Die Jungen haben keine Lust

Dem Jugendparlament fehlen trotz der neuen Zusammenarbeit mit Tokjo weiterhin die Mitglieder. Es drängt sich eine Pause auf – sollten die Bemühungen ­dieses Jahr nicht fruchten.

Aufgeben kommt nicht infrage: «Wir wollen den Jugendlichen aufzeigen, welche Möglichkeiten sie haben», sagt Tokjo-Stellenleiter Thomas Bertschinger.

Aufgeben kommt nicht infrage: «Wir wollen den Jugendlichen aufzeigen, welche Möglichkeiten sie haben», sagt Tokjo-Stellenleiter Thomas Bertschinger. Bild: Marcel Bieri

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Wenn der Förderverein Jugendparlament Oberaargau (JPO) nächste Woche seine Mitgliederversammlung abhält, wird es keine erfreulichen Nachrichten zu vermelden geben. Der politischen Jugendplattform ist über die letzten Jahre immer mehr Engagement verloren gegangen.

«Dem Sprachrohr fehlen die Stimmen» hatte diese Zeitung bereits 2012 getitelt. «Es war immer ein ständiges Auf und Ab», erinnert sich Ehrenpräsident Adrian Wüthrich, der das JPO 1998 mitbegründet hat. «Mittlerweile ist es aber fünf vor Zwölf.»

Bereits im Frühling vorigen Jahres wurde deshalb eine Rettungsaktion nötig: Der Förderverein entschied, die operative Leitung des JPO an den Trägerverein offene Kinder- und Jugendarbeit Oberaargau (Tokjo) abzutreten. «Nach dem Rücktritt der Präsidentin stand das Parlament ohne Führung da», sagt Stellenleiter Thomas Bertschinger. «Es gab niemanden mehr, der die Verantwortung übernehmen wollte.»

Kein «hartes Bedürfnis»

Tokjo stand dem JPO bereits seit 2016 unterstützend zur Seite und hat ein klar definiertes Ziel gefasst: Innerhalb von zwei Jahren soll das Parlament wieder in die Selbstverwaltung zurückgeführt werden.

Um das Weiterbestehen zu sichern, müssen bis dahin möglichst viele politikinteressierte Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren gefunden werden. «Es wäre schade, wenn es mit dem JPO nicht weitergehen würde», so Bertschinger.

Sein Zwischenfazit nach rund einem Jahr macht jedoch wenig Hoffnung: Weder eine grössere Veranstaltung gemeinsam mit den Schulen noch ein wiederkehrendes Politcafé kamen bisher zustande. «Beide Projekte liegen derzeit in der Schublade», so Bertschinger.

Dies weil bei den Jugendlichen das «harte Bedürfnis» gefehlt habe. Dies habe auch eine Umfrage bei den Schulklassen gezeigt. «Es entsteht kein fester Kern mit Leuten, die bereit wären, das JPO mitzutragen.» Nur vereinzelt sei bisher Interesse bekundet worden.

Ursachenforschung nötig

Ganz aufgeben wollen die Verantwortlichen aber nicht. «Uns war klar, dass es schwierig werden würde», sagt Stellenleiter Bertschinger. An einer grösseren Veranstaltung mit «namhaften Acts» möchte Tokjo nun noch einmal für eine mögliche Partizipation am Jugendparlament werben. «Wir wollen den Jugendlichen aufzeigen, welche Möglichkeiten sie haben.» Zudem wurde ein Projekt mit den Praktikanten von Tokjo aufgegleist.

«Vielleicht ist es auch so, dass die Jugendlichen zwar politisch aktiv sind, aber andere Kanäle nutzen.»Thomas Bertschinger, Stellenleiter Tokjo

Sollten diese Bemühungen keine Früchte tragen, müsse Ende Jahr eine Ursachenforschung betrieben werden, so Thomas Bertschinger. Weshalb gelingt es nicht, die Jugendlichen zu motivieren? «Womöglich gibt es derzeit einfach nicht genügend brennende Themen», mutmasst er.

In diesem Fall seien die Jugendlichen womöglich zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es ein wichtiges Anliegen zu vertreten gebe, wieder an einem Jugendparlament interessiert. «Vielleicht ist es auch so, dass die Jugendlichen zwar politisch aktiv sind, aber andere Kanäle nutzen.» Dann müsse man sich fragen, ob das JPO noch die richtige Organisationsform sei.

Adrian Wüthrich wiederum hat als eine der Ursachen auch das fehlende Rekrutierungsengagement der Politik ausgemacht. «Es fühlt sich keine Gemeinde so richtig zuständig», meint er. Der Gründungspräsident plädiert deshalb dafür, ganz gezielt mit den Gemeinderäten aus der Region das Gespräch zu suchen und diese bei der Suche nach neuen Mitgliedern einzubinden.

Wird Unterstützung gekürzt?

Doch was ist, wenn sich bis Ende dieses Jahres die Situation nicht geändert hat? Wird das Jugendparlament dann aufgelöst? Bertschinger und Wüthrich vermeiden es beide, von einer Auflösung zu sprechen.

Sie sind sich aber einig, dass das JPO dann womöglich eine Pause einlegen müsste. «Wobei ich persönlich bereit wäre», sagt Bertschinger, «das Engagement über 2018 hinaus zu verlängern.» Diese Entscheidung liege aber letztlich beim Vorstand und beim Förderverein des Jugendparlaments.

Und von dieser Seite gibt es durchaus positive Signale: «Ob wir der Mitgliedersuche noch mehr Zeit einräumen, hängt letztlich davon ab, ob Tokjo weiterhin bereit wäre, die operative Leitung zu übernehmen», sagt Regierungsstatthalter Marc Häusler, der Präsident des Fördervereins.

Klar ist aber auch: An ihrer Versammlung am 26. April werden die Mitglieder des Fördervereins das Budget 2018 für das JPO festlegen müssen. Bisher wurde das Parlament jährlich mit 12'000 Franken unterstützt. Dass diese Unterstützung gekürzt oder sogar ganz pausiert werde, liege im Bereich des Möglichen, so Häusler. Eine andere Variante wäre es, sagt er, die 12'000 Franken erneut auszuzahlen, jedoch keine Mitgliederbeiträge einzufordern.

Der Förderverein, dem 26 natürliche Mitglieder, 33 Einwohnergemeinden und eine Kirchgemeinde angehören, verfügte per Ende 2017 über ein Eigenkapital von gut 22'000 Franken. (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 20.04.2018, 06:56 Uhr

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