Langenthal

Ein einfacher Schuhmacher findet sich in Öl verewigt

LangenthalDer Todestag von Ferdinand Hodler jährt sich zum 100. Mal. Weil der Schweizer Nationalmaler als junger Erwachsener von seinem Langenthaler Onkel ­aufgenommen wurde, findet sich die Region in seinem ­Frühwerk zahlreich vertreten.

Er wurde verehrt, er wurde gehasst – und er hat ein bedeutendes Werk hinterlassen: der Berner Künstler Ferdinand Hodler. Nun jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.

Er wurde verehrt, er wurde gehasst – und er hat ein bedeutendes Werk hinterlassen: der Berner Künstler Ferdinand Hodler. Nun jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ferdinand Hodler hat nicht nur den Genfersee und den Thunersee gemalt – diese Werke werden heute für Millionen gehandelt, wenn sie an einer Auktion auf­tauchen. Sondern auch den Burgäschisee. Das hat mit seinen familiären Verhältnissen zu tun: Seine Mutter starb bereits 1867, als er erst 14-jährig war.

Bereits damals hatte Hodlers Onkel Friedrich Neukomm in Langenthal dessen jüngere Geschwister bei sich aufgenommen. Ferdinand jedoch kam in die Lehre zu einem Kunstmaler nach Thun. Dieser erkannte sein Talent und betraute ihn mit anspruchsvollen Aufgaben . So durfte der Lehrling die seidene Fahne eines Oberländer Turnvereins bemalen. Doch durch ein Miss­geschick ruinierte er den Stoff.

Weil der junge Künstler die Strafe des Lehrmeisters fürchtete, floh auch er zum Onkel nach Langenthal, der ihm ebenfalls zum fürsorglichen Pflegevater wurde. Friedrich Neukomm war als Schuhmacher aber selbst nicht auf Rosen gebettet. Die Abmachung mit dem Neffen war deshalb, dass dieser zwar bei ihm wohnen konnte, seinen Unterhalt aber selbst verdienen musste.

Im Mühlestöckli

Seine Werkstatt und Wohnung hatte Neukomm im Stöckli bei der alten Mühle. «Hier fand vom Jahre 1871 an Ferdinand Hodler bei seinem Onkel Neukomm die zweite Heimat und den Weg zur Kunst», ist dort heute in den Riegbalken eingeschnitzt. Was die Heimat betrifft, dürfte das zutreffend sein. Der zweite Teil der Inschrift ist jedoch leicht übertrieben.

Denn aus den beiden Jahren, Ferdinand Hodler wohnte zwischen 1870 und 1872 in Langenthal, sind kaum Bilder aus dem Oberaargau erwähnt oder gar überliefert. 1872 wurde er von Barthélemy Menn, dem Leiter der Ecole de Figure in Genf, als Schüler aufgenommen. Dort dürfte er die Impulse erhalten ­haben, die ihn auf den Weg zur Künstlerschaft führten. Doch er kehrte darauf immer wieder in den Oberaargau zurück.

Recht spektakulär war Ferdinand Hodlers Gastspiel in Langenthal 1882, als er am Tor der Mühlescheune auf einer grossen Leinwand am Bild «Schwingerumzug» arbeitete, für das ihm zahlreiche Langenthaler Modell standen. 3,65 Meter hoch und 2,75 Meter breit war das Monumentalgemälde.

«Begeistert stellten viele Langenthalerinnen und Langenthaler fest, dass auf den stimmungsvollen Bildern Hodlers ihre Umgebung, ihre Wirklichkeit dargestellt und in grosse Malerei umgesetzt war.»Katharina Nyffenegger

Das meiste, was wir heute über die Oberaargauer Sujets von Ferdinand Hodler wissen, stammt von den Schriftstellern Carl Albert Loosli und Maria Waser. ­Ersterer schrieb vier Bände über das Leben, die Werke und den Nachlass Hodlers, die 1921 bis 1924 erschienen. Dafür sprach er mit zahlreichen Zeitzeugen, erlaubte sich bei der Ausgestaltung jedoch auch viele dichterische Freiheiten.

Maria Waser war im Doktorhaus in Herzogenbuchsee auf­gewachsen. In ihrem Kinder­zimmer hing ein grosses Bild, das Ferdinand Hodler von seiner Mutter, Maria Rosa Krebs, gemalt hatte. Es hing direkt neben ihrem Bettchen. An diesem Platz war es gelandet, weil Hodler eine erste Fassung verworfen hatte und die zweite der Familie und anderen Betrachtern weniger gefiel. Maria Waser blieb es jedoch, wie sie in ihrem Buch «Wege zu Hodler» 1927 schrieb, «jederzeit dienstbereiter Pförtner zu den Wegen seines Schöpfers».

«Der tote Napolitaner»

Noch stärker beeindruckt war die Buchser Schriftstellerin jedoch von einem anderen Bild Hodlers: «Der tote Napolitaner». Der Maler hatte vom Tod dieses Dorf­originals aus Oschwand erfahren, und dessen Witwe half ihm eigenhändig, den Toten auf der Tenne ihres Häuschens fürs Malen vorzubereiten.

Was Maria Waser besonders beeindruckte, war der Unterschied zwischen Hodlers Bild und dem eines weiteren Künstlers, der den Toten ebenfalls im Bild festhielt. Während jener eine detaillierte Anotomiestudie erstellte, habe Hodler nicht anatomisch gemalt: «Mit unerbittlichen, keiner Einzelheit schmeichelnden Linien schuf er das Bild des Toten, mehr noch, das Bild der letzten hilflosen Einsamkeit, der letzten grausamen Enthüllung, eine Vision des Todes selbst.»

Daneben porträtierte Ferdinand Hodler unzählige Male seinen Onkel Friedrich Neukomm. Zur Ikone der Ausstellung, die 1992 zur Eröffnung des Langenthaler Kunsthauses organisiert wurde, wurde das Bild aus den Langenthaler Wässerrmatten (siehe Text rechts). Ein Bild, in dem bereits alle Fähigkeiten Hodlers als Freilichtmaler und Porträtist erkennbar sind.

Vorbilder in der Freikirche

Der Künstler hielt seinen Onkel aber auch als Schuhmacher in seiner Werkstatt im Andres-Haus fest, dem heutigen Chrämerhuus. Dorthin war Familie Neukomm 1882 umgezogen. Die Langen­thaler Wässermatten regten Ferdinand Hodler jedoch auch bereits für sich zum Malen an, ebenso wie die Umgebung der Mühle und der Kirche Langenthal oder die Kegelbahn beim Rössli im «Aufhaben». Vieles hat sich dort seither verändert, das Restaurant Rössli selbst musste vor zehn Jahren dem Regionalen Zivilstandsamt weichen.

In den freikirchlichen Kreisen, in denen sein Onkel verkehrte, fand Ferdinand Vorbilder für die Werke «Die Andacht» und «Das Gebet im Kanton Bern». Ein Langenthaler Wegknecht wiederum stand ihm Modell für «Der zornige Krieger». (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 19.05.2018, 07:23 Uhr

Eine Ausstellung, die heute so nicht mehr möglich wäre

Die Initianten bereiteten den Boden für den Kulturort, indem sie die Schaffensperiode Ferdinand Hodlers in der Region erforschten und zeigten.

Indirekt ist Ferdinand Hodler auch dafür verantwortlich, dass Langenthal heute ein Kunsthaus hat. Als absehbar wurde, dass die Stadtverwaltung 1992 in den «Glaspalast» an der Jurastrasse umziehen würde, besann sich eine «Interessengemeinschaft Choufhüsi = Kunsthaus» an die Oberaargauer Jahre des Nationalkünstlers.

Für die Eröffnung des Provisoriums machten sie diese zum Thema – und legten sich dafür mächtig ins Zeug. Peter Killer zum Beispiel, der die Ausstellung kuratierte und den Katalog schrieb, arbeitete «während sechs Wochen etwa 200 Prozent für die Ausstellung», und dies neben der Leitung des Kunsthauses Olten und einer Kunstkritiker-Tätigkeit für den «Tages-Anzeiger». Die Oberaargauer konnten für das Projekt aber auch einen der besten Hodler-Kenner, Josef Brüschweiler aus Genf, gewinnen.

Die Ausstellung sei ein richtiger Paukenschlag gewesen, schrieb eine der Initiantinnen, Katharina Nyffenegger, zwanzig Jahre später. 25'000 Besucher reisten während sechs Wochen aus der ganzen Schweiz an – also etwa 700 pro Tag. Damit stiess der Betrieb zeitweise an seine Grenzen.

Doch nicht nur gesamtschweizerisch habe die Hodler-Schau grosse Wirkung gezeitigt, hielt Katharina Nyffenegger fest: «Auch für Langenthal selbst leistete sie einen unschätzbaren Beitrag zur Identitätsstiftung. Begeistert stellten viele Langenthalerinnen und Langenthaler fest, dass auf den stimmungsvollen Bildern Hodlers, zum Beispiel der Darstellung von Hodlers Onkel Friedrich Neukomm als Mäher in den Wässermatten, ihre Umgebung, ihre Wirklichkeit dargestellt und in grosse Malerei umgesetzt war.»

Bereits vor sechs Jahren hielt Peter Killer gegenüber dem Kunsthaus-Leiter Raffael Dörig fest, die Ausstellung sei «so nicht mehr möglich: Der Kunstbetrieb war damals noch viel unkomplizierter. Wir konnten die Bilder zum Beispiel einfach mit dem eigenen Fahrzeug abholen, heute würde es Spezialtransporte brauchen, ausserdem eine Klimaanlage, und die Sicherheitsnormen waren auch ganz anders damals. Wegen der enorm gestiegenen Preise wäre heute auch die Versicherung unerschwinglich.»

Das alles stimmt heute noch. Doch der Weg vom Choufhüsi zum Kunsthaus war damit geebnet. 1997 konnte das Provisorium in einen definitiven Betrieb übergeführt werden.jr

Kommentare

Blogs

Mamablog Die nervigsten Kinderfiguren

Politblog 200-Meter-Riesen im Gegenwind

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Gut verpackt: Im Logistikzentrum von Amazon in Hemel Hempstead (England) warten Unmengen an Paketen auf die Auslieferung. (14. November 2018)
(Bild: Leon Neal/Getty Images) Mehr...