Langenthal

Die Verführung der Kamera

LangenthalWie zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler auf die schwarzweissen Fotografien von Johann Schär reagieren: Das war das Thema an der Kunstbar im Kunsthaus.

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Im Hauptgang des Kunsthauses Langenthal reiht sich gegenwärtig Porträt an Porträt. Neben Maschinen, Tieren und Landschaft bildete der Gondiswiler Fotograf Johann Schär zwischen 1900 und 1938 vor allem seine Zeitgenossen ab – hauptsächlich Kinder und Frauen.

Einige stehen verkrampft vor der Linse und wissen nicht, was mit ihnen geschieht. Andere hingegen spielen gar mit der Kamera und posieren mit der Hand in der Hüfte.

En Vogue

Auf diese Porträts hat Céline Manz aus Basel reagiert. Sie lässt die Frauen im Takt eines Samples aus einem Madonna-Song auf einem Flachbildschirm erscheinen. Man hat das Gefühl, dass man an einem Fotoshooting dabei ist.

Im Sample hört man immer wieder das Wort «Vogue», das für Mode steht und zugleich auch der Name einer Modezeitschrift ist. «Johann Schär hat indirekt die ersten Instagram-Fotos gemacht», sagt Manz und lacht.

Über den Fotografen hat sich Manz im Vorfeld absichtlich nicht detailliert informiert – und macht dann eine interessante Feststellung: «Ich war regelrecht schockiert, als ich erfuhr, dass Johann Schär bereits älter war.»

«Ich war schockiert, als ich erfuhr, dass Johann Schär bereits älter war.»Céline Manz

Er begann erst mit rund 45 Jahren zu fotografieren. Weil die Frauen teilweise sehr verführerisch in die Kamera blicken, hat sich Manz diesen immer als 30-jährigen und gut aussehenden Mann vorgestellt. «Dass das nicht der Fall ist, bedeutet wohl, dass die Frauen nicht ihn, sondern die Kamera verführen wollten.»

Foto im Foto

Das Werk von Céline Manz ist Teil der Aktion «3×3 zeitgenössische Blicke»; Künstler aus der ganzen Schweiz reagieren in der Ausstellung auf ein Foto von Johann Schär. Diese Reaktionen sind in Form von Zeichnung, Text, digitalem GIF oder Video anzutreffen.

Einer der Künstler ist Matthias Gabi, der in Niederbipp aufgewachsen ist. Als er die 4000 Bilder der Sammlung sichtete, fiel ihm ein Foto ins Auge, auf dem Johann Schär ein anderes abfotografiert hatte. Ein Foto im Foto quasi. «Ich fand es extrem spannend, dass Schär auch bestehende Fotos ablichtete und somit auf seine Art das Bild reproduzierte», sagt Gabi.

«Ich fand es spannend, dass Johann Schär bestehende Fotos ablichtete.»Matthias Gabi

Was der Anlass dazu war, ist nicht eindeutig klar. «Vielleicht erhielt er Aufträge. Oder er fand die Fotos, die er eventuell nicht selber gemacht hatte, so toll, dass er sie für seine Sammlung festhalten wollte», spekuliert Gabi.

Er macht diesen Teil von Schärs Nachlass transparent, indem er dessen Reproduktionen mit Pinnadeln auf ein Brett montiert – so, wie Schär seine Originale mit Nägeln für die Aufnahme fixierte.

Alles auf dem Tisch

Der Langenthaler Slam-Poet Valerio Moser nahm sich ein Bild vor, auf dem eine dreiköpfige Familie vor ihrem Haus in Madiswil sitzt und die Produkte auf einem Tisch präsentiert, die sie herstellt: Hühner, Eier, Honig und «Mättenbacher Kraftspender». «Ich habe mich für dieses Bild entschieden, weil es dem Zuschauer die Vergänglichkeit vor Augen führt», erklärt er.

«Die Familie legt wortwörtlich alles auf den Tisch und zeigt, was sie ausmacht. Ich frage mich, weshalb man sein Hab und Gut zur Schau stellt und warum es genau diese Dinge sind, die sie zeigen wollten.» Über diese Frage hat Moser einen Text verfasst, der unter dem Bild aufgehängt ist.

Die anderen sechs Künstler haben ähnliche Prozesse durchgemacht und auf ihre Art und Weise auf die Fotos von Johann Schär reagiert. Ihr Teil der Ausstellung stand im Mittelpunkt einer Kunstbar im Rahmenprogramm. Das Interesse für die Ausstellung ist gross. Kunsthausleiter Raffael Dörig zeigte sich erfreut darüber.

Noch bis zum 2. April,Montag bis Freitag 14–17 Uhr, Samstag und Sonntag 10–17 Uhr. www.kunsthauslangenthal.ch (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 17.02.2017, 08:09 Uhr

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