Ein Geben und Nehmen

Langenthal

Durch diesen Austausch entstehen auch Freundschaften: Das Kollektiv Offenes Haus für alle bietet in Langenthal seit gut einem Jahr kosten­losen Deutschunterricht an.

Freiwilligenarbeit: Gymnasiastin Muriel Grenacher bringt den Asylsuchenden die Deutsche Sprache näher.

Freiwilligenarbeit: Gymnasiastin Muriel Grenacher bringt den Asylsuchenden die Deutsche Sprache näher.

(Bild: Thomas Peter)

«Hallo», grüsst Resa Ahmadi mit einem fröhlichen Lächeln auf dem Gesicht in die Runde. Seit ­einigen Monaten besucht der Afghane die Deutschstunden des Kollektivs Offenes Haus für alle (OHA). Dieses organisiert seit gut einem Jahr wöchentlich einen Deutschlerntreff. Freiwillige unterrichten während anderthalb Stunden kostenlos Deutsch.

Das Lernangebot richtet sich an alle, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Nichtsdestotrotz würden fast ausschliesslich männliche Flüchtlinge aus Afghanistan und Eritrea, aber auch aus Senegal, Syrien, dem Irak und dem Iran den Lerntreff be­suchen, sagt Davide Vincifora.

Der 19-jährige Fachmann Betreuung Kinder in Ausbildung gehört zu einem festen Kern von fünf bis zehn Freiwilligen, die regelmässig Deutsch unterrichten. Zudem würden die meisten ihrer Schüler im Durchgangszentrum Aarwangen wohnen, sagt Mit­initiant Samuel Deubelbeiss.

Schwierigkeit Alphabet

An diesem Dienstag haben 11 junge Männer im strömenden Regen den Weg ins Langenthaler Forum Geissberg gefunden, um neue Wörter zu lernen und Grammatikregeln zu pauken. «Heute haben wir nur wenige Teilnehmer. Sonst sind es 20 bis 25 Personen. Das liegt wahrscheinlich am schlechten Wetter», vermutet Davide Vincifora.

«Wir wissen jeweils nicht, wie viele Lehrer kommen. Manchmal sind wir nur drei, manchmal auch zehn.»Muriel Grenacher

Wie bei den Schülern ist auch in den Reihen der Lehrer jede und jeder willkommen. «Wir wissen jeweils nicht, wie viele Lehrer kommen. Manchmal sind wir nur drei, manchmal auch zehn», sagt Muriel Grenacher, ebenfalls ein Mitglied des Kollektivs.

Die Gymnasiastin hat ihre Maturaarbeit dem Thema Lerntreff gewidmet: Sie testete verschiedene Lehrmittel aus und stellte ein eigenes Skript zusammen. In diesem Zusammenhang hat sie herausgefunden, dass die meisten über das Sprechen wesentlich schneller lernen, als wenn sie nur schriftliche Aufgaben lösen. «Allein unser Alphabet ist ganz anders, als sie es kennen. Das ist manchmal etwas schwierig», sagt Grenacher.

Ihre Arbeit verrichten die Mitglieder des OHA nach wie vor kostenlos. Mittlerweile konnte das Kollektiv jedoch ein offizielles Lehrmittel anschaffen. Dies wurde einerseits durch Privatspenden in Höhe von 500 Franken möglich. Andererseits erhielt das Projekt von Contakt-Citoyenneté, einem gemeinsamen Förderprogramm des Migros-Kulturprozents und der Eidgenössischen Migrationskommission, 10'000 Franken Unterstützung.

Nebst besagten Schulbüchern konnte das Kollektiv mit diesem Geld weitere Unterrichtsmaterialien anschaffen sowie eine Weiterbildung für die Lehrpersonen und eine Schulreise an den Oeschinensee organisieren. Der Ausflug habe den Schülern sehr gefallen, erzählt Muriel Grenacher. «Es war ihr Wunsch, in die Berge zu reisen. Wir gingen mit ihnen rodeln, sie machten das alle zum ersten Mal», erzählt Grenacher.

Gute Erfahrung

Auch Farid Aieen nahm am Ausflug an den Oeschinensee teil. «Das Rodeln war eine gute Er­fahrung», blickt er zurück. Als der Afghane vor 18 Monaten in die Schweiz kam, sprach er kein Wort Deutsch. Er besucht den Sprachentreff beim OHA, seit dieses die Deutschstunden anbietet.

«Ich habe hier viele Freunde gefunden.»Farid Aieen

Mittlerweile kann er sich schon gut mit seinem Gegenüber unterhalten. Das habe er alles hier gelernt, erzählt der 27-Jährige. Zwar besuche er auch im Durchgangszentrum Aarwangen einen Deutschkurs, dort würden sie jedoch immer wieder von vorne beginnen, sobald neue Asylsuchende ankämen, so Aieen.

Wahrgenommen werden

Das Angebot des OHA ist aber nicht nur für die Sprachkennt­nisse der Asylsuchenden eine Bereicherung. «Ich habe hier viele Freunde gefunden», sagt Farid Aieen. Den Austausch von Einheimischen und Flüchtlingen betrachtet Samuel Deubelbeiss als grossen Erfolg des Projekts. «Auf der Strasse grüssen wir uns immer, wenn wir uns begegnen. Dadurch fühlen sich die Schüler ernst genommen und wahrgenommen», sagt er.

Es sei ein Geben und ein Nehmen zwischen Lehrern und Schülern, merkt Muriel Grenacher an. Und Davide Vincifora ergänzt: «Der Austausch bringt auch uns persönlich viel. Unsere Schüler sind sehr motoviert, was uns grossen Spass macht.»

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