaffende habe sich bestens bewährt, sagt Präsident Martin Stauffer.

Martin ­Stauffer vor dem Haus der Stiftung an der Aarwangenstrasse.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Martin ­Stauffer vor dem Haus der Stiftung an der Aarwangenstrasse.

(Bild: zvg)

Mit einem grossen Wiedersehen wurde 2006 gefeiert. Zehn Literaturschaffende waren bis dahin in den Genuss eines Stipendiums der Stiftung Lydia Eymann gekommen. Angefangen bei Nicole Müller 1996/1997 bis hin zu Kristof Magnusson 2005/2006: Alle versammelten sie sich nun für einen Abend gemeinsam in der Stadt, die jedem von ihnen ein Jahr Arbeits- und Lebensort war, um mit dem Stiftungsrat das zehnjährige Bestehen der aussergewöhnlichen Studienbeihilfe zu zelebrieren. Denn dass das Stipendium, das neben dem Aufenthalt im Haus der Stiftung an der Aarwangenstrasse auch einen monatlichen Zuschuss von 3000 Franken beinhaltet, ein besonderes ist, darüber sind sich Autoren weitherum einig.

Zwölf weitere Literaturschaffende sind inzwischen in dessen Genuss gekommen. Und fast für alle von ihnen war das Stipendium zugleich Startschuss in eine eigentliche Schriftstellerkarriere. Das konnte mit Genugtuung auch Stiftungsratspräsident Martin Stauffer beobachten. «Es scheint, als gebe ihnen dieses Jahr, in dem sie sich um nichts anderes als ums Schreiben kümmern können, jenes Selbstvertrauen, das sie brauchen, um endgültig Schriftsteller zu werden», sagt er.

«Wer da war, kommt wieder»

Insgesamt 22 Stipendiaten hat der Langenthaler Notar mittlerweile kommen und gehen sehen. Mit Bettina Hartz bezieht Anfang April bereits Nummer 23 die Wohnung an der Aarwangenstrasse. Ganz unterschiedliche Menschen seien das gewesen, blickt der Stiftungsratspräsident zurück. Verschieden in ihrem Schaffen ebenso wie in ihren Eigenschaften.

Hie und da hat das auch zu unerwarteten Zwischenfällen geführt. Stauffer erinnert sich an eine Autorin, die plötzlich von einem Verfolgungswahn heimgesucht worden ist. An Peter Kamber auch, der die Stiftung ­habe einspannen wollen, um gemeinsam mit ihm gegen den Elektrosmog in den Kampf zu ziehen. Oder den Schriftsteller aus Berlin, der sich von der Stiftung zu wenig betreut gefühlt hatte. Die meisten Literaten indes, sagt der Präsident, hätten sich in Langenthal und mit ihrem Stipendium sehr gut zurechtgefunden.

«Ich sage immer, nach Langenthal komme ja ­eigentlich keiner freiwillig.»Martin Stauffer

Und tatsächlich hat es den einen oder anderen von ihnen auch so wieder einmal in den Oberaargau zurückverschlagen – obgleich das Zwanzigjährige vor einem Jahr ganz vergessen worden sei, wie Stauffer einräumt. Urs Mannhart etwa schlug seine Zelte gar dauerhaft in Langenthal auf.

Auch Ulrike Ulrich war seit ihrem Stipendium 2010/2011 immer wieder einmal in der Stadt anzutreffen. Und ebenso der scheidende aktuelle Stipendiat Werner Rohner hat Freundschaften aufbauen können, «die sicher bleiben werden» – insbesondere im gemischten Chor, dem er ohne jegliche Gesangserfahrung kurzerhand für ein Jahr beigetreten ist. «Ich sage immer, nach Langenthal komme ja eigentlich keiner freiwillig», sagt Martin Stauffer mit einem Schmunzeln. «Aber wenn sie mal da gewesen sind, kommen sie wieder.»

Ideal auch für die Stiftung

Und geht es nach ihm, so werden noch viele weitere Stipendiaten folgen. Zwar hat es der Stiftungsrat bei der Abänderung des Stiftungszweckes Mitte der 1990er-Jahre offen gelassen, welche Sorte von Kulturschaffenden er mit dem Wohnungsangebot und dem monatlichen Zustupf unterstützen will.

Die anfänglichen Diskussionen im Stiftungsrat, ob es im Folgejahr wieder jemand aus der Literaturszene sein soll, seien aber bald einmal hinfällig geworden. Nicht nur, weil sich das Stipendium in Literaturkreisen bald einen Namen gemacht hatte. Das Autorenstipendium sei auch für die Stiftung ideal, weil es einerseits dem Grundgedanken der Stifterin Rechnung trage und andererseits ausser der vorhandenen Studiowohnung keine weitere Infrastruktur benötige.

Das lasse sich auch mit dem ­anderen Zweck der Stiftung, der Vermögenserhaltung vereinbaren, verweist Stauffer auf zwei weitere Liegenschaften und Wertschriften, die Lydia Eymann hinterlassen hat. Die Erträge aus den Liegenschaften und die Ausgaben für die Stipendiaten würden sich gerade die Waage halten, erklärt er. Das sei denn auch das Ziel: «So zu wirtschaften, dass wir die Stipendien weiterhin finanzieren und das Vermögen erhalten können.»

Was zählt, ist der Text

Schliesslich habe sich der Stiftungsrat inzwischen auch reichlich Know-how angeeignet, was die Vergabe des Stipendiums betrifft. «Wir sind ja keine Fachjury, wir sind alles Laien», hält der Stiftungsratspräsident fest. Auch das sei letztlich aber wahrscheinlich ein grosses Plus des Stipendiums, so Stauffers Schlüsse aus einer Tagung, die kürzlich im Stapferhaus Lenzburg stattfand.

In Expertenkreisen würden Autoren offenbar oft einfach weitergereicht. Unbekannte Namen und Literaten ohne Beziehungen hätten dabei teils gar keine Chance, für ein Stipendium berücksichtigt zu werden. Bei ihnen verhalte es sich gerade umgekehrt, sagt Stauffer. «Wir suchen bewusst nach Leuten, die keinen Namen haben, deren Texte uns aber überzeugen.» Der Erfolg gibt ihnen recht.

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